Kleinkunst

Cora Frost und Tim Fischer wissen jede Melodie zu veredeln

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowzcyk
In klassischen Fräcken: Cora Frost (r.) und Tim Fischer in ihrem legendären Programm „Niemand liebt dich so wie ich“.

In klassischen Fräcken: Cora Frost (r.) und Tim Fischer in ihrem legendären Programm „Niemand liebt dich so wie ich“.

Foto: Benno Kraehahn

Zum 30-jährigen Bestehen der Bar jeder Vernunft geben Tim Fischer und Cora Frost dort noch einmal ihr berühmtes Duettprogramm von 1995.

Berlin. Weltweite Popularität erlangte Cole Porters Ballade „True Love“ eigentlich durch das Duett der Filmstars Grace Kelly und Bing Crosby. Die schwelgten frisch vermählt im Filmklassiker „High Society“ (Die oberen Zehntausend) auf einem Segelboot.

Cora Frost stellt sich das Setting für den Song aber lieber anders vor. Und zwar statt Grace Kelly mit Hollywood-Beau Cary Grant, während aus dessen Swimmingpool eine Hausbar herausgefahren wird. Er und Crosby tragen dabei goldene Lurex-Badehosen.

Cora Frost und Tim Fischer haben sich zwar mit ihren klassischen Fräcken für ein nicht ganz so glamouröses Outfit entschieden, aber ihre Interpretation des Songs hat es in sich. „True Love“ kommt so wahnsinnsentspannt daher, dass der große Traum von der wahren Liebe glatt zur Nebensache gerät.

Duette quer durch die Musikgeschichte

Man mag es kaum glauben, dass die Chanson-Ikonen mit ihrem Programm „Niemand liebt dich so wie ich“ vor 28 Jahren Premiere feierten. Da die Bar jeder Vernunft aktuell anlässlich ihres 30. Geburtstags die herausragendsten Programme aus ihrer Gründungszeit noch einmal präsentiert, gibt es jetzt eine Wiederaufnahme des fabelhaften Abends.

Ein musikalischer Geniestreich, der Liebesliedern das Pathos austreibt, Schnulzen von hochtourigen Emotionen befreit und den Sinn mancher dick aufgetragener Zeile gewitzt anzweifelt.

Von Mozart bis Musical

Begleitet von Thomas Dörschel am Flügel, harmonieren und ergänzen sich Tim Fischers brillanter, prononcierter Gesang und Cora Frosts Mehroktaven-Stimme perfekt. Ausgewählt haben sie Duette einmal quer durch die neuere Musikgeschichte und alle Genres.

Egal, ob Mozarts Arie „Reich mir die Hand, mein Leben“ oder „You are my Lucky Star“ aus dem Musical „Singin’ in the Rain“, die beiden veredeln jede Melodie. Nicht nur mit ihren Stimmen, sondern auch mit beredter Gestik und Mimik. Die strotzen nur so vor bösen Pointen.

Zuweilen reicht auch der größtmögliche Abstand auf der Bühne, um einen Song wie „Heirat“ ad absurdum zu führen. Kommt dann noch ein mehr als gelangweilter Duktus hinzu, kann man getrost davon ausgehen, dass die besungene Ehe zum Scheitern verurteilt ist.

Durch jeden Aggregatzustand der Liebe

Im Laufe von zwei Stunden dekliniert das Dreamteam-Duo so ziemlich jeden Aggregatzustand der Liebe durch. Knisternd erotisch wird es aber nicht. Zum einen, weil die beiden wie Geschwister daherkommen, zudem androgyn geschminkt sind. Zum anderen, weil sie die Songs eben auf wunderbar komische Weise dekonstruieren.

Dennoch war es in den Neunzigern eine charmante Kampfansage, dass zwei queere Stars die asexuelle, saubere Schlager-, Musical- und Operettenwelt verulken. Heute ist die Queerness nicht mal eine Fußnote. Geht es doch um großartige Künstler, die wirklich alle Rollenklischees pointiert aufs Korn nehmen.

Allein die popavantgardistische Interpretation von Christian Anders’ tränenreichem Schlager „Darf ich dich bitten um diesen Tanz“ ist schon so anbetungswürdig, dass man diesen Abend unbedingt gesehen haben muss.