Neuer Roman

In Jerusalem gerät das Leben aus den Fugen

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Blech
Die Berliner Schriftstellerin Marina B. Neubert.

Die Berliner Schriftstellerin Marina B. Neubert.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Marina B. Neubert hat mit „Was wirklich ist“ einen vielschichtigen Mythenroman über das Ende der Zeit geschrieben.

Wie bei einem Countdown läuft Marina B. Neuberts wundersamer Mythenroman „Was wirklich ist“ rückwärts ab. Bei Zehn trifft der Leser auf einen athletischen Mann Mitte 40. Der Kampfpilot, der die Aufständischen an der Nordgrenze bekämpft, hat plötzlich brutal auf seine Frau eingeschlagen. Sie hat ihn verlassen. Er wird suspendiert, denn die Bilder des Vorfalls waren zum Turm der Überwachung übertragen worden. Der Hausroboter mit Namen Golem ist seit gut zwei Monaten in Betrieb. Schnitt.

In Kapitel Neun feiert die kleine Mene, die bei ihrer toughen Tante, einer Neurochirurgin, lebt, ihren zehnten Geburtstag. Aus dem 50. Stock des Wohnhauses schaut Mene auf einen riesigen Schwefelsalzberg, der bis zum 30. Stock hochreicht. Der lebensbedrohliche Berg kam möglicherweise dadurch zustande, dass die Schwefelsonnenschirme in der Stratosphäre eingestellt wurden. Eine andere Erklärung tippt auf eine Nachahmung der Salzsäule von Lots Frau. Mystik trifft auf Wissenschaft. Mene war nach einer Flammennacht erkrankt. Golem ist jetzt seit gut zehn Jahren im Dienst. Schnitt.

Die totale Überwachung der Stadt ist erdrückend

Um Ehefrau Oholiba geht es bei Zählzeit Acht. Die totale Überwachung der Stadt ist erdrückend. „Wir haben euch erschaffen, damit ihr uns beschützt“, sagt der Mann: „Und ihr spioniert uns aus“. Golem erwidert als künstliche Intelligenz wahrheitsgemäß: „Wir führen eure Befehle aus, Herr.“ Oholiba teilt ihrem Mann mit, dass sie schwanger ist, nachdem sie ihren Verhütungschip entfernen ließ. Was sie nicht wusste, er hatte sich einen Sterilisierungschip implantieren lassen. Schnitt. In Kapitel Sechs erschießt sich der namenlos bleibende Ehemann. Schnitt.

In seiner anfänglich lakonischen Kälte erinnert der Science-Fiction-Teil an die typisch russischen Literaturdystopien etwa eines Vladimir Sorokin. Der Menschheit drohen die letzten Freiheiten und ihre Werte abhanden zu kommen. Die Stadt versinkt wie einst Sodom und Gomorrha in Feuer und Schwefel. Das scheint sich mit dem Denken des Jerusalemer (Militär-)Historikers Yuval Noah Harari zu verbinden, der im Zuge der biotechnologischen Entwicklungen andere Menschenwesen erwartet. Schnell dämmert es einem in Marina B. Neuberts Roman, dass es sich um eine düstere Zukunftsvision von Jerusalem handelt, wo man seit Jahrtausenden auf den Messias wartet. Jerusalem steht für die Welt. Der Countdown läuft.

Nur auf den ersten Blick verläuft die Handlung geradlinig, der Roman ist vielmehr durchdrungen von kulturhistorischen Betrachtungen, aktuellen Anspielungen auf Israel und die Palästinenser, alten Mythen und religiösen Weisheiten. Die Legende vom Prager Golem, dem aus Lehm geformten, stummen Wesen, der den im Mittelalter bedrohten Juden beistand, ist vielen geläufig. Der Name Oholiba findet sich in der jüdischen Bibel (Ezechiel, 23. Kapitel) als Symbolfigur für Jerusalem.

Anspielung auf Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“

Beim Propheten Ezechiel geht es um das Verhältnis von Gott und den israelitischen Menschen, wobei die göttliche Rache der Wiederherstellung der gestörten Glaubensordnung dient. Und Lots Frau erstarrte zur Salzsäule, weil sie sich verbotenerweise beim Verlassen der Stadt Sodom umdrehte. Es gibt Hinweise auf Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ oder auf Franz Kafkas „Der Prozess“. Kulturkenner des jüdisch-christlichen Abendlandes werden beim Lesen vieles entdecken können.

Bei Countdown Vier findet Oholiba ihren schwer verletzten Ehemann. Sie wird einem strengen Verhör unterzogen. Bei Drei hat die junge Mene erstmals Schmetterlinge im Bauch. In Kapitel Zwei wird Oholiba erpresst, um bei ihrem Mann bleiben zu können. Sie wird Informantin und gibt ihre Tochter ab. Mene ist das Kind einer Vergewaltigung durch einen Aufständischen, nachdem sich Oholiba im Grenzgebiet aufhielt. Schnitt. Als Mene ihre Mutter in Kapitel Eins daheim besucht, wird das Spitzelgeheimnis anwesenden Gästen gegenüber offenbart. Die Mutter stürzt sich aus dem Fenster. Bei Null greifen Kampfjets die Nordgrenze an. Die Stadt selbst stirbt. Die Überlebenden fliehen mit ihren Robotern in die Dunkelheit. Das geschieht auf der 180. von insgesamt 269 Seiten.

In ihrem 2018 erschienenen Debütroman „Kaddisch für Babuschka“ hatte die im ukrainischen Lemberg geborene, im russischen Moskau aufgewachsene und im amerikanischen San Francisco ausgebildete Marina B. Neubert eine melancholische, autobiografisch gefärbte Familiengeschichte geschrieben. Darin hört die Ich-Erzählerin Hannah vom Tod ihrer Großmutter, reist von Berlin nach Lemberg, ihre Heimatstadt, die sie in den 1990er-Jahren fluchtartig verlassen hatte. Die Schriftstellerin und Hochschuldozentin lebt heute zwischen Berlin und Jerusalem.

Der Messias besitzt keine gültige Ausweisnummer

„Was wirklich ist“ (Aviva-Verlag, 20 Euro) offenbart sich als ein feinsinniger Roman im Roman. Über ihr Manuskript gebeugt sitzt die Autorin Mene auf Seite 183 auf einer Jerusalemer Caféterrasse. Es ist brütend heiß in der Stadt. Sie wartet auf den Filmregisseur Amir Rotenberg. Das Buch soll als deutsch-israelische Koproduktion verfilmt werden, aber Mene wird von Zweifeln geplagt. Es beginnt das Kapitel Eins des im Heute verorteten Romans, von jetzt an wird aufwärts gezählt. Die Kälte der voran gestellten Dystopie weicht einer poetischen Wärme der Sehnsüchte. Handlung und Personen spiegeln sich im Wechsel der Zeiten. Mit dieser raffinierten Konstruktion gestaltet die Autorin das Bild vom Ende der Zeit.

An einigen Stellen blitzt dennoch Humor auf, denn die Überbürokratisierung spielt auch in Israel eine hemmende Rolle. Im vierten Kapitel befürchtet Mene, dass der Wachposten „den Messias, der gerade ankam, um den Olivenberg von dem nie endenwollenden Streit zu erlösen, nicht hindurch ließ, weil er keine gültige Ausweisnummer besaß.“ Der Roman endet hoffnungsvoll.