Deutsches Theater

Wie geht Utopie? Sarah Kurzes „Hier wird kein Titel stehen“

| Lesedauer: 3 Minuten
Felix Müller
Auf der Bühne: Carla Pugnat, Malia Kassin, Dimitrije Parkitny, Lilli Dezius, Lucia Herrmann, Marlene Engberding, Joséphine Lou Falkenstein und Tilman Döbler.

Auf der Bühne: Carla Pugnat, Malia Kassin, Dimitrije Parkitny, Lilli Dezius, Lucia Herrmann, Marlene Engberding, Joséphine Lou Falkenstein und Tilman Döbler.

Foto: Arno Declair

Die Regisseurin geht mit einem achtköpfigen Ensemble der Frage nach, welche Zukunft sich junge Menschen erträumen

Reden wir über Falafel. Zu diskutieren wäre, sagt Tilman Döbler nach etwa zehn Minuten im staatstragenden Ton einer Bundestagsrede, zum Beispiel ein bedingungsloses Falafeleinkommen für alle, das den Zugang zu den frittierten Bratlingen aus Kichererbsenpüree jederzeit sicherstellen würde. Die andere Variante wäre eine Abkopplung des Falafelwesens vom Finanzsystem durch eine globale Falafelwährung.

Seine sieben Mitstreiterinnen und -streiter, mit denen Regisseurin Sarah Kurze diesen sehenswerten Abend entwickelt hat, haben ähnlich ausgefallene Ideen zu bieten, mit denen man diese Welt zu einem besseren Ort machen könnte. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Spa für Fahrräder, das all das lästige Luftaufpumpen, Kettenölen und Bremsennachziehen in einem Rutsch erledigte? Oder mit einem Feuerzeug, mit dem man den Druck, der auf den Menschen laste, ganz einfach per Knopfdruck auflösen könnte? Mit einer Maschine, die das Aneinandervorbeireden von Menschen in Diskussionen einfach stoppt, Beleidigungen Einhalt gebietet und daherbehauptete Fakten sofort überprüft? Wie wäre ein Zeitverlangsamer? Oder ein Kohlendioxidstaubsauger?

So überstürzen sich die Vorschläge, und ob sie praktikabel sind oder nicht, ist erst einmal egal, denn oft sind es ja Spinnereien, aus denen Ideen entstehen. Und dass es die braucht, darin ist sich das junge Ensemble in der ausverkauften Box des Deutschen Theaters zurecht einig. Dem jungen Team geht es – nicht nur, aber vor allem – darum, angesichts von Klimawandel, gesellschaftlicher Ungleichkeit und diskriminierender Strukturen so etwas wie eine Utopie zu entwickeln, in der das Leben für alle wieder lebenswert werden könnte.

Bei der Neuerschaffung der Welt die Sterne vergessen

Das ist natürlich verdammt schwer. Soll man einfach mit allem brechen und als Menschheit neu anfangen? Und selbst wenn das irgendwie möglich wäre, wie schwer würden dann die Verluste wiegen? Kulturen und Traditionen: einfach alles aufgeben? Das Ensemble denkt in wechselnder Rede darüber nach – und was das so interessant und sympathisch macht, ist gerade das offene Eingeständnis, selbst keinen Plan zu haben. So kann man auch mal kurz die Schöpfungsgeschichte rekapitulieren und im Anschluss feststellen, bei der Neuerschaffung der Welt die Sterne vergessen zu haben.

Eines der großen Probleme der öffentlichen Debatte, die oft als polarisiert beschrieben wird, liegt in gruppenbezogenen Zuschreibungen und Unterstellungen. Der vielzitierten „Fridays for Future“-Generation wird gern moralischer Rigorismus und realitätsfremde Träumerei vorgeworfen. Nur ist die Sache ja viel komplexer und das Bild einer homogenen Gruppierung nur ein Pappkamerad.

Es ist von Ausgrenzungserfahrungen zu hören („Was ich bin, kommt einem Defizit gleich“), der Ruf nach Umsturz klingt ebenso an wie die Angst davor, je nach Person in ganz unterschiedlichen Schattierungen. Auf einer Videoleinwand kommen weitere Menschen zu Wort, die sich mehr Solidarität und Gesprächsbereitschaft wünschen. Ein facettenreicher Abend, der seiner Fähigkeit zum Zuhören viel verdankt. Und der mit Gesang, Musik und Gedichten immer wieder anrührende Momente findet.

Deutsches Theater (Box), Schumannstr. 13a, Mitte. Termine: 27.2., 19.30 Uhr, 10.3., 19 Uhr, 11.3., 19.30 Uhr, 12.3., 19 Uhr.