Ultraschall-Festival

Orchestrales Geschnatter und ein Fieberthermometer

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Volker Blech
Das GrauSchumacher Piano Duo zur Eröffnung des „Ultraschall“-Festivals.

Das GrauSchumacher Piano Duo zur Eröffnung des „Ultraschall“-Festivals.

Foto: Simon Detel

Mit drei zeitgenössischen Werken eröffnete das Deutsche Symphonie-Orchester das Festival „Ultraschall Berlin“ im Großen Sendesaal des RBB.

Die Nachrichten des Tages sind zu Beginn über Lautsprecher zu hören. Das Publikum sitzt derweil im Großen Sendesaal des RBB und wartet. Dann fällt das Stichwort Konzert – und plötzlich steht Festivalleiter Andreas Göbel vor der Bühne und begrüßt die Radiozuhörer und damit beiläufig auch das Publikum im Saal. Das Eröffnungskonzert von „Ultraschall Berlin“ wurde am Mittwoch live übertragen. Bei diesem Modell müssen die Radiozuhörer wegen der Umbaupausen auf der Bühne bei Stange gehalten werden. Festivalchef Göbel führt also Pausenfüller-Interviews mit beteiligten Künstlern. Was durchaus erhellend sein kann bei einem Festival, das sich der unvertrauten zeitgenössischen Musik verpflichtet hat.

Das Festival lädt bis zum Sonntag an verschiedene Orte ein

Das Deutsche Symphonie-Orchester beweist sich im Eröffnungskonzert mit Werken von Dieter Ammann, Luca Francesconi und Milica Djordjevic wieder einmal als ein Klangkörper, der sich auf das Zeitgenössische in aller professionellen Ernsthaftigkeit einlässt. Das kann man leider nicht allen Orchestern nachsagen. Diese Neugierde auf Neues gehört zum mittlerweile 75-jährigen Bestehen des früheren Rias-Symphonie-Orchesters. Natürlich verspricht jedes ambitionierte Festival vollmundig, die Vielfalt und Kreativität der Zeitgenossen vorführen zu wollen. Ultraschall präsentiert bis zum Sonntag eine eigene Mischung der Formen, Formate und Formationen an verschiedenen Veranstaltungsorten in Berlin. Aber Werke für ein großes Orchester sind schon eine besondere Herausforderung für jeden Komponisten, weil sie sich immer auch an Klangtraditionen in dieser Besetzung messen lassen müssen. Dirigent Jonathan Stockhammer zeigt sich am Pult als ein souveräner und leidenschaftlicher Verwalter.

Die drei Werke des Auftaktprogramms sind plus minus 20 Minuten lang und suchen nach dem größtmöglichen Effekt. Jeder der Komponierenden hat eine Idee dafür, die allerdings auch schnell ausgereizt sein kann. Allen geht es um die Überwältigung, leise Töne sind rar. Dieter Ammann lässt in seinem Stück „glut“ (2014/16) sofort die Orchestermuskeln spielen. Sein Stück verbindet Spielwucht mit Sinnlichkeit. Es klingt irgendwie amerikanisch, ein Hauch von Bernstein liegt über dem metallisch blitzenden Stück. Der Schweizer Komponist war zunächst als Pianist, aber auch als Trompeter und als E-Bassist, im Jazz und im Free-Funk unterwegs. Er schöpft aus dem Vollen in seiner Collage, die orchestrales Geschnatter mit wundersamen Klangflächen konfrontiert.

Der Komponist hält das Klavier für eine „Teufelsmaschine“

Luca Francesconis „Mascchine in echo“ von 2015 ist ein Virtuosenstück par excellence. Das GrauSchumacher Piano Duo führt in der einleitenden Kadenz vor, warum der italienische Komponist Klaviere für „Teufelsmaschinen“ hält. Andreas Grau und Götz Schumacher fordern das Orchester energiegeladen zu Dialogen, zu Spiegelungen und Echowirkungen heraus. Es ist ein schier unendlicher Kampf gegen Strukturen. Es kommt viel Schlagzeug, aber auch ein Akkordeon und ein Keyboard zum Einsatz. Es ist das Hauptwerk des Abends.

Vor Milica Djordjevics Stück „Quicksilver“ von 2016 ist etwas Ungewohntes im Saal zu erleben. Zunächst stimmt Konzertmeisterin Marina Grauman ein, dann im Vierteltonabstand die anderen Stimmführer ihre Leute. Das verschrobene Vierteltonstück beginnt schneidend wie ein scharfes Messer. Aber die Assoziationen, die die serbische Komponistin hatte, sind einem Youtube-Video über Quecksilber geschuldet. In ihrem Stück wabern die Farben und Bewegungen. Mit Quecksilber werden sich für viele andere Erinnerungen verbinden. Tatsächlich erinnert das Stück ein wenig an ein Fieberthermometer.