Philharmonie

Schostakowitsch lebt in Bäumen und Blumen weiter

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Volker Blech
Der südkoreanische Pianist  Seong-Jin Cho als Solist beim Rundfunk-Sinfonieorchester in der Philharmonie.

Der südkoreanische Pianist Seong-Jin Cho als Solist beim Rundfunk-Sinfonieorchester in der Philharmonie.

Foto: Peter Meisel

Vladimir Jurowskis Rundfunk-Sinfonieorchester spielte Jelena Firssowas „Der Garten der Träume“, eine Hommage an den großen Komponisten.

Es gab zwei unerwartete Dinge bei diesem großartigen Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters unter Vladimir Jurowski. Zunächst einmal kamen am Sonntag auffällig viele junge Asiatinnen als Publikum in die Philharmonie, einige hatten noch ihre Instrumente bei sich. Vermutlich handelte es sich um Musikstudierende. Das Rätsel löste sich beim Blick ins Programmheft. Der Südkoreaner Seong-Jin Cho war Solist in Robert Schumanns Klavierkonzert op. 54. Der Pianist, 1994 in Seoul geboren, ist vor zehn Jahren Preisträger des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs geworden und seither gefragt. Er lebt in Berlin und hat offenbar eine Fangemeinde.

Die ersten dramatischen Takte versprachen ein aufwühlendes Schumann-Konzert. Aber Seong-Jin Cho setzte umgehend auf einen romantisierenden Klavierpart, vertraut gefühlvoll mit viel Pedal. Das Orchester hingegen war ganz auf sinfonische Überwältigung eingestellt. Es dauerte eine Weile, bis Chefdirigent Vladimir Jurowski sein Orchester zu mehr Geschmeidigkeit bewegen und die Klangwelten zusammenführen konnte. Einige wunderbare Momente des Miteinanders waren zu hören. Seong-Jin Cho ist ein junger Virtuose voller Klarheit. Dass er kaum aufbegehrt und nach Kantigem sucht, wurde auch in seiner kleinen Schumann-Zugabe spürbar.

Jelena Firssowa hat das Anagramm D-Es-C-H auskomponiert

Die zweite Überraschung des Abends war das Eröffnungswerk von Jelena Firssowa. Die gebürtige Leningraderin, Jahrgang 1950, ist Composer in residence beim Orchester und man merkt, dass Jurowski die russische Komponistin, deren Musik in Sowjetzeiten offiziell als „unwürdig“ diskreditiert wurde, bewundert und am Pult hofiert. Die Aufführung von „Der Garten der Träume“ für Orchester op. 111 war eine liebevoll aufblühende Interpretation. Das Stück ist eine Würdigung der besonderen Art.

In der deutschen Musikgeschichte kennen wir eine Reihe von Werken, die aus der Tonleiter heraus das Anagramm B-A-C-H als Motiv verwenden. Bei Firssowa ist es ein D-Es-C-H. Damit offenbart sie sich als Anhängerin des großen sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Sein Motiv blüht in der rund zwölfminütigen allenthalben in Bäumen und Blumen auf. Jurowski führte ein Stück zwischen zeitgenössischer Strenge und überbordender Sinnlichkeit vor. Die anwesende Komponistin erhielt am Ende viel Beifall. Es ist auch ein Stück, dass man gerne wieder hören würde.

Die letzten Töne der Sinfonie bleiben ein großes Rätsel

Ein klingendes Rätsel hat uns Schostakowitsch in den letzten Takten seiner 15. Sinfonie, die in der zweiten Konzerthälfte auf dem Programm stand, hinterlassen. Der letzte große Sinfoniker, wie es gern heißt, hat sich mit einem seltsam leisen Finale aus der Welt verabschiedet. Es gibt die verschiedensten Deutungen: Sie schwanken zwischen dem endenden Herzschlag, einem Entschweben in den Himmel bis hin zum Irren durch eine verbrannte Seelen-Landschaft. Jurowski hat eine weitere Deutung.

Eher als eine skurrile Zirkusnummer lässt der Dirigent die A-Dur-Sinfonie starten, es klingt, als ob sich eine Gruppe von Duracell-Häschen ihren Weg bahnen und das Ganze im ersten Satz eskaliert. Danach wird es nachdenklicher, viele schöne Soli sind zu hören. Die Sinfonie kann das Publikum in einen Zeitsog ziehen. Im Finalsatz zitierte der dahinsiechende Komponist, der beileibe kein Wagner-Verehrer war, tongetreu aus der „Walküre“. Es geht um die Schicksalsfrage. Bei Jurowski verklingt das Finale im Diesseits. Fortsetzung folgt. Das Publikum jubelt.