Philharmonie

Als Verdi die Lust an der Oper verlor

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Volker Blech
Daniel Barenboim bei den Philharmonikern.

Daniel Barenboim bei den Philharmonikern.

Foto: Bettina Stoess

Daniel Barenboim dirigiert bei den Philharmonikern Werke des Italieners, die zunächst gar nicht für die Veröffentlichung gedacht waren.

Daniel Barenboim dirigiert Verdi. Das klingt auf den ersten Blick nach einem verspäteten Neujahrsprogramm mit Best-of-Glückseligkeit. Aber bei den Berliner Philharmonikern stehen Werke auf dem Programm, die der Italiener zunächst gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen hatte. Der in Berühmtheit alternde Opernkomponist hatte die Lust an der Oper verloren. Für sein einziges Streichquartett, das in der Philharmonie aber in der opulenten Fassung für Streichorchester aufgeführt wird, ist im Programmheft Verdis berühmter Satz zitiert: „Ich weiß nicht, ob das Quartett schön ist oder nicht, aber ich weiß, dass es ein Quartett ist.“

Das Alterswerk sucht im Inneren nach neuen Antworten

Die Musik des Abends ist jenseits der schönen Fassade von Brüchen und Zweifeln durchzogen. Dieses Wechselspiel zwischen Himmel und Hölle machen Barenboim, die Philharmoniker und der Rundfunkchor Berlin voller Klangsinnlichkeit hörbar. Das Alterswerk des Komponisten sucht im Inneren nach neuen Antworten, nach Tiefe.

Zum Auftakt aber wird mit der Ouvertüre zur „Die sizilianische Vesper“ der Opernhimmel beschworen. Barenboim verleiht dem Abend einen leichtfüßigen, ja unkomplizierten Gestus. Verdi hatte um den Opernstoff für die Pariser Oper lange gerungen, es ist ein Monumentalwerk geworden. Die kurze, in die Handlung einstimmende Ouvertüre verführt an diesem Abend mit ihren weitschwingenden Melodien und raffinierten Rhythmen. Es liegt jenseits des vertrauten Verdischen Uff-ta-ta in früheren Opern, wo das Orchester zuerst schöne Stimmen zu begleiten hatte.

Das Streichquartett offenbart den Willen, nach dem Leben zu greifen

Das Streichquartett entstand in einer Phase der frustrierten Langeweile. Die Premiere seiner „Aida“ musste verschoben werden. Im Hotelzimmer rieb sich Verdi an der ihm fremden deutsch-österreichischen Tradition des Streichquartetts. Er verknüpfte die thematische Arbeit mit seiner Melodieführung. In den Kopfsatz stieg der Opernkomponist gleich mit Vertrautem ein und beschwor die Klangwelt der eifersüchtigen Amneris herauf. Die Streichorchesterfassung des viersätzigen Streichquartetts, die in der Philharmonie gespielt wird, betont Verdis Neigung, alles doch wieder ein wenig ins Opernhafte zu wenden. Darin offenbart sich auch der Wille, nach dem Leben zu greifen. Das wird in dieser opulenten Fassung deutlich.

Mit den „Quattro pezzi sacri“, den vier geistlichen Stücken, kehrte Verdi zu seinen Wurzeln als Kirchenmusiker zurück. Es war eine letzte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Das „Stabat Mater“ setzte den Schlusspunkt in seinem Schaffen. Er selbst sträubte sich gegen die Veröffentlichung. Der Rundfunkchor setzt in den A-Cappella-Stücken voller Klangschönheit auf die Innigkeit, auch wenn die ins Jenseitige strebende Sopranhelle dabei etwas verloren geht. Im „Te Deum“ stoßen die Philharmoniker wieder dazu. Staatsopern-Sopranistin Ljubov Medverdeva hat nur wenige Zeilen zu singen, aber sie ist mit ihrer jugendlichen Dramatik in der Philharmonie überaus präsent. Es geht um die Hoffnung auf Erlösung. Das Publikum wirkt am Ende berührt.