Theater

David Bösch inszeniert „Der Weg zurück“ am Berliner Ensemble

| Lesedauer: 3 Minuten
Ist gerade Vater geworden – und Witwer: Ein Mann (Gerrit Jansen)

Ist gerade Vater geworden – und Witwer: Ein Mann (Gerrit Jansen)

Foto: Matthias Horn / BErliner Ensemble

Der Dramatiker Dennis Kelly wagt ein Gedankenspiel: Kann man im Namen der Menschheit Wissenschaftler töten und Labore in die Luft sprengen?

Gerrit Jansen spielt den Mann, mit dem diese über fünf Generationen reichende Geschichte ihren Anfang nimmt. Er betritt die Bühne und birgt ein Neugeborenes im Arm. Mit Begeisterung erzählt er vom Hormonrausch, den er bei der Geburt erlebte und der immer noch anhält. Erst später erfährt das Publikum, dass seine Frau dabei verblutete. Und dass die Ursache dafür in einer Nebenwirkung der In-vitro-Fertilisation lag, der sie sich zuvor unterzogen hatte. Wie Jansen hier vom Liebestaumel in die nackte Verzweiflung kippt, ist große Schauspielkunst. Verständlich, dass dieser Mann mit dem technischen Fortschritt nichts mehr zu tun haben will.

Das Stück „Der Weg zurück“, vom britischen Dramatiker Dennis Kelly noch in vorpandemischen Zeiten für das Berliner Ensemble geschrieben, verfolgt ein Gedankenspiel, das sich auch Christian Schwochow in seinem Film „Je suis Karl“ vorgenommen hat: Was, wenn Jugendbewegungen wie „Fridays for Future“, die sich nicht weniger als die Rettung der Welt auf die Fahnen geschrieben haben, der totalitären Versuchung erliegen? Während Schwochow das Experiment in rechter Gewalt eskalieren ließ, ersinnt Kelly eine Bewegung, die sich radikal vom Fortschrittsparadigma abwendet, Bomben in wissenschaftliche Einrichtungen legt und auch vor einer Regulierung der Sprache nicht zurückschreckt.

Die Zukunft wird düster – und diktatorisch

Wie sich der ursprünglich idealistische Gedanke im Lauf der Generationen zur Denk- und Freiheitsfalle pervertiert, macht das Stück in kurzen, schnellen Szenen begreiflich: Die Jahreszahlen rattern zum Klang von a-has „Take on me“ auf der Projektionsfläche der Hinterwand aufwärts, und wir sehen Tochter Dawn aus der ersten Generation (Claude De Demo), die sich mit ihrem Freund Jonathan (Dennis Svensson) zu einer Art RAF-Pärchen der Regression zusammengetan hat, das viel Liebe miteinander macht, nebenbei Wissenschaftler tötet das eine oder andere Labor in die Luft jagt. Bei einem dieser Attentate kommt Jonathan ums Leben. Dawn ist schwanger mit Zwillingen.

Wieder fliegen die Jahreszahlen, und das Zwillingspärchen (Philine Schmölzer und Jonathan Kempf) verkündet in grauen Overalls die Gesetze des Regressionsregimes, die inzwischen alle Lebensbereiche beherrschen: „Es gibt zwei Arten der Kommunikation, die akzeptabel sind: das gesprochene Wort und die Schrift“. Auch die Sexualität hat den Regeln der Regressiven zu folgen.

Regisseur David Bösch hat die bewusst überdrehte Dystopie Kellys in einen kurzweiligen Abend übersetzt, der in der vierten Generation anhand einer atemberaubend schön animierten Videosequenz (Patrick Bannwart, Falko Herold) erzählt wird – und dem man seine hoffnungsfrohe Schlusspointe dann doch nicht abnehmen will. Man ist zu pessimistisch geworden in diesen Zeiten.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Wieder am 4. Dezember.