Komödie im Schiller Theater

Folke Braband inszeniert Ayckbourns „Schöne Bescherungen“

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Waffenfetischist trifft auf Puppenspieler: Onkel Harvey (Achim Wolff, l.) und Bernard (Oliver Dupont).

Waffenfetischist trifft auf Puppenspieler: Onkel Harvey (Achim Wolff, l.) und Bernard (Oliver Dupont).

Foto: Franziska Strauss / Kömödie im Schiller Theater

Wenn Weihnachten völlig aus dem Ruder läuft: Ein prominent besetzter Abend mit viel Gespür für menschliche Schwächen

Riesengroß und überladen funkelnd steht der Weihnachtsbaum im klassischen Rot, Grün, Gold da. Rundum perfekt. Wie aus der Werbung abgekupfert. Darunter ein Haufen Geschenke. Sinnbild für fröhliche Weihnachten. Doch vom Fest der Liebe kann im Haus von Belinda und Neville keine Rede sein. Onkel Harvey preist die nackte Gewalt, die alkoholselige Schwägerin Phyllis malträtiert den Lammbraten in der Küche und Hausherrin Belinda ist kreuzunglücklich in ihrer lieblosen Ehe. Insgeheim warten Familie und Freunde auf die Ankunft von Schriftsteller Clive, Rachels Bekanntschaft. Ein Außenstehender, der Erlösung bringen könnte vom üblichen Weihnachtskrampf. Neben erbittertem Streit und toxischen Wortgemetzeln fürchten sich alle vor Bernards obligatorischem Puppenspiel. Diesmal „Die drei kleinen Schweinchen“ in 16 Akten.

Von der ersten Sekunde an läuft Weihnachten in Alan Ayckbourns „Schöne Bescherungen“ bei der Premiere in der Komödie im Schiller Theater komplett aus dem Ruder. Prominent besetzt, hat Regisseur Folke Braband den bitterbösen Komödienklassiker mit viel Humor und einem sicheren Gespür für menschliche Schwächen inszeniert. Und aus dem Jahr 1980 in eine gutbürgerliche Gegenwart verlegt. Ins großzügig geschnittene Heim von Autohändler Neville (Timothy Peach). Einem Techniknerd, der die gepflegte Hütte mit einem Tastendruck in eine Weihnachtsdisco mit Lichtorgel verwandeln kann. Und sich ansonsten wenig um seine Angetraute schert. Sein „gutes, altes Mädchen“ Belinda (Katja Weitzenböck) hat bitteschön geräuschlos zu funktionieren. Damit Neville mehr Zeit mit seinem Technik-Schnickschnack und Kumpel Eddie (Alexis Kara) verbringen kann. Für Letzteren eine prima Ausrede, sich null um seine hochschwangere Frau Pattie (Julia Kathinka Philippi) und die zwei kleinen Kinder zu kümmern.

Plastik-Pumpguns als Geschenk für die Kinder

Dritter im Bunde der ignoranten, vorgestrigen Männer ist Onkel Harvey, der wie weiland Waldorf & Statler in der Muppetshow über alles und jeden lästert. Achim Wolff gibt den polternden Waffennarren, der Plastik-Pumpguns an die Kinder verschenkt, so hochkomisch wie furchterregend authentisch. Den brillantesten Auftritt des Abends hat aber TV-Darling Marion Kracht als sturztrunkene Phyllis. Furios schwankend versucht sie Clive (Tommaso Cacciapuoti) zu verführen, während die mausgraue Rachel (Sabine Fürst) hilflos zusieht. Der Schriftsteller indes hat sich da schon längst in Belinda verliebt. Und umgekehrt. Sie will unbedingt unterm Weihnachtsbaum von ihm genommen werden. Nur nicht auf Onkel Harveys Fernsehsessel. Der hat nämlich keine „erotische Konnotation“. Dumm nur, dass Nevilles Musikschalte angeht, „Feliz Navidad“ durch die Nacht schallt und wirklich alle plötzlich im Wohnzimmer stehen.

Kein Wunder, dass der Haussegen am Weihnachtsmorgen schief hängt. Als Bernard (Oliver Dupont) dann noch sein Puppenspiel auspackt, liegen die Nerven blank. Die Stimmung ist überreizt. Die hohen Erwartungen sind an der mageren Realität gescheitert. Wo vorher beredte Blicke genügt haben, werden gemeine Wahrheit nun ausgesprochen. Womit das hinreißend aufspielende Ensemble die Mär vom besinnlichen Familienfest komplett demaskiert hat. Gestählt mit diesen desillusionierenden Schwingungen, kann Weihnachten kommen.

Theater am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88, 30.11., 2.-4., 7.-11., 14.-18., 21. 22., 27. 28.12. um 20 Uhr, 1.12. um 16 Uhr, 5., 12., 25. 26.12. um 18 Uhr, 19.12. um 19 Uhr