Bühne

Feiner Witz: „Noch einen Augenblick“ am Renaissance Theater

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Für Theaterautor Max (Martin Schneider) trägt Suzanne (Susanna Simon) lieber den sachlichen Pullover.

Für Theaterautor Max (Martin Schneider) trägt Suzanne (Susanna Simon) lieber den sachlichen Pullover.

Foto: Max Jackwerth / Renaissance Theatrer

Hausherr Guntbert Warns inszeniert kurzweilig und mit Tiefgang Fabrice Roger-Lacans Komödie über die Lebenskrise einer Diva

Einfach alles loslassen und mit Simon, dem merkwürdigen Jungen von nebenan, nach Alaska auswandern. Einfach vergessen, dass die Premiere in drei Minuten beginnt und nur noch an Julien denken. Das wäre wohl das beste. Glaubt Suzanne, die schon das aufwendige Rokoko-Kostüm trägt. Fehlt nur noch die gepuderte Perücke - und fertig ist Marie Jeanne, die Mätresse von König Ludwig XV. Für Suzanne die Chance, mit einer fulminanten Hauptrolle ans Theater und damit ins Leben zurückzukehren. Doch sie zögert. Nicht nur, weil sie das Lampenfieber schier verrückt macht. Sondern auch, weil sie weiß, dass sich mit diesem Neuanfang alles ändern wird. Und sie ihre große Liebe, den tödlich verunglückten Julien, nach über einem Jahr endlich loslassen muss.

Ob Suzanne diesen Schritt wagt, zeigt sich erst am Ende von Fabrice Roger-Lacans neuer Komödie „Noch einen Augenblick“, die nun im Renaissance-Theater Premiere feierte. Auch sein erstes und zweites Stück, „Der Krawattenclub“ und „Unwiderstehlich“, standen schon höchst erfolgreich auf dem Spielplan der Charlottenburger Bühne. Zur deutschsprachigen Erstaufführung war der französische Dramatiker nun anwesend und konnte sich davon überzeugen, dass Hausherr Guntbert Warns sein gefühlvolles Schauspiel äußerst kurzweilig und mit feinem Witz inszeniert hat.

Der verstorbene Mann ist ständig präsent

Gleich zu Beginn in der schicken Pariser Wohnung von Suzanne täuscht der beschwingte französische Ton fast darüber hinweg, dass sich die schöne Diva in einer Lebenskrise befindet. Denn sie imaginiert in jeder Situation ihren verstorbenen Mann Julien (Max Urlacher) herbei. Mit dem Regisseur hat sie eine perfekte, harmonische Ehe geführt, einen Sohn großgezogen und unzählige berufliche Erfolge gefeiert. Jetzt diskutiert sie mit ihm, ob sie für den Besuch von Theaterautor Max (Martin Schneider) das sexy Kleid anziehen soll oder doch lieber den sachlichen Pullover. Natürlich rät ihr Julien zu letzterem. Und er verwehrt sich deutlich gegen die höchst ungeschickten Avancen, die Simon (Moritz Carl Winklmayr) ihr macht, der herrlich verstrahlte Kindergartenfreund ihres Sohnes. Der ist als Untermieter eingezogen und unsterblich in Suzanne verliebt.

Als Max schließlich auftaucht, erkennt Suzanne, dass sie eine alte Geschichte mit ihm verbindet. Mehr noch: Sie vergisst während der intensiven Arbeit mit ihm doch glatt Julien. Und steckt plötzlich in einem Dilemma. Susanna Simon versteht es, die Tragik ihrer Figur durchschimmern zu lassen. Trotz der allgegenwärtigen Situationskomik, die allein schon durch Juliens Gegenwart und eifersüchtige Reaktion auf vermeintliche Nebenbuhler entsteht. Unter ihrer heiter distanzierten Oberfläche ringt sie mit sich, ob sie mit ihren Fünfzigirgendwas noch mal durchstarten und für ihre Kunst mit Haut und Haaren leben oder weiter in ihrer Trauer versinken soll. Nicht ganz einfach, weil ihr Julien, Max und Simon permanent in ihre Überlegungen reinquatschen. Eine wunderbare Komödie mit Tiefgang und leisem Humor.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg, Tel. 312 42 02, 29.11., 10. 11., 17. 18., 21. 22.12. um 19.30 Uhr, 12. 19.12. um 18 Uhr