Kunst

Ai Weiwei stellt seine Memoiren am Berliner Ensemble vor

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Social-Media-Junkie Ai Weiwei macht ein Selfie mit Daniel Kehlmann, der den Abend moderiert.

Social-Media-Junkie Ai Weiwei macht ein Selfie mit Daniel Kehlmann, der den Abend moderiert.

Foto: Gerald Matzka / Getty Images

„1000 Jahre Freud und Leid“ heißt das neue Buch des chinesischen Künstlers – es handelt in großen Teilen von seinem Vater

Ganz am Ende stellt Daniel Kehlmann die Frage, die man einfach stellen muss, wenn man diesen Künstler schon einmal auf einer Berliner Bühne hat: Warum Ai Weiwei 2019 denn eigentlich aus der Stadt weggezogen sei. Man erinnert sich vielleicht an seine Vorwürfe, die damals die Runde machten – sie reichten von Fremdenfeindlichkeit bis zu einer allzu liebedienerische Haltung gegenüber seinem Heimatland China, die er vor allem wirtschaftlich motiviert sah. Das Publikum am Berliner Ensemble macht sich für kritische Töne bereit, auch Moderator Kehlmann hätte wohl nichts gegen sie einzuwenden. Aber der Künstler, der inzwischen in einem kleinen Dorf im gut geimpften Portugal lebt, will die Erwartungen nicht erfüllen. Er lobt die Deutschen für ihre Offenheit, betont, er habe sich hier wohlgefühlt – und lässt sich gerade einmal zu der Bemerkung hinreißen, dass man hier vielleicht manchmal etwas dünnhäutig sei, vieles zu schnell persönlich nähme. Ai ist ein sehr höflicher Mensch.

Wie hat Ai Weiwei den Zynismus vermieden?

Wie er das eigentlich sein kann bei all dem, was nicht nur ihm, sondern vor allem seinem Vater zugestoßen ist, wie er ohne Verhärtungen und Zynismus durchs Leben kommt, das ist das Thema dieses Abends. Ai hat im Penguin Verlag gerade seine Erinnerungen vorgelegt, die mit ihren über 400 Seiten doch viel mehr sind als persönliche Nabelschau. Denn zu einem großen Teil handeln sie, begleitet von vielen Zeichnungen und historischen Fotografien, von seinem Vater Ai Qing, einem berühmten chinesischen Maler und Dichter.

Ai Qings Biografie reicht locker für einen Großroman über die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts mitsamt all der Wunden, die Kolonialismus, Nationalismus und Sozialismus in den Seelen der Menschen hinterließen. Er kam 1910 in der südostchinesischen Provinz Zhejiang nach einer schweren Geburt zur Welt – ein unheilvolles Vorzeichen, wie die Abergläubischen seinerzeit meinten, weshalb Ai Qing die ersten fünf Jahre seines Lebens an eine verarmte Bauernfamilie abgegeben wurde. Nichts Ungewöhnliches im ländlichen China dieser Zeit, sagt sein Sohn auf der Bühne des Berliner Ensembles.

Mit dem Sohn ins Zwangsexil geschickt

Nach einem Studienaufenthalt in Paris, den Ai gekonnt mit zeitgenössischem Kolorit versieht, kehrte Ai Qing 1932 nach China zurück, engagierte sich in einer linken Künstlerbewegung, wendete sich auch der modernen Dichtung zu – und zog prompt den Argwohn der nationalchinesischen Kuomintang auf sich, die ihn ins Gefängnis werfen ließ. In der Haft und danach schrieb er weiterhin Gedichte, die sich auch sozialkritisch mit den Lebensbedingungen der verarmten Landbevölkerung auseinandersetzten. 1941 der Kommunistischen Partei beigetreten, entwickelte er sich zu einem ihrer schärfsten Kritiker – mit den erahnbaren Konsequenzen: Mit seinem Sohn wurde er ins Zwangsexil geschickt und musste teilweise in einem Erdloch hausen. „Solche Erdhöhlen“, schreibt Ai, „waren die primitiven Behausungen der ersten Pioniere in diesem Teil von Xinjiang. Unseres hatte die Form eines quadratischen, in die Erde gegrabenen Lochs, mit einem primitiven Dach aus Tamariskenzweigen und Reisstängeln, abgedichtet durch mehrere Schichten grashaltigen Lehms. (...) Als wir die zum ersten Mal in unser neues Heim hinabstiegen und die Holztür öffneten, gab sie ein knirschendes Quietschen von sich, und ein moderiger Gestank drang aus dem kühlen, dunklen Raum.“

Die Liebe des Künstlers zum Material

Tamariskenzweige und Reisstängel, grashaltiger Lehm: Ais Prosa ist von einer durchweg hohen Beschreibungspräzision, in der sich das besondere Verhältnis des bildenden Künstlers zum sinnlich erfahrbaren Material spiegelt. Und Schauspieler Veit Schubert, der mit Kehlmann und Ai auf der Bühne sitzt, leiht ihr seine eindringlich akzentuierende Stimme. Kehlmann stellt dann die sich geradezu aufdrängende Frage, wie er denn als Kind die fortwährende Demütigung des eigenen Vaters ertragen konnte – und Ai sagt ganz ohne Koketterie, er sei wohl als Kind ein bisschen dumm, ein bisschen unsensibel gewesen. Von dieser Zeit sei ihm die Vorliebe für unterirdische Orte geblieben. Sein Berliner Atelier, das sich immer noch auf dem Pfefferberggelände in Prenzlauer Berg befindet, befindet sich im Souterrain.

Man wusste eben nicht, was das sei: Normalität, sagt er dann, der seine Kindheit „wild“ nennt, nicht ohne bescheiden anzumerken, dass es solche Kindheiten immer noch und häufig gebe, nicht nur in China, auch in Syrien und in Afghanistan. Kurz kommen Kehlmann und Ai auf das Wesen totalitärer Staaten zu sprechen, das in der Zerrüttung zwischenmenschlicher Beziehungen besteht und die Menschen in eine Art vegetativen Überlebensmodus zwingt – darunter ist wohl zu verstehen, was Ai „dumm“ und „unsensibel“ nennt.

Natürlich ist an diesem Abend auch von seiner Karriere als Künstler die Rede, von spektakulären Aktionen wie der öffentlichen Zerstörung einer Vase aus der Han-Dynastie im Jahre 1995, von seinem millionenfach gelesenen Blog, mit dem er im Jahr 2006 begann und der drei Jahre später vom chinesischen Regime geschlossen wurde, von seiner Verhaftung im Jahr im Jahr 2011, vom Kunstbetrieb im allgemeinen auch. Viel gelebtes Leben, vor allem viel Mut wird hier spürbar, viel mehr natürlich, als in einen Abend passt. Der Widerstandsgeist ist zu Ais Markenzeichen geworden, der ihn international berühmt gemacht hat – wenn auch nicht in China, wo er weiterhin ausgeblendet bleibt. Seine Mutter freilich, sagt er am Schluss, habe sich nie so besonders dafür begeistern können, was der Sohn so mache – und er nehme sich deshalb auch nicht so ernst: „Sie ist meine Mutter, ich vertraue auf ihr Urteil“, sagt er.