Projekt „Spielräume!“

Computer-Karaoke mit dem „Ring des Nibelungen“

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Die interaktive Siegfried-Figur aus dem Projekt „Kara-Opera“.

Die interaktive Siegfried-Figur aus dem Projekt „Kara-Opera“.

Foto: Spielräume

Die Komische Oper und das Berliner Ensemble beschreiten neue Wege in die Digitalisierung – und laden Spielentwickler zu sich ein

Wie macht man Theater und Oper für Digital Natives anschlussfähig? Das Berliner Ensemble und die Komische Oper haben im Rahmen des Projekts „Spielräme!“ junge Spieleentwicklerinnen eingeladen, um Möglichkeiten auszuloten und Neues zu entwickeln. Ein Gespräch mit Projektleiter Joscha Neumann und Jana Horst, Leiterin der Abteilung Vermittlung am Berliner Ensemble.

Berliner Morgenpost Die analogen Bühnen und Computerspiele: Wie geht das zusammen?

Joscha Neumann Es gibt das große Überprojekt „Spielräume!“. Das ist ein Förderprojekt, bei dem das Berliner Ensemble und die Komische Oper Berlin Mittel von der Kulturstiftung des Bundes erhalten. Es läuft insgesamt über vier Jahre. Unter dem Untertitel „Suche nach digitalen Erlebniswelten“ geht es darum, zu schauen, wie Oper und Theater im Digitalen eigentlich wirken können, was sie von anderen Medienformen lernen können.

Also Streamingformate?

Joscha Neumann Um die geht es genau nicht. Das Projekt „Spielräume!“ möchte sich auf die Stärken des Digitalen besinnen: Interaktivität, Partizipation, Zugänglichkeit, auch Ortsunabhängigkeit für die teilnehmenden Personen. Auch dass man Gruppen erreicht, die nicht unbedingt zum klassischen Oper- und Theaterpublikum zählen. Wenn man sich mit Games beschäftigt, ist das möglich. Vielleicht lässt sich auch für die Bühne etwas über die Art und Weise des digitalen Erzählens lernen. Unsere Frage lautete: Was passiert eigentlich, wenn man Spieleentwicklerinnen und -entwickler mit Theater- und Opernleuten an einen Tisch bringt und ihnen die Aufgabe stellt, gemeinsam ein digitales Spiel zu entwickeln?

Wie sind Sie auf die Spieleentwickler zugetreten?

Jana Horst Joscha Neumann ist aus der Projektgruppe derjenige mit den stärksten Berührungspunkten zu Games. Diese Form des „Game Jams“ ist in der Entwicklerszene ziemlich gebräuchlich. Es ist ein simples Konzept: Man steckt einfach kreative Menschen zusammen, die sich neu kennenlernen, auch über Spartengrenzen hinweg.

Joscha Neumann Ich komme ursprünglich aus dem Games-Bereich und habe da eigene Kontakte. Für den Game Jam haben wir mit „A Maze“ kooperiert, das ist ein internationales Festival für Arthouse-Games, wo ganz wilde, teilweise auch hybride Sachen entwickelt und ausgestellt werden. Wir haben uns zusammengetan, um von den Kontakten des Festivals zur Gaming-Szene profitieren zu können. Zusätzlich haben wir auch noch einen Open Call gestartet, um in der Breite Teilnehmerinnen anzusprechen, die wir vielleicht noch gar nicht auf dem Zettel hatten.

Dazu kamen dann noch Menschen aus beiden Häusern?

Jana Horst Nicht direkt aus den Häusern, aber aus dem Theater- und Opernbereich. Von uns kam das Thema des Game Jams: Programmierte Gefühle. Es gab am Freitag zur Begrüßung erst Input vom Chefdramaturgen der Komischen Oper und von einer Dramaturgin vom Berliner Ensemble zusammen mit Schauspielerin Stefanie Reinsperger, die etwas über Gefühle in der Oper, Gefühle auf der Bühne und das Produzieren von Gefühlen erzählt haben. Das war als Inspiration gedacht. In den Tagen zuvor gab es bereits eine Führung durch die Komische Oper und durch das Berliner Ensemble und die Möglichkeit eines Stückbesuchs, um den Spielentwicklerinnen die Welt des Theaters und der Oper näher zu bringen. Anders als sonst bei Game Jams ging es bei unserem dezidiert darum, etwas Digitales zu entwickeln. Das war sozusagen das Ziel und die Aufforderung, mit der wir gestartet sind. Und das hat allen großen Spaß gemacht.

Welche Ideen und Ergebnisse gab es?

Joscha Neumann Es gab ein Projekt, das auf einer Künstlichen Intelligenz basiert, die über die Webcam Emotionen in menschlichen Gesichtern lesen kann.

Jana Horst Was mehr oder weniger gut klappt!

Joscha Neumann Als Prototyp hat es schon ganz gut funktioniert. Das Programm konnte erkennen, ob man überrascht oder verängstigt aussah. Das Interessante daran ist: Das beruht auf Metadaten. Wenn ich bei Google „überraschtes Gesicht“ suche, dann kann sich die KI auf das Ergebnis beziehen. Angst zum Beispiel kann nur erkannt werden, wenn man sie mimisch sehr übertrieben anzeigt. Die Frage dahinter ist: Wie bewertet eine KI unsere Emotionen? Die Gruppe hat eine Klang- und Bilderwelt geschaffen, die sich je nachdem, welche Emotion gelesen wird, verändert. Der Spielende spielt also mit seinem Gesichtsausdruck und verändert damit die Welt, durch die er sich in einer Art Kamerafahrt bewegt. Bei dieser Arbeitsgruppe war ein Komponist mit dabei und auch ein Bühnenbildner, das hat sich im Gamedesign deutlich niedergeschlagen. Die Gestaltung der Welt auf bildlicher und klanglicher Ebene spielte deshalb eine große Rolle.

Was könnte man daraus machen?

Joscha Neumann Man könnte es natürlich erst einmal in eine etwas reifere Form bringen. Und man kann versuchen, eine Art von Geschichte zu erzählen, die am Ende auch die Künstliche Intelligenz selbst hinterfragt. Interessant wird es ja dann, wenn man sich kritisch damit auseinandersetzt, wie dieses System funktioniert. Warum wird mir erzählt, ich würde zornig aussehen, obwohl ich doch eigentlich überrascht aussehen möchte? Man könnte auch das interaktive Element noch verstärken und auf diese Weise eine Reise durch diese Welt ermöglichen.

Noch ein weiteres Beispiel?

Joscha Neumann Nicht alle teils sehr ambitionierten Projekte konnten in der Kürze der Zeit auch vollends umgesetzt werden. Ein Beispiel ist das „Kara-Opera“-Projekt, wo eigentlich die Idee war, dass man eine auf der Bühne singende Figur hat. Das geht darauf zurück, dass die Sängerinnen und Sänger früher bei Barockopern häufig improvisieren mussten, das Orchester musste sich anpassen. Die Idee war, dass sich die Figur über eine Stimmerkennung passend zum Gesang der Spielenden bewegt. Es sollte aber auch noch einen zweiten Spieler geben, der das Orchester dirigiert und darauf reagieren muss, damit sie dann zusammenkommen – aber das hat technisch innerhalb der zwei Tage noch nicht funktioniert. Die Tonhöhe sollte visualisiert werden. Man könnte in der Weiterentwicklung jetzt noch einen zweiten Spieler hinzufügen, der folgen muss. Zwei Menschen könnten auf diese Weise mit einem digitalen Spiel Musik machen.

Wird jetzt noch an den Spielen weitergearbeitet?

Joscha Neumann Es ist jetzt eine Woche danach, wir gucken uns das demnächst auch noch einmal in Ruhe an. Vielleicht kommen auch noch Impulse von den Teams, das werden wir sehen.

Jana Horst Oder es gibt Ideen von den Leuten, die wir jetzt kennengelernt haben, an anderen Projekten zu arbeiten, um dann etwas anderes zu entwickeln. Ich fände es sehr spannend, wenn man ein Spiel macht, das das Prinzip Oper oder Theater vermitteln kann. Die Tatsache etwa, dass es live stattfindet. Oder wie viele Gewerke es gibt. Welche Menschen hinter, vor, über und unter der Bühne arbeiten. Viele Sachen, die ich in meiner täglichen Arbeit erlebe. Zeigen: Was ist das überhaupt? Sowas wollen wir gerne weiterdenken. Da könnte ein Spiel ein sehr interessantes Werkzeug sein, um auch Türen zu öffnen.

Joscha Neumann Wenn man es mit den richtigen Leuten entwickelt. Man könnte auch den Fokus einmal umdrehen: Welche Impulse können Spieleentwickler für das analoge oder das hybride Theater geben? Das ist aber noch nicht geplant.