Bühne

Konstruierte Realität: „Falsch“ an der Vaganten Bühne

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Kat (Magdalene Artelt, l.) und Sis (Stella Denis-Winkler) in einem spannungsreichen Schwestern-Konflikt.

Kat (Magdalene Artelt, l.) und Sis (Stella Denis-Winkler) in einem spannungsreichen Schwestern-Konflikt.

Foto: Stella Schimmele / Vaganten

Lot Vekemans führt in ihrem Kammerspiel „Falsch“ bei den Vaganten eine Diskussion über Schuld, Wahrheit und Verantwortung

Die eine heißt Kat und kann sich ums Verrecken nicht mehr daran erinnern, was bei dem Unfall passiert ist. Denn sie lag betrunken auf der Rückbank des Autos und hat geschlafen. Die andere heißt Sis und musste fahren, obwohl das so nicht abgemacht war. Aber weil ihre Alkoholiker-Schwester auf der Familienfeier einen Rückfall hatte, musste sie ans Steuer. Und hat auf der Fahrt einen Leitpfosten gerammt. Warum sie mit Kat in einer Zelle sitzt und ihr vorgeworfen wird, eine Radfahrerin totgefahren und Fahrerflucht begangen zu haben, ist ihr völlig unverständlich. Sie war schließlich zum besagten Zeitpunkt woanders. Und ist sauer, weil Kat das nicht bezeugen, sie aber mit ihrer Prinzipienreiterei in den Wahnsinn treibt.

Lot Vekemans’ Schauspiel „Falsch“ versucht nicht nur, den Kriminalfall zu klären, sondern auch den schwelenden Konflikt zwischen Sis und Kat zu bereinigen. Mehr noch: Das Stück spielt mit Varianten konstruierter Realität. Die These: Richtig und falsch ist nur eine Frage der Wahrnehmung.

Inszenierung lässt Zuschauer ratlos zurück

Die Inszenierung von Regisseurin Bettina Rehm, die nun Premiere in der Vaganten Bühne feierte, lässt den Zuschauer dabei eher ratlos zurück.

Auf der Bühne (Lars Georg Vogel) überlagern sich verschiedene Ebenen. Mit Luftpolsterfolie verkleidet, wirkt sie auf den ersten Blick wie eine Gummizelle in einem dystopischen Film aus den Siebzigern. Aber sie ist auch Leinwand, auf der man die Fahrt von Kat (Magdalene Artelt) und Sis (Stella Denis-Winkler) aus der Fahrerperspektive erlebt. Für Sis ist es ein Warteraum. Für Kat eine Zelle, in der sich die Schwestern streiten, bis die Fetzen fliegen. Sis, eine TV-Berühmtheit, reibt Kat deren Abstieg unter die Nase. Kat wiederum verachtet Sis und ihre oberflächlichen Rollen. Während sich die Fronten verhärten, versucht Sis, eine gemeinsame Verteidigungslinie aufzubauen. Doch Kat misstraut ihr, weil sie immer wieder über Stunden verschwindet.

Dann taucht Ge (Björn Bonn) auf. Er hat sich aus der Gesellschaft zurückgezogen. Nun kehrt er als Unfallzeuge zurück und wird aufs Schärfste verhört. Rastet dabei aus, als er erfährt, dass die Polizei einen seiner Hunde getötet hat. Sis traut ihm nicht. Sieht in ihm den Schuldigen für den Tod der Radfahrerin. Auf einmal steht Kat gegen Ge an ihrer Seite.

Gefilmt von einer Kamera, hat Ge vorher als Biologe lange referiert. Über Zellen. Nein, nicht die im Gefängnis, sondern die Bausteine des Lebens, die alle gleich funktionieren. Eine neutrale Subebene quasi. Wie auch er neutral und der Wahrheit verpflichtet ist. Nachdem man den verdächtigen Spuren gefolgt und in den Schwesternkonflikt eingetaucht ist, kramt man noch verschüttetes Abiturwissen über Zytologie hervor.

Platons Höhlengleichnis ist zu erkennen

Dazu gesellt sich die vage Verortung der Geschehnisse in einem weißen Bühnenraum, während um Wahrnehmung gerungen wird. Nicht schwer, darin Platons Höhlengleichnis zu erkennen. Allerdings als müdes Remake, das einen kaltlässt. Um letztlich zu einem bloßen Schuldeingeständnis zu kommen, ist Lot Vekemans’ Stück schlicht überkonstruiert. Und die Inszenierung hat dem nichts entgegenzusetzen.

Vaganten Bühne, Kantstr. 12a, Charlottenburg. Kartentel.: 313 12 07. Nächste Vorführungen: 20. und 22.11., 20 Uhr.