Philharmoniker

Mozart-Sinfonie mit theatralischen Effekten

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Felix Stephan
Der ungarische Dirigent Adam Fischer.

Der ungarische Dirigent Adam Fischer.

Foto: Herbert Pfarrhofer / picture alliance

Adam Fischer dirigiert die Berliner Philharmoniker mit ungewöhnlichem Körpereinsatz.

Fußstampfer und Luftsprünge, geballte Faust und gekrümmter Rücken: Das kann nur Vollblutmusiker Adam Fischer sein. Kein anderer Gast würde so die Berliner Philharmoniker dirigieren. Mit einem Haufen theatralischer Tricks, um den Musikern Feuer unter dem Hintern zu schüren. Und ohne Rücksicht darauf, sich selbst dabei zum Clown zu machen – inklusive Slapstick-Einlagen mit FFP2-Maske, die schon an Peinlichkeit grenzen. Doch das wichtigste: Musikalisch funktioniert das alles hervorragend bei diesem Mozart-Haydn-Programm.

Fischer hat die volle Aufmerksamkeit des Orchesters, weil er in seiner Leidenschaft nie lockerlässt. Und vermutlich auch, weil die Philharmoniker die Affekte der Musik wie aus einem offenen Buch mit Großbuchstaben von Fischers Gesicht ablesen können. Genau darum geht es Adam Fischer bei Mozarts B-Dur-Sinfonie KV 319: um Affekte im Großformat. Doch auch um Musik als Sprache, die direkt zum Publikum spricht.

Der Dirigent will das Publikum überraschen

Wobei Fischer hier keineswegs den Dogmen der historischen Aufführungspraxis folgt. Im Gegenteil: Allein der musikalische Ausdruck entscheidet, ob die Streicher wenig, überhaupt nicht oder sogar sehr üppig vibrieren. Auffällig auch, dass Transparenz und Ausgewogenheit eine eher untergeordnete Rolle spielen. Viel bedeutsamer für Fischer ist, das Publikum zu überraschend und zu packen. Und er tut es, indem er Mozarts KV 319, später auch Haydns Sinfonie Nr. 103, ins Opernhafte steigert – mit Irrungen und Wirrungen, Tragik und Komik. „Eine Symphonie muss wie eine Oper gespielt werden“, wird Fischer passenderweise im Programmheft zitiert.

Und das kommt nicht von ungefähr. Denn Fischer ist ein Opern-Mensch seit seiner Kindheit in Ungarn. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 1978 mit Beethovens „Fidelio“ an der Bayerischen Staatsoper. Chefpositionen in Freiburg, Kassel und Mannheim folgten, Auftritte an der Wiener Staatsoper und in Bayreuth ebenfalls. Trotzdem gilt Fischer auch als Spezialist für Haydn-Sinfonien. Was daran liegt, dass er in den 80ern die Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie gegründet hat, ein Orchester, mit dem er nicht zuletzt alle 104 Haydn-Sinfonien einspielte.

Der Konzertabend strahlt viel Herzlichkeit aus

Ein Projekt aber auch, das zu Zeiten des Eisernen Vorhangs als Symbol für die grenzüberschreitende Wirkung von Musik diente. „Die ganze Welt ist ein Orchester“ heißt folgerichtig Fischers Biographie, erschienen zu seinem 70. Geburtstag vor zwei Jahren. Und dieses Motto ist von Fischer ganz aufrichtig und herzlich gemeint. Eine Herzlichkeit, die er auch an diesem Abend ausstrahlt. Eine Herzlichkeit, die seine Zappeleien und Grimassen vergessen lassen. Zumal Konzertmeister Polonek immer wieder als Blitzableiter fungiert.

Er gibt Fischers beträchtlichen Muskeltonus an seine Kollegen gefiltert und fein dosiert weiter. Schade allerdings, dass der Rundfunkchor lediglich zwei Kurzauftritte in Haydns „Sturm“ und Mozarts d-Moll-Kyrie KV 341 hat. Beide Werke sind weitestgehend unbekannt, unglücklich durch die Konzertpause getrennt – und leider so schnell vorbei, dass der Chor keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.