Volksbühne

Lauter Engel im Zölibat

| Lesedauer: 4 Minuten
Volker Blech
Hinter der Lärmschutzwand der Volksbühne debattieren Antonis Antoniadis, Yasmin El Yassini und Nathalie Seiß (v.l.).

Hinter der Lärmschutzwand der Volksbühne debattieren Antonis Antoniadis, Yasmin El Yassini und Nathalie Seiß (v.l.).

Foto: Ackermann-Simonow-Kahn

Den inneren Dauerstau zeigen junge Theaterleute im neuen Stück „Letzter Stand 1/allos autos“ an der Volksbühne.

Hinter der Lärmschutzwand findet ein heilloses Gequatsche über Gott, das Ei an sich, den eigenen Körper, das Prinzip des universellen Flows und überhaupt die Welt da draußen statt. Irgendwann drehen alle durch, eine Frau ballert in einer Filmeinspielung mit der Kalaschnikow durch die Gegend. Und die im Dauerstau Ausharrenden bedrohen sich auf der Bühne gegenseitig mit Pistolen. Diese choreografierte Zuspitzung ist schon komisch, auch wenn einem das Lachen im Halse stecken bleiben will. Das Stück „Letzter Stand 1/allos autos“, das am Mittwoch in der Volksbühne eine gefeierte Uraufführung erlebte, führt gekonnt die Stimmungslagen der Pandemiegesellschaft vor Augen. Der Dauerstau ist hier ein Symbol für den gesellschaftlichen Stillstand, den offenbar viele gerade empfinden.

Verzweifelte Menschen in einem Wochenendstau

Die Regisseurinnen Martha Mechow (25) und Leonie Jenning (23) haben Julio Cortázars Erzählung „Südliche Autobahn“ für ihre Generation abgeklopft. Denn die Geschichte erschien im Jahr 1966, also in Wohlstandszeiten der Autogesellschaft. An einem heißen Augustsonntag geraten südlich von Paris Zehntausende von Wochenendheimkehrern in einen gewaltigen Stau. Und der wird sich nicht mehr auflösen, sondern sie monatelang gefangen halten. Die Gestrandeten bilden eine Parallelgesellschaft nach neuen Regeln.

In der Volksbühne wird die fantastische Geschichte geschickt von der Straße ins digitale Nirwana katapultiert. „Ich habe ein Jahr damit zugebracht, die ganze Weltkarte auf Googlemaps auswendig zu lernen“, sagt Nathalie, „und als ich fertig war und jede Straße auf der ganzen Welt eine tiefe Furche in meinem Langzeitgedächtnis hinterlassen hatte, war ich plötzlich völlig orientierungslos.“ Der globale Weg führt direkt ins Innerliche, die eigene Körperlichkeit wird ein aufgestautes Hauptthema.

Eine junge, überwiegend weibliche Generation meldet sich zu Wort

Die Bühne von David Mohoric zeigt eine Lärmschutzwand, hinter der sich die Akteure, die sich mit ihrer Automarke ansprechen, treffen. Es gibt eine Art Autobahnbrücke, zwischendurch wird die Bühne heruntergefahren, und die Handelnden schauen hinunter auf eine imaginäre Straße. Oder ist es ein tiefer Abgrund?

Mit der Produktion meldet sich eine junge, überwiegend weibliche Generation in René Polleschs neuer Volksbühnen-Intendanz zu Wort. Das Projektteam ist am Haus aus dem Jugendtheater P14 auf die große Bühne hinausgewachsen. Man sollte genau hinhören und vor allem hinschauen. Es gibt Filmeinspielungen und die Handkamera, was ein wenig an die alte Volksbühnen-Tradition erinnert. Fee Aviv Marschall bringt musikalisch etwas Rhythmus in den „rasenden Stillstand“, wie es im Stück heißt. Was es nicht wirklich gibt: Autos. Nur kleine ferngesteuerte Spielzeuge fahren zu Beginn über die Bühne.

Der Abend bleibt in weiten Teilen ein Diskursstück

Die Linearität des Stücks wird multimedial überlagert und mit Komik aufgelockert, vielleicht würde man sich für die Gleichzeitigkeit unseres Daseins experimentell-gewagtere Darstellungsformen auf der Bühne wünschen. So bleibt der anderthalbstündige Abend in weiten Teilen ein Diskursstück. Was tückisch ist, denn die Akustik in der Volksbühne erschwert die Textverständlichkeit.

Das Stück zeigt eine digital abgehängte Pandemie-Gesellschaft, die über eine Jugend ohne Sex reflektiert. „Wenn wir masturbieren“, sagt Yasmin, „dann tun wir das nicht der Ekstase wegen, sondern um Anspannung abzubauen.“ Yasmin El Yassini gehört zu den Schauspielerinnen, die an die alte Volksbühnen-Schreierei anknüpfen. „Das Mädchen aus dem Renault Clio“, sagt Antonis Antoniadis, der einzige Mann im Stück, sei „ein neoliberaler Engel im Zölibat.“ Nathalie Seiß ist eine Darstellerin, der viele Zwischentöne gelingen. „Momentan befinden wir uns allesamt in einem bleiernen Zustand“, sagt sie, „der, je länger wir ausharren, immer mehr in die totale Zusammenhangslosigkeit abdriftet.“

Silvia Riegers gelbes Spielzeugauto brennt ab. Ihr Solo an der Notrufsäule ist bemerkenswert, nicht nur, weil es sich unendlich hinzieht in hilfloser Jammerei. Die erfahrene Schauspielerin schafft es, das Publikum sogar flüsternd bei der Stange zu halten. „Wir sind keine Transportmittel“, sagt Ann Göbel am Ende: „Wir sind Stau.“ Damit ist wohl einiges zur Lage der Theaternation gesagt.