Symphonie-Orchester

Kent Nagano: Klänge aus einer verrätselten Totenmesse

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Matthias Nöther
Der US-amerikanische Dirigent Kent Nagano.

Der US-amerikanische Dirigent Kent Nagano.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Unbeschwert dirigiert Kent Nagano das Deutsche Symphonie-Orchester. Seine Frau Mari Kodama sitzt am Klavier.

Berlin. Ein entspannter, gut gelaunter Kent Nagano dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in der Philharmonie. Liegt die Leichtigkeit, die den Abend trotz aller Hygienemaßnahmen durchzieht, eventuell an dem Programm, das eine französische Richtung verfolgt? Da ist zunächst die Ouvertüre zu Hector Berlioz’ später Oper „Béatrice et Bénédict“ – ein Stück, das mit traditionellen deutschen Qualitätskriterien für Musik wie etwa „Gehalt“ und „Sinn“ nur schwer zu fassen ist.

Elegant wirbeln sich die Streicher in die erste Phrase hinein, beweisen luftigen Klangsinn, auch die Holzbläser heben mit ab. Es gibt in diesem Berlioz allerlei Merkwürdigkeiten des musikarchitektonischen Gleichgewichts, der Harmonik, aber eigentlich keine Melodie, kein Thema, keinen Mittelpunkt. Schnell ist das Ganze vorbei, und es bleibt ein angenehmes Gefühl. Was will man noch?

Mari Kodama bringt das Konzert „Terra Nostra“ zur Uraufführung

Als sei dies tatsächlich die zentrale Botschaft des Abends, fühlt sich die weit aufwendigere, weit anspruchsvollere Uraufführung ganz ähnlich an. Der 39-jährige Rodolphe Bruneau-Boulmier hat sein Klavierkonzert „Terra Nostra“ als Auftragswerk für das DSO geschrieben – wiewohl die besondere Beziehung zwischen dem eigentlich unbekannten Pariser Komponisten und dem Berliner Orchester nicht ganz klar wird. Egal: „Terra Nostra“ ist ein Trip, auf den es sich zu begeben lohnt.

Vielleicht bezeichnet das Genre „Klavierkonzert“ nur den Beginn, an welchem der Flügel der japanischen Pianistin Mari Kodama dicht mit dem Orchester interagiert. Wie Glocken ertönen die Klavierklänge bei durchgedrücktem Haltepedal. Eine unvergleichliche klangliche Opulenz, die dem Publikum die Ohren zum Klingeln bringt. Vielleicht deshalb werden die folgenden Sätze auch eher ein Konzert für drei Trompeten und Orchester – sogar aufstehen dürfen die Vertreter dieses Instruments am Ende.

Der Komponist hat keine Angst vor der Dur-Moll-Tonalität

Einen wichtigen Platz bekommen Zitate aus einer verrätselten Totenmesse des frühneuzeitlichen Komponisten Johannes Ockeghem. Bruneau-Boulmier ist sich nicht zu schade, auch traditionelle Dur-Moll-Tonalität walten zu lassen, hat keine Angst vor Klischees der Harmonik und umgibt die Ockeghem Choräle mit Schlagzeug-Viruosität. Ein Gruß eines zeitgenössischen Komponisten aus Frankreich, wo musikalisch so vieles unbeschwerter zugeht als hierzulande.

Dass man aus diesem Unbeschwerten Zukunft generieren kann, wusste schon Richard Strauss. Vielleicht hat er deshalb eine Theatermusik zu Molières „Der Bürger als Edelmann“ komponiert. Das Deutsche Symphonieorchester unter Nagano lässt diese Musik mit ihrem angeschrägt neoklassischen Feeling musikantisch im Augenblick leben. Die höfische Tanzbewegung wird zum Motor des Modernen, der Verstand – zum Glück – ausgeschaltet.