Buchvorstellung

Kent Naganos unheimliche Begegnungen

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech
Der Amerikaner Frank Zappa und sein Landsmann Kent Nagano spielten 1982 mit dem London Symphony Orchestra zwei Alben ein.

Der Amerikaner Frank Zappa und sein Landsmann Kent Nagano spielten 1982 mit dem London Symphony Orchestra zwei Alben ein.

Foto: Michael Putland / picture alliance / Avalon/Retna

Dirigent Kent Nagano beschreibt in seinem neuen Buch seine Treffen mit Björk und Frank Zappa. Jetzt stellt er es in Berlin vor.

Kent Nagano ist wieder in der Stadt, zunächst einmal, um in der Philharmonie am Sonntag das Deutsche Symphonie-Orchester zu dirigieren. Das Berliner Orchester startet in seine Feierlichkeiten zum 75-jährigen Bestehen, und Nagano ist der erste der ehemaligen Chefdirigenten, der dafür ans Pult tritt. Bereits am heutigen Donnerstag stellt der Musiker im Pfefferberg Theater an der Schönhauser Allee sein neues Buch „10 Lessons of my life“ vor.

Die biografische Plauderei in zehn Kapiteln trägt den Untertitel „Was wirklich zählt“ und ist vor einigen Tagen erschienen. „Faszinierend ist das große Interesse an dem Kapitel über meine Erfahrung mit der isländischen Pop-Künstlerin Björk und die dahinterstehende Vermutung, ich hatte das Genre gewechselt“, sagt Nagano auf Nachfrage. Und der Künstler fügt noch hinzu: „Dabei hat sie mir nur geholfen, ein Rätsel zu lösen.“ Dazu später mehr.

Der junge Dirigent stößt auf abgeschottete Popstars

Es sind irgendwie auch unheimliche Begegnungen der dritten Art, die der Künstler, der im November seinen 70. Geburtstag feiert, beschreibt. Immer zieht er persönlichen Schlüsse fürs Leben daraus.

Gerade die Beschreibungen der Zusammenarbeit mit Björk oder Frank Zappa sind in ihrer Verkehrung lesenswert, weil in den Geschichten der vermeintlich elitäre Klassikkünstler, den alle mal schnell anrufen konnten, auf von Agenten und Bodyguards hermetisch abgeschottete Rock- und Popstars trifft. Allerdings sollte man beim Lesen nicht vergessen, dass in Amerika, wo der Dirigent mit japanischen Wurzeln geboren wurde, die Grenzgänge zwischen E- und U-Musik geschäftsmäßig entspannter verlaufen als in Europa.

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Das erwähnte Rätsel um Björk hat zunächst einmal weniger mit der Isländerin zu tun. Nagano beschreibt in der 7. Lektion „Wie ich lernte, den Zufall ernst zu nehmen“ seine jahrelange Suche nach der Idealstimme für Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“. Auf ebenso charmante wie bildungsbürgerliche Weise erklärt er den Komponisten Schönberg und die Entwicklung des Pierrot von der Commedia dell’arte bis heute. Dann beschreibt Nagano die Stimme von Albertine Zehme, die er auf einer historischen Aufnahme von der Uraufführung 1912 im Berliner Choralien-Saal gehört hat.

Wie Kent Nagano auf Björk stieß

Auf Björk stößt der Dirigent erstmals 1992 im Flugzeug von London zurück nach San Francisco. Vor sich auf dem Bildschirm sieht er plötzlich einen seltsamen Cartoon, in dem ein schwarzhaariges Mädchen zwischen Traktoren und Schaufelbaggern tanzt. „Diese kleine animierte Figur hatte die Stimme von Pierrot Lunaire, kehlig, fragil, naturverbunden, unausgebildet“, schreibt Nagano. Das Rätsel ist gelöst. Im Bordmagazin findet er den Namen der Pop-Ikone. Nagano befasst sich daraufhin mit der alten isländischen Tradition des Sprechgesangs und versucht Björk zu erreichen. Irgendwann trifft er Björk in einer Londoner Bar, man bereitet das Schönberg-Projekt vor. Die Aufführung findet schließlich im Juli 1996 beim Verbier Festival statt.

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Der Popstar besteht darauf, weder in Vorankündigungen noch im Programmheft genannt zu werden. Aber es ist ihr nicht gelungen, inkognito nach Verbier zu reisen. Nagano beschreibt das Chaos der angereisten Fans. Leider ist von der Aufführung kein professioneller Mitschnitt gemacht worden. Es bleibt Naganos Beschreibung „der mädchenhaften Stimme eines Fabelwesens, für das nichts selbstverständlicher ist, als vom Boden abzuheben, um zum Mond zu reisen.“ Der heutige Stardirigent erinnert sich an Björks ganz eigene „urwüchsige Authentizität.“

Zappa ließ ihm 15 Sekunden, um sich zu entscheiden

Mit dem amerikanischen Universalkünstler Frank Zappa gibt es bereits Anfang der 1980er-Jahre ein ähnliches Hin und Her um ein Projekt. Die 2. Lektion heißt: „Wie ich lernte, dass wahre Künstler nicht taktieren“.

Nagano erzählt zunächst die wilden Geschichten von Go-go-Girls und Zappas Verhaftung. Aber er lernt den beinharten Rockmusiker als Komponisten von klassischer Musik im Pariser Umfeld von Pierre Boulez kennen und schätzen. Nagano setzt sich intensiv mit den Werken von Zappa auseinander, er wird sie sogar noch nach dessen frühem Tod aufführen.

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Aber Zappa gibt ihm knallhart nur 15 Sekunden Zeit sich zu entscheiden, sein Dirigent zu sein. Der junge Nagano sagt ja. „1982 spielten wir mit dem London Symphony Orchestra zwei Alben mit seiner Musik ein, die Zappa selbst produzierte“, heißt es im Buch, an dem Inge Kloepfer mitschrieb.

Weitere Lektionen erhielt Nagano von Sarah Caldwell, Leonard Bernstein oder Alfred Brendel. Das sind die Klassiker unter sich. „Wichtig ist mir auch das, was ich von dem einzigartigen Korrepetitor Richard Trimborn in München gelernt habe“, sagt Nagano mit Blick auf seine heutige Buchvorstellung. „Auch davon werde ich erzählen.“