Konzert

Mit dem Geist von Claudio Abbado und Mariss Jansons

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Felix Stephan
Gab sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern: der Spanier Gustavo Gimeno.

Gab sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern: der Spanier Gustavo Gimeno.

Foto: Hendrik Stein

Der Spanier Gustavo Gimeno gab sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern – und dirigierte dabei ganz im Geiste seiner Vorbilder.

Berlin. Überraschend, dieses Philharmoniker-Debüt des Spaniers Gustavo Gimeno. Überraschend, weil es noch keine zehn Jahre her ist, dass Gimeno vom Schlagzeug zum Dirigierstab gewechselt ist. Überraschend auch, weil die Philharmoniker ihm jetzt gleich zwei Sahnestücke des russischen Repertoires anvertrauen, die sie vor gar nicht langer Zeit erst aufgeführt haben: Rimsky-Korsakovs ohrwurmträchtige Suite „Scheherazade“ und Prokofjews ebenfalls recht melodienseliges Violinkonzert Nr. 2.

Zwei sichere Publikumsrenner, zwei Geschenke, die das Orchester erfahrungsgemäß sonst eher langjährigen Gastdirigenten macht. Warum also Gustavo Gimeno? Vermutlich, weil Gimeno sein Dirigierhandwerk von zwei Persönlichkeiten gelernt hat, die den Philharmonikern in den letzten 30 Jahren lieb und teuer gewesen sind: Mariss Jansons (verstorben 2019) und Claudio Abbado, der 2014 starb.

Ligetis „Rumänisches Konzert“ neu einstudiert

Gimeno assistierte ihnen in Amsterdam, Luzern und Bologna. Er hatte die Aufgabe, Jansons‘ und Abbados musikalische Gedankenwelt zu verinnerlichen und weiterzuvermitteln. Eine musikalische Gedankenwelt, die nun auch bei Gimenos Berliner Auftritt mitzuschwingen scheint. Vor allem in Ligetis „Rumänischem Konzert“ gleich zu Beginn – dem einzigen Werk, das die Berliner Philharmoniker unter Gimeno ganz neu einstudiert haben.

An Abbado erinnern hier der Feingeist und der beseelte Atem, an Jansons die liebevolle Sorgfalt und intensive Konzentration. Zwölf kostbare nostalgische Minuten, durchaus passend zur 1951 entstandenen Komposition. Denn auch Ligeti blickt hier zurück. Er hat eine Musik im Geiste des milden Bartók geschrieben, inspiriert durch rumänische Volkstänze und Gesänge. Keine Spur hier vom Neutöner Ligeti, der zehn Jahre später mit mikrotonalen Klangwolken auf sich aufmerksam machen wird.

Altmodischer Solist Augustin Hadelich

Und betont altmodisch geht es auch weiter mit Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 und dem italienisch-deutschen Solisten Augustin Hadelich, Jahrgang 1984. Sehr romantisch-intim, sehr auf den schönen Ton bedacht. Ein Erlebnis das mittlere Andante assai, in dem Hadelichs große Stärke zum Einsatz kommt: sein weit ausholender, unendlich wirkender Legato-Gesang. In den schnellen Außensätzen dagegen vermeidet Hadelich jedes Auftrumpfen, jeden solistischen Glanz – ganz im Sinne eines kultivierten Kammermusikers. Obwohl Prokofiev hier durchaus Anlass zum Auftrumpfen bietet.

Doch es sind keineswegs die Show-Elemente, die man bei Hadelich vermisst. Eher sind es Farbzauber und erzählerische Dringlichkeit. Daher erstaunt es nicht, dass die Philharmoniker gerade das in Rimsky-Korsakovs „Scheherazade“ mit aller Macht nachholen, jener Suite nach den Märchenerzählungen aus Tausendundeiner Nacht.

Wobei natürlich auch die Virtuosität eine beträchtliche Rolle spielt. Denn ein anderer Gimeno kommt hier zum Vorschein: der Zuchtmeister mit den straffen Zügeln. Gnadenlos jagen die Philharmoniker von einem Höhepunkt zum nächsten – wenn sie nicht gerade innehalten und den traumhaft luxuriösen Soli der Holzbläser lauschen.