Berliner Volksbühne

„Die Denke von jungen Leuten ist komplett anders“

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Volker Blech
Die Volksbühnen-Schauspielerinnen Kathrin Angerer (links) und Rosa Lembeck in der Berliner Volksbühne.

Die Volksbühnen-Schauspielerinnen Kathrin Angerer (links) und Rosa Lembeck in der Berliner Volksbühne.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die Schauspielerinnen Kathrin Angerer und Rosa Lembeck gehören zum Ensemble der neuen Volksbühne. Ein Gespräch.

Berlin. In der Berliner Premiere des René-Pollesch-Stücks „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“ werden am Donnerstag die beiden Schauspielerinnen gemeinsam zu erleben sein. Kathrin Angerer und Rosa Lembeck gehören zum neuen festen Ensemble am Rosa-Luxemburg-Platz. Kathrin Angerer war bereits zum Auftakt der Volksbühnen-Ära in der Premiere von „Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen“ zu erleben. Für die Schauspielerin ist es eine Rückkehr, denn sie gehörte bereits von 1993 bis 2008 zum von Frank Castorf geleiteten Theater. Rosa Lembeck hingegen gehört zur jungen Generation im Ensemble.

Die Zeit bis zur Eröffnung der Volksbühne war sicherlich sehr aufreibend?

Kathrin Angerer Wir haben uns jedenfalls intensiv mit dem Ort beschäftigt, an den wir zurückgekehrt sind. Die Volksbühne neu zu eröffnen, ist schon eine andere Situation, als ob man irgendwo nur gastiert. Am Eröffnungsstück haben wir aber relativ entspannt gearbeitet. Oder besser, wir haben einfach gearbeitet. Bei der Premiere gab es natürlich eine gewisse Anspannung, aber letztendlich war es die Fortsetzung der Arbeit der letzten Jahre mit René Pollesch.

Wie viel von der alten Volksbühne spüren Sie heute noch?

Angerer Wir fangen gerade erst an. Es sind noch viele Mitarbeiter:innen aus den Gewerken da, es gibt Begegnungen im Haus, ob bei den Ankleider:innen oder in der Maske und Technik, die sehr vertraut sind. Trotzdem spüre ich, dass ich weg war. Es geht aber weniger um das, was vorher da war, sondern das Haus erlebt eine Art Fortsetzung, die in einer anderen Generation erfolgt. Jetzt haben wir „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“, und dann kommen peu a peu zum Beispiel auch Sachen von P14. Das ist auch eine Kontinuität, weil einige von ihnen hier künstlerisch groß geworden sind.

Haben Sie im Ensemble darüber diskutiert, was künftig am Haus prägend sein soll?

Angerer Die Gruppe, die die Intendanz vorbereitet hat, besteht zum Teilen aus Spieler:innen, aber es kommen auch Leute aus verschiedenen Bereichen des Hauses. Wir haben uns damit auseinandergesetzt, wie man dieses Haus wieder neu gestalten kann. Es wurde nicht mit jedem einzelnen diskutiert, aber ein relativ großer Teil hat sich daran beteiligt. Man kann nicht alles im Kopf oder am Schreibtisch vorbereiten, und es wird sicher spannend werden, wie die Pläne und Ideen aufgehen.

Sie spielen beide in „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“. Der Titel klingt gefährlich?

Angerer Es ist nach einem Brecht-Titel benannt. Wir haben uns dafür mit Brecht und mit Foucault auseinandergesetzt. Es ist ein sehr junges, großes Ensemble, das auftreten wird.

Rosa Lembeck Dabei ist auch eine Tanzcompany des motion*s Tanz- und Bewegungsstudios Berlin, bestehend aus neun Tänzerinnen. Ihre Choreographie haben sie autonom und für mich auf eine beeindruckend selbstbewusste Art entwickelt.

Seit wann wissen Sie, dass Sie an die Volksbühne kommen?

Lembeck Das weiß ich seit 2019, letztes Jahr habe ich dann noch für eine Spielzeit am Theater Basel gespielt.

Wann genau wussten Sie in Ihrem Leben, dass Sie unbedingt Schauspielerin werden wollten?

Lembeck Mein Weg war eher so halbgeradlinig.

Angerer Bei mir waren es auch erst Umwege. Soll die ganzen Umwege noch einmal sagen? Ich sage doch immer das Gleiche. (lacht)

Ja bitte.

Angerer Ich war Ankleiderin im Gorki-Theater und ein Jahr lang Sekretärin. Ich habe mich an Schauspielschulen beworben und wurde abgelehnt. Dann habe ich ein Jahr Ausbildung in Berlin gemacht und bin an die Volksbühne gekommen.

Die 1990er-Jahre mit Frank Castorf waren gute Jahre für die Volksbühne.

Angerer Aber es war kein leichter Weg. Von meiner ersten Produktion 1993 war ich sehr begeistert. Aber auf uns prasselten relativ viele schlechte Kritiken ein. Das konnte ich kaum fassen. Und die Ablehnung dauerte eine ganze Zeit lang an. Die Volksbühne wurde nicht sofort gefeiert, das begann erst so Ende der 1990er-Jahre. Es war eine interessante, wichtige Zeit nach dem Fall der Mauer. Es war eine politisch hoch aufgeladene Spannung in Berlin.

Bei den Theatern vermisst man heute schon diese Leidenschaft zu politischen Auseinandersetzungen?

Angerer Es sind andere Auseinandersetzungen. Die Gesellschaft ist insgesamt satter geworden. Es ist viel Kunst entstanden. Es gibt aber auch vieles, das sich gegenseitig kopiert und somit wiederholt. Das führt zu einem Stillstand. In der Pandemie waren die Häuser länger nicht bespielt worden. Man kommt aus einer merkwürdigen Zeit heraus. Man muss schauen, dass man das Theater wieder lebendig bekommt. Es ist nicht einfach, besondere Leute mit Handschriften zu finden. Es gibt viele Leute, die gutes Theater machen. Aber das Besondere ist natürlich trotzdem selten. Vielleicht entsteht hier wieder so etwas. Wir werden sehen, wofür sich die Leute interessieren. Die Denke von jungen Leuten ist komplett anders als die, mit der wir groß geworden sind.

Worin besteht die unterschiedliche Denke?

Lembeck Ich denke gar nicht darüber nach, worin die Differenzen bestehen, sondern versuche herauszufinden, was mich freut, was ich spannend finde.

Die Volksbühne war früher wie viele andere Theater auch ein patriarchalisch geführtes Haus. Geht das heute noch?

Angerer Natürlich ist es überall ein Thema. An dieses Haus werden Leute geholt, die künstlerisch interessant sind. Es gibt hier keine Quote. Tatsächlich haben wir ein Ensemble, das überwiegend weiblich ist. Das hat sich so ergeben. Vieles wurde und wird gemeinsam beschlossen. Das empfinde ich im Übrigen als Errungenschaft.

Lembeck Die Verteilung von Macht ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Mir gefällt an der Volksbühne der organische Umgang damit.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Termine: 30.9. (Premiere), 2., 10., 16. und 30.10.