Koloniale Vergangenheit

Bundespräsident: „Verbrechen wirken bis heute fort“

| Lesedauer: 28 Minuten
Frank-Walter Steinmeier (Mitte) mit Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, dem früheren Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, Lars-Christian Koch vom Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst sowie Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (v.l.).

Frank-Walter Steinmeier (Mitte) mit Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, dem früheren Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, Lars-Christian Koch vom Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst sowie Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (v.l.).

Foto: dpa

Steinmeier betont bei der Eröffnung der Staatlichen Museen im Humboldt Forum die deutsche Verantwortung für den Kolonialismus.

Berlin. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den jüngsten Öffnungsschritt im Berliner Humboldt Forum zu einem Appell an die gemeinsame Verantwortung für die Folgen von Kolonialismus genutzt. Auch Deutsche hätten als Kolonialherren Menschen unterdrückt, ausgebeutet, beraubt und umgebracht, sagte Steinmeier am Mittwoch während eines Festaktes zur Eröffnung erster Teile des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen, sei nicht nur Aufgabe für Historiker.

Vor dem Humboldt Forum in Mitte protestierten etwa 100 Menschen, zum Teil aus den Herkunftsgesellschaften, für eine rasche Rückgabe von Objekten mit kolonialem Hintergrund. Die in den USA lebende nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie verwies in ihrer Rede darauf, dass die Länder Europas ihre koloniale Geschichte zwar nicht leugneten, sich aber der heutigen Verantwortung entzögen. Deutschland sehe sich als Land von Beethoven und Bach, stelle sich aber kaum seiner kolonialen Vergangenheit. Sie wünsche sich mehr Courage, nicht nur Kritik anzuhören, sondern auch in Handlung umzusetzen, betonte die Schriftstellerin.

„Das Unrecht, das Deutsche in der Kolonialzeit begangen haben, geht uns als ganze Gesellschaft etwas an“, sagte Bundespräsident Steinmeier. „Denn in unserem Land gibt es auch in der Gegenwart, mitten im Alltag dieser Gesellschaft, Rassismus, Diskriminierung, Herabsetzung von vermeintlich Fremden – bis hin zu tätlichen Angriffen und Gewalt.“ Er bleibe überzeugt: „Die tieferen Wurzeln des Alltagsrassismus werden wir nur dann verstehen und überwinden können, wenn wir die blinden Flecken unserer Erinnerung ausleuchten, wenn wir uns viel mehr als bislang mit unserer kolonialen Geschichte auseinandersetzen!“

Frank-Walter Steinmeier im Humboldt Forum: „Wir sind ein Land mit Migrationshintergrund“

Steinmeier ging auch auf die Folgen im heutigen Namibia ein, wo unter deutschem Befehl etwa 75.000 Herero und Nama getötet worden waren. Es habe zu lange gedauert, dieses Verbrechen überhaupt anzuerkennen. „Die Verbrechen von damals, sie wirken bis heute fort.“

Auch die Debatte um Rassismus und Judenverfolgung thematisierte der Bundespräsident. „Die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah ist und bleibt einzigartig in unserem nationalen Gedächtnis“, betonte Steinmeier. Gleichzeitig fügte er hinzu: „Die Erinnerung an den Holocaust steht der empathischen und bewussten Erinnerung an andere Ungerechtigkeit, anderes Leid nicht entgegen!“ Die Verbrechen der Kolonialzeit, Eroberung, Unterdrückung, Ausbeutung, Raub, Mord an Zehntausenden von Menschen, bräuchten einen angemessenen Ort in der Erinnerung. Dabei gehe es um das Zusammenleben in einem Land, „in dem die Weltkulturen zu Hause sind“. Menschen aus aller Welt lebten hier und seien vielfach Deutsche geworden. „Sie gehören zu dem, was heute ,deutsch‘ bedeutet“, sagte Steinmeier. „Sie sind nicht Menschen mit Migrationshintergrund – wir sind ein Land mit Migrationshintergrund!“

Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zuständig für die beiden Museen, sprach mit Blick auf mögliche Rückgaben davon, im Humboldt Forum würden jetzt Objekte präsentiert, die vielleicht morgen nicht mehr zu sehen seien. In das Forum sei „eine Lerngemeinschaft eingezogen“. Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, sieht dabei die Chance einer internationalen Diskussionsplattform. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bezeichnete das Forum als „bedeutendstes Kulturvorhaben des wiedervereinigten Deutschland“, das eine „Arena demokratischer Streitkultur“ werden könne.

Von den etwa 500.000 Objekten der zuvor in Dahlem präsenten Häuser Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst sollen rund 20.000 im Humboldt Forum gezeigt werden. Dazu gehören auch die als koloniales Raubgut geltenden Benin-Bronzen, die mit dem letzten Öffnungsschritt vermutlich von Mitte 2022 an zu sehen sein sollen.

Das 680 Millionen Euro teure Humboldt Forum war nach jahrelangen Diskussionen und einigen Verzögerungen im Juli in einem ersten Schritt eröffnet worden. Das rund 40.000 Quadratmeter umfassende Gebäude im Herzen Berlins teilen sich die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Land Berlin, die Humboldt-Universität und die Stiftung Humboldt Forum. Gezeigt werden Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien sowie Objekte zur Geschichte Berlins. Das Gebäude selbst ist wegen seiner historisierenden Barockfassade des alten Stadtschlosses umstritten.

Die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im leicht gekürzten Wortlaut:

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Mittwoch im Rahmen eines Festaktes im Humboldt Forum die ersten Bereiche des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst eröffnet. Wir dokumentieren seine Rede in leicht gekürzter Form.

So, jetzt steht es hier! Und nun?

Das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss, das Humboldt Forum, es ist ganz ohne Zweifel das Zentrum der neuen Mitte unserer Hauptstadt – und das baulich wie symbolisch. Im großen Projekt der Neuerfindung dieser Mitte Berlins ist es der architektonische Schlussstein und zugleich inhaltlich doch eher ein Anfang.

Dieses Schloss und dieses Forum sind – allein schon durch Lage, Geschichte und selbst gesetzte Mission – ein Ort von nationaler Bedeutung. Aber: Dieser Ort wirft im Augenblick noch mehr Fragen auf als er Antworten gibt. Die offenen Fragen, die dieser Ort uns stellt, sind offene Fragen unserer Nation, auch Fragen an unsere Nation.

Halten wir das aus?

Manche finden dieses Schloss, schon weil es so viele Fragen aufwirft, unbefriedigend, kritikwürdig. Manche wünschen sich, es wäre nie gebaut worden.

Aber es steht jetzt hier. Nach all den vielen Jahren der erbitterten Debatten, nach verworfenen, neuen, schließlich beschlossenen Planungen ist es fertig gebaut. Die Berlinerinnen und Berliner, Gäste aus aller Welt, sie nehmen es bereits in Besitz. Sie flanieren durch die Höfe, sie sitzen draußen in der Sonne, besuchen die Ausstellungen, die bereits zu sehen sind. Wir haben es gerade gehört: Hunderttausend waren schon hier.

Und doch ist es provozierend unfertig. Deshalb die Frage: Halten wir das aus?

Ich war immer dankbar, das Wachsen und Werden des Humboldt Forums zu begleiten: baulich aus nächster Nähe im Außenministerium und auch inhaltlich. Ich erinnere mich gut an einen lauen Sommerabend 1999 vor dem Kanzlerbungalow in Bonn, als Klaus-Dieter Lehmann dem damaligen Bundeskanzler die Idee vortrug, die gesamte Berliner Museumsinsel neu zu gestalten. Eine große Vision! Ich war fasziniert und begeistert. Und ebenso fasziniert war ich von dem Vorschlag, die ethnologischen Sammlungen aus Dahlem in die Neugestaltung der Berliner Mitte mit einzubeziehen. „Die Weltkulturen gehören in die Mitte Berlins“, davon waren Sie, lieber Klaus-Dieter Lehmann, überzeugt. Statt deutsch-deutscher Nabelschau die Öffnung hin zur Welt – das hat auch mich damals überzeugt.

Eine Zeit des Umbruchs und der Anfänge

Jetzt sind sie angekommen, die Weltkulturen. Ich freue mich sehr, heute hier zu sein und danke Ihnen, lieber Herr Dorgerloh, lieber Herr Parzinger, lieber Herr Koch, ganz herzlich für die Einladung. Die ethnologischen Sammlungen und das Museum für Asiatische Kunst sind nun hier zu sehen, hier in diesem Forum. Und dafür möchte ich Sie ganz herzlich beglückwünschen – und bin mir doch zugleich bewusst, wie umstritten manches ist und bleibt.

Dieses Forum ist noch nicht fertig, aber es ist von heute an ein Herzstück in der Museumslandschaft Berlins. Ein großer Schritt, für den ich dankbar bin. Aber es ist eben erst ein Anfang. Es ist nicht der Abschluss, es ist der Beginn eines Projektes. So wie unsere Gegenwart ganz erkennbar eine Zeit des Umbruchs und der Anfänge ist. Hier, in diesem Forum, sollen sich nicht nur Wissenschaft, Kunst und Kultur begegnen. Es soll ein Ort des internationalen Dialogs werden, des kritischen und selbstkritischen Denkens und der Auseinandersetzung in der Welt und mit der Welt.

Um fehlende Kritik muss man sich wohl nicht sorgen. Was wurde gerungen und gestritten um diesen Ort. Dieses Gebäude, es beansprucht – allein schon durch seine schiere Größe – höchst selbstbewusst für sich, eine Leerstelle zu füllen, die die deutsche Geschichte hinterlassen hat. Dieses neue alte Berliner Stadtschloss, es will nicht weniger sein als die neue alte Mitte dieser Stadt, das republikanische Herz der neuen alten deutschen Hauptstadt: ein Monument der Demokratie mit barocken Fassaden. Kann das gelingen?

Sie merken es, auch mich treiben so einige Fragen um. Und ich will Ihnen gleich gestehen: Ich werde heute nicht auf alles eine Antwort geben können und schon gar nicht alle zufriedenstellen. Aber vielleicht ist ja gerade das Fragen und das Zweifeln für uns Besucher eine gute Annäherung an diesen Bau. Dies ist, so könnte man es sagen, kein Ort der Selbstvergewisserung, sondern der Selbstbefragung. Und zwar in einem ganz produktiven Sinne: Ein Ort, der uns keine Ruhe lässt, ein solcher Ort kann tatsächlich ein demokratischer Ort werden.

Schon ein kleiner Blick zurück in die Geschichte lässt ahnen, welchen Ehrgeiz, welche Sehnsüchte, welche Machtgelüste dieser Ort im Lauf der Jahrhunderte geweckt hat: Kloster, Residenz von Fürsten, Königen, Kaisern, Aufmarschplatz und Palast der Republik, als „Palazzo Prozzo“ verspottet und zugleich beliebter Ausflugsort, Sitz der einzig freigewählten Volkskammer und dem Abriss geweihte Asbestruine, Bühne für Künstler, Humboldt Forum. Dieser Ort spiegelt wie kaum ein zweiter unsere Geschichte wider, die Irrtümer, die Abgründe, die Gewaltherrschaft und den Neuaufbau. Und er erinnert uns daran: Nur zu einem Bruchteil, gerade einmal drei Jahrzehnte, ist unsere Geschichte die Geschichte eines wiedervereinten, freien und demokratischen Deutschland.

Damals, nach Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung, avancierte die Berliner Mitte erneut zum Kristallisationspunkt unserer Verortung als Nation. Einer Nation, die nicht nur architektonisch auf der Suche war nach ihrer verlorenen Mitte. Sanierung oder Abriss, Neubau oder Nachbau, Moderne oder Barock: Der Schlossstreit tobte mit der Wucht eines Glaubenskrieges, bis sich die Idee des Wiederaufbaus durchsetzte. „Ein republikanisches Versprechen“, wie es die „FAZ“, oder ein „Denkmal der Geschichtslosigkeit“, wie es „Die Zeit“ sah? Eine Vollendung der Geschichte? Oder nicht doch eher dies: eine Revision der Geschichte, ein Symbol des Scheiterns der Idee des Sozialismus, wie Joachim Fest, einer der gewichtigsten Befürworter, den Wiederaufbau begründete?

Die Schlachten von damals sind geschlagen. Trotzdem ist es nicht so, dass eine steingewordene, kreuzgekrönte Reminiszenz an preußische Dominanz sich im wiedervereinigten demokratischen Deutschland von selbst erklärt. Seine Identität und seine Bestimmung in der Demokratie muss dieses Schloss, muss dieses Humboldt Forum erst noch finden.

Welche Bestimmung das ist, diese Frage stellt sich heute schon anders als vor 30 Jahren. Heute sehen wir klarer, dass die Wiedervereinigung zwar auch ein Endpunkt war – die deutsche Teilung war überwunden, die deutsche Frage gelöst –, aber noch sehr viel stärker ein Anfang. Der Anfang eines Prozesses, in dem nicht nur Berlin, sondern die deutsche Gesellschaft als Ganze sich radikaler verändern sollte, als die meisten sich das damals vorstellen konnten – und zwar nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Und dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen.

Im Gegenteil: So wenig unsere Demokratie etwas mehr als 30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung dauerhaft fertig und vollendet ist, so wenig ist dieses Forum hier vollendet.

Aber auch die Welt jenseits unserer Grenzen, auch diese Welt ist eine andere geworden. Wir sind heute eine Gesellschaft, die global vernetzt ist und die vielfältiger und pluralistischer geworden ist.

Hier in der Berliner Mitte ist das wie unter einem Brennglas jeden Tag zu sehen. Sie hat sich in den letzten 30 Jahren geradezu atemberaubend verändert, und damit meine ich nicht nur die bauliche Seite, sondern auch das, was sich hinter den Fassaden, den alten wie den neuen, verändert hat. Die Weltkulturen sind angekommen, aber das gleich in einem doppelten Sinne: hier drinnen im Humboldt Forum und da draußen, vor den monumentalen Fassaden.

Hier in der Berliner Mitte ist heute die Welt nicht nur zu Gast. Die Welt ist hier zu Hause – mag wie ein schöner Werbespruch klingen, hat tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht. Menschen aus der Türkei, aus Italien, Griechenland und Portugal, aus Iran, Irak, Afghanistan und Syrien, aus Nigeria, dem Kongo und Somalia, aus Asien, Nord- und Südamerika: Menschen aus allen Teilen der Welt leben heute in Deutschland, sind vielfach Deutsche geworden. Sie gehören zu dem, was heute „deutsch“ bedeutet. Sie sind Teil unserer nationalen Identität, Teil einer aktiven Bürgerschaft, die in Debatten eingreift. Sie sind nicht Menschen mit Migrationshintergrund – wir sind ein Land mit Migrationshintergrund! Was also kann, was soll dieses Forum, das den Namen Humboldt trägt, sein, in diesem veränderten Land, in dieser veränderten Welt?

Als erste Antwort will ich ganz klar sagen: Ich kann mir keinen besseren Namen für diesen Ort vorstellen. Die Berliner Mitte verneigt sich, zusammen mit der Humboldt-Universität, doppelt vor den beiden großen Gelehrten. Vielleicht ist es ja eine der vielen Ironien unserer Geschichte, dass Alexander und Wilhelm von Humboldt dieses Berlin, ihre Heimatstadt, gar nicht sonderlich geliebt haben und nur widerstrebend aus dem Ausland zurückgekehrt sein sollen.

Ja, dieser Name ist eine Verneigung vor Wilhelm von Humboldt, dem Staatsrechtler, Sprachforscher und preußischen Gesandten beim Vatikan, der nach seiner Rückbeorderung durch den Preußenkönig 1809 die erste Berliner Universität gründete und dessen kühne Vision der Einheit von Forschung und Lehre, dessen Ideal einer umfassenden Bildung noch heute unsere Universitäten und unser Bildungswesen prägt.

Und er ist eine Verneigung vor Alexander von Humboldt, dem großen Naturforscher, Entdecker und Philosophen, dem wir unschätzbare Erkenntnisse über die damals unbekannte sogenannte Neue Welt verdanken. Sein Selbstverständnis als Universalgelehrter, als Forscher war ein radikales Gegenprogramm zum kolonialen Erobern, Ausbeuten und Versklaven – ein Gegenprogramm zum reinen Vermessen und Katalogisieren. Ihm, der heute als der zweite Entdecker Amerikas verehrt wird, ihm verdanken wir die so moderne Erkenntnis, dass alles mit allem zusammenhängt auf unserem Planeten: „Alles ist Wechselwirkung“, schrieb er in sein Reisetagebuch. Welch treffendes Motto könnte das für dieses Forum sein – eben kein Forum der Selbstbespiegelung, in dem wir Deutsche tun, was wir so gerne tun: über uns selbst diskutieren, sondern ein Forum, in dem wir uns auseinandersetzen mit der Welt, einer globalisierten Welt, in der heute stärker denn je alles Wechselwirkung ist. Alles mit allem zusammenhängt.

Wer die Namensgebung des Forums, diese Hommage an die preußische Aufklärung, beim Wort nimmt, der weiß: Der Name ist Verpflichtung. Aufklärung, das bedeutet, das Bestehende vor den Richtstuhl der Vernunft zu bringen, wie Golo Mann es ausgedrückt hat.

Wir Europäer sind zu Recht stolz auf die Errungenschaften der Aufklärung: die Achtung der Menschenwürde, Vernunft und Freiheit. Jene Werte, auf denen unsere modernen liberalen Demokratien gründen. Aber wenn wir den Anspruch der Namensgeber ernst nehmen, dann darf dieses Forum nicht nur die Idee der Aufklärung feiern, sondern es muss selbst aufklären. Und das bedeutet, die historische Realität der Aufklärung, die politische Geschichte der westlichen Moderne kritisch zu hinterfragen – und es stellen sich unangenehme Fragen: Auf wessen Schultern wurde die westliche Moderne erbaut? Zu welchen Kosten, mit welchen Widersprüchen, welchen Ungerechtigkeiten? Mit welchen Folgen bis in unsere heutige Welt? (...)

„Die Wahrheit ist, dass das Universale nicht irgendeiner Gruppe gehört“, das haben Sie, verehrte Chimamanda Ngozi Adichie, einmal zu amerikanischen Studierenden gesagt. Ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind und sprechen werden. Die Geschichte jedes Menschen hat das Potenzial für das Universale – das ist Ihr Credo. (...)

Die Perspektive afrikanischer Staaten

Heute feiern wir die Eröffnung des Herzstücks dieses Forums. Kein Zweifel, schon ethnologische Sammlungen haben nach wie vor eine enorme Faszination: Die Weltkulturen kommen zu uns, und wir schauen auf das uns Fremde. Wir lernen, und vielleicht verstehen wir sogar, ganz im Humboldt’schen Sinne. Forschen, neugierig sein, sammeln: Das bedeutete für die Gebrüder Humboldt auch eine Selbstbefreiung aus der Enge der preußischen Provinz. Und ein bisschen ist es das bis heute, eine – im besten Sinne – Welterfahrung.

Aber es gibt eben auch – daran erinnert uns Chimamanda Ngozi Adichie – eine ganz andere Perspektive: die vieler afrikanischer Staaten etwa, die heute mit allem Recht noch einmal neue Geltung für sich beansprucht. Gerade die Länder Afrikas haben einen immensen Teil ihrer Kunst verloren – auch durch die Raubzüge der Europäer. „Wir sind aufgewachsen ohne einen wichtigen Teil unseres historischen Erbes“, so sagte es der nigerianische Künstler Emeka Ogboh mir in einem Gespräch. Ein Satz, der mich beschäftigt, der uns beschäftigen muss.

Wir wissen heute, dass die Herkunftsgeschichte vieler der Kunstwerke und Kultgegenstände aus Afrika, aus Asien, aus Lateinamerika, die in unseren Museen gezeigt werden, noch im Dunklen liegt oder noch nicht offengelegt ist. Schlimmer noch, dass nicht wenige auch nicht rechtmäßig „erworben“ wurden, dass dahinter eine Geschichte von Unterwerfung, Plünderung, Raub und Mord steht. Wenig ist eindeutig – und wie viel Forschung hier noch notwendig ist, das zeigt die Debatte um das so wunderbar kunstfertige Luf-Boot geradezu exemplarisch.

Ein Bundespräsident ist kein Museumsmacher. Aber Museen, die nicht nur Artefakte präsentieren, die sich auch der Geschichte des Kolonialismus ernsthaft stellen, werden anders aussehen müssen als traditionelle Museen. Über das „Wie“, darüber wird in Dresden, Stuttgart, Brüssel, Paris und London genauso gerungen wie hier in Berlin. Und das kann auch nicht anders sein. Ethnologische Sammlungen werden heute nicht mehr nur um ihrer selbst Willen gezeigt, sondern machen die Geschichte unseres Verhältnisses zu den Herkunftsorten zum Thema. Nicht zuletzt gehen sie den Spuren dieser Beziehungen im Hier und Heute nach.

Und das weist weit über die Frage hinaus, wie ein Museum konzipiert werden muss. Es geht um unser Selbstverständnis und unsere Verantwortung vor der Geschichte. Wir – und damit meine ich die Europäer insgesamt – werden manches Denkmuster überwinden und andere Perspektiven wahrnehmen und zulassen müssen. Das heißt auch, dass wir das Gespräch suchen müssen: mit den Ländern und Regionen, aus denen diese Artefakte stammen. Und wir werden feststellen, dass die von manchen behaupteten einfachen Lösungen oft keine Lösungen sind. Ich füge hinzu: Aller Kritik zum Trotz, das Gespräch hat begonnen und zeigt erste Ergebnisse.

Die Rückgabe bedeutender Benin-Bronzen, die gemeinsam mit Nigeria verhandelt wurde, ist ein Signal der Veränderung, und ich bin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dem Humboldt Forum, der Staatsministerin und dem Auswärtigen Amt dankbar für ihr Engagement in diesem Prozess. Die Diskussion um Herkunft und Rückgabe, um neue Formen von Museumskooperation, auch Hilfe beim Aufbau eigener Museen, wird mit diesen Ländern zu führen sein, nicht nur von uns Deutschen, sondern von allen europäischen Ländern mit Kolonialgeschichte. (...)

Wie steht es um das Maß unserer Verantwortung? Es ist winzig im Vergleich zur Geschichte der kolonialen Großreiche der Franzosen, Briten, Spanier, Portugiesen, Niederländer oder Belgier. So meinen viele. Aber als Bundespräsident sage ich klipp und klar: Auch wenn das Deutsche Reich erst spät nach seinem „Platz an der Sonne“ suchte, es gibt keinen Grund für ein gutes Gewissen. Und gerade deshalb muss uns dieses wiedererstandene Schloss auch Erinnerung und Mahnung sein: an Militarismus, an Nationalismus im Deutschen Reich und auch an den deutschen Kolonialismus.

Die Wahrheit ist: Wenn es um die Kolonialzeit geht, haben wir sonst so geschichtsbewussten Deutschen allzu viele Leerstellen! Wir haben blinde Flecken in unserer Erinnerung und unserer Selbstwahrnehmung.

Hier, in der Berliner Mitte, fand 1884/85 die sogenannte Berliner Konferenz statt, besser bekannt unter dem Namen Kongokonferenz, in der auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck die europäischen Großmächte und die USA den afrikanischen Kontinent de facto unter sich aufteilten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der deutsche Kolonialismus keineswegs nur eine Angelegenheit monarchischen Ehrgeizes war, sondern große Teile der Bevölkerung für koloniale Eroberungen waren – denken wir nur an die Auseinandersetzungen vor den Reichstagswahlen 1907, die als sogenannte Hottentottenwahlen in die deutschen Geschichtsbücher eingegangen sind.

In unserem kollektiven Gedächtnis ist die deutsche Kolonialzeit lange Zeit entweder glorifiziert worden – oder aber gänzlich vergessen. Vielleicht wollten wir lieber gar nicht allzu genau wissen, an welchen dieser weit entfernten Orte im damaligen Deutsch-Südwestafrika, in Deutsch-Ostafrika, im heutigen Kamerun, in Togo, in Kiautschou im heutigen China, in Papua-Neuguinea und auf den Südseeinseln, auch Deutsche als Kolonialherren Menschen unterdrückt, ausgebeutet, beraubt und umgebracht haben.

Hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen, das ist nicht nur eine Aufgabe für Historiker. Das Unrecht, das Deutsche in der Kolonialzeit begangen haben, geht uns als ganze Gesellschaft etwas an. Denn in unserem Land gibt es auch in der Gegenwart, mitten im Alltag dieser Gesellschaft, Rassismus, Diskriminierung, Herabsetzung von vermeintlich Fremden – bis hin zu tätlichen Angriffen und furchtbaren Gewalttaten.

Ich bleibe überzeugt: Die tieferen Wurzeln des Alltagsrassismus werden wir nur dann verstehen und überwinden können, wenn wir die blinden Flecken unserer Erinnerung ausleuchten, wenn wir uns viel mehr als bislang mit unserer kolonialen Geschichte auseinandersetzen!

Deutschlands Verstrickungen in der Kolonialzeit – was könnte das besser belegen als das Beispiel Namibia. Dort, im einstigen Deutsch-Südwestafrika, verübten deutsche sogenannte Schutztruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts den ersten Völkermord dieses so blutigen Jahrhunderts.

Dieses Verbrechen von deutscher Seite überhaupt anzuerkennen, hat lange, viel zu lange gedauert: ein ganzes Jahrhundert. Die Verbrechen von damals, sie wirken bis heute fort. Bis heute prägt das Leid die Nachfahren der Opfer, bis heute leben viele von ihnen in bitterer Armut. Und bis heute quält es viele Herero und Nama, dass ihre Vorfahren keine letzte Ruhestätte gefunden haben und damit auch keine Ruhe.

Vor wenigen Jahren begannen Verhandlungen der Bundesregierung mit der namibischen Regierung und den Nachfahren der Herero und Nama über ein Versöhnungsabkommen, in dem die Verbrechen von damals als das bezeichnet werden sollen, was sie waren: ein Völkermord aus heutiger Sicht. Ich hoffe sehr, dass diese Verhandlungen zu einem einvernehmlichen Schluss kommen.

Jürgen Habermas hat in einem neuen Aufsatz dargelegt, dass die Erinnerung an „unsere bis vor Kurzem verdrängte Kolonialgeschichte“ eine wichtige Erweiterung unseres politischen und historischen Selbstverständnisses ist – ohne dass damit die Erinnerung an den Holocaust eingeebnet oder an Bedeutung verlieren würde.

Blick für die Verantwortung vor der Geschichte

Ich bin überzeugt: Die Erinnerung an den Zivilisationsbruch der Shoah ist und bleibt einzigartig in unserem nationalen Gedächtnis. Sie ist Teil unserer Identität. Das sage ich nicht als Historiker – die Geschichtswissenschaft führt über Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit ihre eigenen, fachlichen Debatten –, sondern ich sage das als Bundespräsident.

Nur füge ich hinzu: Die Erinnerung an den Holocaust steht der empathischen und bewussten Erinnerung an andere Ungerechtigkeit, anderes Leid nicht entgegen! Im Gegenteil: Die Gebrochenheit, die die Shoah uns hinterlässt, öffnet hoffentlich unseren Blick für die Verantwortung vor der Geschichte. Die Menschenwürde, auf der unsere Verfassung ruht, sie ist eben die Würde aller Menschen.

Die Verbrechen der Kolonialzeit, Eroberung, Unterdrückung, Ausbeutung, Raub, Mord an Zehntausenden von Menschen, brauchen einen angemessenen Ort in unserer Erinnerung. Wir müssen uns der Verantwortung vor diesem Teil der deutschen Geschichte stellen. Denn dabei geht es um unsere Zukunft, um unser Zusammenleben in einem Land, in dem die Weltkulturen zu Hause sind und sein wollen.

Wenn dieses Forum tatsächlich zum Forum wird, zu einem Ort, an dem diese Debatten geführt werden und an dem wir Antworten auf die vielen Fragen, die dieses Schloss aufwirft, auch tatsächlich näherkommen, dann hätte sich die Frage nach seiner Sinngebung beantwortet.

Ich habe großes Vertrauen, dass Sie, lieber Herr Koch, Herr Parzinger, Herr Dorgerloh, dass Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich genau das vorgenommen haben und alles dafür tun, dass es das wird. Ich möchte Ihnen dreien heute ganz herzlich danken für Ihren Mut und Ihre Entschlossenheit, sich in und oft genug auch gegen den Wind zu stellen. Ihre Aufgabe ist wahrlich schwer, sie zu kritisieren ist einfach. Aber wenn wir zu neuen Ufern aufbrechen wollen, wenn wir ein anderes, aufgeklärtes Verständnis der Artefakte und ihrer Geschichte finden wollen, ein Verständnis, das sich intensiv der Kultur und der gesellschaftlichen Realität in ihren Herkunftsregionen widmet, dann brauchen wir Menschen, die sich dieser Aufgabe und dieser Verantwortung stellen – Menschen wie Sie! Und deshalb mein besonderer Dank!

Zu Beginn habe ich gesagt: So, jetzt steht es hier. Und nun? Die Antwort ist: Nun sind wir dran!

Es liegt an uns, dieses Gebäude mit Sinn, mit Leben, mit Debatte zu füllen. Wenn ich mir heute etwas wünsche, dann das: Möge es Ihnen, möge es den Besucherinnen und Besuchern, möge es uns allen gemeinsam gelingen!