Bar jeder Vernunft

Michael Mittermeier gräbt sich durch die Fernsehlandschaft

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Ulrike Borowczyk
Mittermeier

Mittermeier

Foto: Enrico Meyer

Von „Tutti Frutti“ bis zu „Love Island“: Der TV-Junkie kehrt in die Bar jeder Vernunft zurück

Da sind sie wieder: Michael Mittermeiers Flipper-Lachen, gepaart mit der Winnetou-Melodie und dem Bonanza-Ritt. Einfach schön, mit nostalgischen Reminiszenzen in vergangenen TV-Hits zu schwelgen. Genau wie in Mittermeiers schonungslos detailliertem Nachspielen der AOK-Werbung für den Last-Minute-Auslandskrankenschein. Für ihn seit einem Vierteljahrhundert Platz 1 der unrealistischsten Werbespots. Längst ein Comedy-Klassiker, im Netz viele tausend Male geklickt. Mit Mittermeier taucht man nur zu gern ein in diese Zeit, als Fernsehen noch ein großes Lagerfeuer und Dauerglotzen wie Kiffen war. Heute, ist Mittermeier überzeugt, ist es eher wie Crystal Meth. Schließlich ist viel passiert zwischen „Flipper“ und dem „Bachelor“. Spätestens beim Quoten-Sex der Rauswähl-Show „Love Island“ ist es denn auch vorbei mit der Gemütlichkeit. Gelacht, bis es im Zwerchfell zwackt, wird natürlich trotzdem. Beim TV-Trash läuft Mittermeier nämlich zur Hochform auf.

Nach 25 Jahren kehrt Michael Mittermeier mit einem Special von „Zapped“ zurück in die Bar jeder Vernunft, wo er einst als unbekanntes Comedy-Talent auf der Bildfläche erschien. „Zapped“ war 1996 der Urknall der deutschen Stand-up-Comedy. Mittermeier legte die Messlatte damit gleich extrem hoch. Ist das Solo doch bis heute das erfolgreichste deutsche Comedy-Programm. Damals waren Basecap, blaues T-Shirt und schwarze Lederhosen Mittermeiers Markenzeichen. Mittlerweile mit ergrautem Haar, hat Mittermeier das Basecap nun zuhause gelassen und die Lederhose gegen schwarzem Stretch eingetauscht. Doch der Comedy-Star ist definitiv noch derselbe, bissige TV-Junkie wie vor 25 Jahren.

Auch die Querdenker kriegen ihr Fett weg

Nachgerade manisch mäandert Michael Mittermeier wieder durch die TV-Landschaft, erweitert sein Solo um Streamingkultur und aktuelle Themen. Auch um Corona. Wobei er allen Verschwörungsschwurblern und Querdenkern für leichte Pointenbeute dankt. Ein Beispiel? Der Impfgegner, der glaubt, dass unser Ego nach dem Pieks durch Nanotechnologie in die Cloud hochgeladen wird. Mittermeier hat Bedenken, ob der Speicherplatz bei manchem Ego ausreicht.

In seinem TV-Update spielt der Comedian virtuos mit popkulturellen Versatzstücken und gesellschaftlichen Trends. Die Drohne Willi etwa aus „Biene Maja“ wäre heute ein Genderfluid. Und „Indiana Jones“ müsste korrekt „Ureinwohner Sepp“ heißen. Was so langweilig wäre wie „Bibel TV“. Da sieht man alles, außer Sex, Gewalt und Action. Also nichts. Für den Bayern Mittermeier ist das wie Komasaufen mit Weihwasser. Oder eine Wiesn in Dubai. Eine Steilvorlage für ihn zur Zoom-Konferenz der Islamisten im Homeoffice, die sich alle daheim in die Luft sprengen. Schon geht es zurück in die Vergangenheit. Zur Erotik-Spielshow „Tutti Frutti“. Damals, als es Cancel Culture noch nicht gab. Dafür aber jede Menge Spaß. Eine Zeit, mit der nicht nur Mittermeier, sondern auch die Zuschauer jede Menge anfangen können.