Berliner Original

Neuigkeiten aus dem Haus von Heinrich Zille

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Volker Blech
Im Berliner Zille-Museum präsentiert Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille (r.) die Staffelei seines berühmten Berliner Vorfahren. Es ist eine der Leihgaben der Familie ans Museum. Es ist der passende Moment, in dem sich Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann im Kostüm ins rechte Licht rückt.

Im Berliner Zille-Museum präsentiert Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille (r.) die Staffelei seines berühmten Berliner Vorfahren. Es ist eine der Leihgaben der Familie ans Museum. Es ist der passende Moment, in dem sich Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann im Kostüm ins rechte Licht rückt.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Zur Wiedereröffnung des Zille-Museums im Nikolaiviertel übergibt der Urenkel die Staffelei und die Totenmaske.

Berlin. „Man darf ihn nicht vergessen“, sagt Walter Plathe. Und alle um ihn herum nicken. Es ist eine ziemlich große Familie, die sich zur Wiedereröffnung des Zille-Museums im Nikolaiviertel versammelt hat. Es sind die Bewahrer der Werke und vor allem der Erinnerungen an den 1929 in Berlin verstorbenen Maler, Zeichner und Fotografen Heinrich Rudolf Zille,. Es ist ein guter Tag für alle Hutträger. Unter den Anwesenden am Donnerstag sind Schauspieler wie Walter Plathe und Brigitte Grothum oder auch Zille-Darsteller Albrecht Hoffmann in Kostüm.

Und auch ein leibhaftiger Nachfahre ist mit dabei. Hein-Jörg Preetz-Zille stellt dem Museum erneut Erinnerungsgut wie die originale Staffelei, die Totenmaske und andere ganz persönliche Objekte von Heinrich Zille zur Verfügung. Beiläufig erzählt der Urenkel, dass er der letzte männliche Nachfahre mit dem Namen Zille sei.

Die Totenmaske von Heinrich Zille bleibt an diesem Tag weitgehend unbeachtet, auch Urenkel Zille posiert am liebsten vor der Staffelei. Rechts daneben hängt als Beweis für die Echtheit ein Foto mit Heinrich Zille neben seiner Staffelei. Die hat eine Odyssee hinter sich, der Urenkel musste das Original-Holzgestell zuletzt zurückkaufen. Beim alten Zille stand sie zuletzt in der Charlottenburger Dreizimmerwohnung an der Sophie-Charlotten-Straße 88, IV. Stock, wo die Familie 1892 hingezogen war. Hier wohnte Heinrich Zille fast 40 Jahre lang bis zu seinem Tode. Die Wohnung lag näher an seiner Arbeitsstätte, denn die Photographische Gesellschaft war in das neue Villenviertel Westend umgezogen. Später hat die Staffelei die familiäre Flucht der Nachfahren aus Pommern überstanden.

Heinrich Zille: Eine Zeichnung hat die Flucht im Kinderwagen überstanden

Ein Fluchtobjekt noch aus der Feder von Heinrich Zille hängt gleich gegenüber. Die Zeichnung trägt den Titel „Die Reisigsammlerin“ und ist eines der fünf Originale, die der Berliner Walter Plathe dem Museum als Leihgabe überlässt. Als Schauspieler kann Plathe die Geschichte natürlich anschaulicher und humorvoller vortragen. Demnach lag diese eine Zeichnung auf der Flucht im Kinderwagen, der darauf liegende Klein-Hein-Jörg soll sogar drauf gepinkelt haben. Gemeinsam sucht man nach Spuren im Bild. Es ist aber nicht wirklich etwas zu entdecken. Vielleicht ist es auch nur eine Familienlegende.

Bei der Neueröffnung ist ein Raum den Zeichnungen von Philipp Sonntag vorbehalten. Künftig soll es halbjährlich Sonderausstellungen mit Künstlern geben, die sich mit Zille verbunden fühlen, kritisch mit der Kunst umgehen, die das Schöne und die Vielfältigkeit, aber auch Missstände dieser Stadt in ihren Werken darstellen. Sprich: Bilder, die Zilles Berliner Milljöh-Studien in die Gegenwart transformieren.

Philipp Sonntag, der Schauspieler, Kabarettist, Karikaturist und Autor, springt mit fahrigen Erklärungen von einer Zeichnung zur nächsten. Man kann ihm kaum folgen in den Gedankengängen. Eine Zeichnung zeigt einen Friedenskämpfer. Das Wort sei für ihn ein Widerspruch in sich, sagt er. Witzig ist eine Zeichnung, in der auf einem Schild Abstand gefordert wird. Dahinter drängelt sich im Regen eine Schlange und wartet auf Einlass.

Sonntags kleine Bilderschau mit dem Titel „Zille heute“ zeigt, dass es gar nicht abwegig ist, das Erbe von Heinrich Zille anzutreten. Das Berliner Milljöh bleibt immer ein bisschen skurril. Missstände gibt es quer durch die Stadt zu beobachten. „Meine Werke entstanden aus ähnlichem sozialkritischen Blickwinkel wie die vom unvergessenen großen Berliner Meister“, sagt der 79-jährige Sonntag: „Manche sagen, dass ich zeichne, wie Zille heute gezeichnet hätte.“

Zille-Museum, Propststr. 11, Mitte. Ausstellung „Zille heute“ bis zum 23. April 2022