Berliner Ensemble

Christina Tscharyiski inszeniert Jelineks „Schwarzwasser“

| Lesedauer: 4 Minuten
Spielwütig: Bettina Hoppe, Cynthia Micas, Elfriede Jelinek, Claude De Demo und Stefanie Reinsperger (v. l.).

Spielwütig: Bettina Hoppe, Cynthia Micas, Elfriede Jelinek, Claude De Demo und Stefanie Reinsperger (v. l.).

Foto: Matthias HorN

Dem Schauspielerinnen-Quartett gelingt ein mitreißender Abend über Rechtspopulismus, Sprachvernebelung und Gewalt

Die Bilder haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Der österreichische Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) und der freiheitliche Klubobmann Johann Gudenus sitzen im Juli 2017 in einer Villa auf Ibiza und sprechen mit einer Frau, die sie für die Nichte eines russischen Oligarchen halten. Auf dem Tisch stehen unzählige Dosen Red Bull, manche meinen auch der Glasplatte auch ein verdächtiges, weißes Pulver zu erkennen.

Strache fantasiert sich in nassforscher Rhetorik ein Szenario herbei, in dem er entscheidenden Einfluss auf Österreichs auflagenstärkste Tageszeitung gewinnt: „Sobald sie die Kronen-Zeitung übernimmt, sobald das der Fall ist, müssen wir ganz offen reden.“ Man müsse dann dort ein paar Leute „pushen“ und ein paar Leute „abservieren“. Im Gegenzug denkt er laut über öffentliche Aufträge nach, die man der Geldgeberin zuschustern könnte. Immer wieder betont er dabei, es müsse alles „rechtskonform“ und „legal“ zugehen.

Der Ausgang der Ibiza-Affäre ist bekannt: Die österreichische Regierungskoalition zerbrach, der mutmaßliche Urheber des Videos sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nahm den Vorgang zum Anlass für einen furiosen Text namens „Schwarzwasser“ – das Wort bezeichnet, dem Anlass durchaus angemessen, Abwasser mit fäkalen Feststoffen. Erwartungsgemäß ging es ihr dabei nicht um eine bloße Dramatisierung des Skandals – dafür sind andere zuständig, eine entsprechende Serie wird im Oktober auf Sky zu sehen sein. Jelinek interessiert sich für die Mechanismen rechtspopulistischen Sprechens und für die Rolle der Gewalt in der Sprache, für die Folgen des menschengemachten Klimawandels und das Geschlechterverhältnis, sie weitet den Fokus bis zu den „Bakchen“ des Euripides und nimmt Anleihen beim französischen Anthropologen René Girard. Entstanden ist eine hochassoziative Suada, die lustvoll die Widersprüche machtlüsterner Rede karikiert, die Bedeutungsebenen permanent flackern lässt, bewusst semantische Verwirrung in Kauf nimmt und eine erstaunliche Zahl guter Kalauer versammelt.

Schreiend komische Bloßstellung

Regisseurin Christina Tscharyiski hat diesen verstörenden Text in einer Weise auf die Bühne gebracht, die man kongenial nennen muss. Die Entscheidung, den Abend ausschließlich mit Frauen zu besetzen – neben den Schauspielerinnen Claude De Demo, Bettina Hoppe, Cynthia Micas und Stefanie Reinsperger treten die Live-Musikerinnen Laura Landergott, Jessyca R. Hauser und Maya Postepski auf – erweist sich als vollkommen einleuchtend: Die Spezifika männlichen Dominanzgehabes mitsamt seiner lächerlichen Deckmäntelchen („rechtskonform“) stellt das Quartett so präzise und oft schreiend komisch bloß, dass es immer wieder zu Zwischenapplaus und befreitem Gelächter kommt.

Sehr eindrucksvoll, wie die Schauspielerinnen diese Textflut, die ohne chronologische Ordnung auf uns einstürzt, zu bändigen wissen. Stefanie Reinsperger schreitet als Jesus-Wiedergängerin die Zuschauertribüne herab, sie zeigt die Wunden auf ihren Handflächen: Die Strategie der Selbstviktimisierung, ein geläufiges Muster rechtspopulistischer Rhetorik, ist ein Leitmotiv dieser schnellen, mitreißenden 100 Minuten. Bettina Hoppe sorgt mit einer Hybridform aus politischer Rede und moralischem Offenbarungseid für Begeisterung, auch Cynthia Micas und Claude De Demo beweisen in großartigen Solos, wie viel Wahrheit über Macht, Lügen und Gewalt in diesem Text steckt. Dominique Wiesbauer hat ins Zentrum der Bühne ein Mischwesen aus Hund, Fledermaus und Ratte gestellt, das mit glühenden Augen bedrohlich sein Maul aufreißt – und auf dem Screen sehen wir im raschen Wechsel Politikerkarikaturen, die Vengaboys vor tanzenden Massen oder ein Preisausschreiben, bei dem man eine Reise zur Strache-Villa auf Ibiza gewinnen kann. Dazu ein musikalisches Programm von schmalziger Heimatmusik bis zu den Hammerschlägen von Rammstein. Ein kraftvoller, klug inszenierter Abend.