Radialsystem

Wenn eine Topfpflanze Gassi geführt wird

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Mario-Felix Vogt
„The Seventy Deadly Sins“ vom Solistenensemble Kaleidoskop

„The Seventy Deadly Sins“ vom Solistenensemble Kaleidoskop

Foto: Dan Caetano

Eine eigenwillige Performance zeigt das Solistenensemble Kaleidoskop mit „The Seventy Deadly Sins“ im Radialsystem.

Wer ein Konzert des in Berlin beheimateten Solistenensemble Kaleidoskop besucht, erwartet keinen Auftritt, der dem eingespielten Regelwerk der Rituale folgt, das sich in den Philharmonien dieser Welt etabliert hat. Denn dieses Streicherensemble, das sich 2006 großteils aus Studierenden der Universität der Künste gründete, hatte sich bereits früh zum Ziel gesetzt, traditionelle Konzertformen wie auch musikalische Stilgrenzen zu durchbrechen und in der Zusammenarbeit mit Theaterregisseuren, Choreographen und Videokünstlern neue Performancemodelle für klassische Instrumentalisten zu erproben. So geriet auch das Projekt „The Seventy Deadly Sins“ (Die siebzig Todsünden), das im Radialsystem seine Uraufführung erlebte, zu einem ganz eigenwilligen Stück Musiktheater.

Der Titel erinnert an Kurt Weills „Die sieben Todsünden“

Die Musik, die zu einem guten Teil aus Kollagen von Werken der Klassik, des Musicals und der Popmusik besteht, steuerte der amerikanische Komponist Ethan Braun bei. Die Inszenierung übernahm der israelische Regisseur Ariel Efraim Ashbel, während der britische Künstler Paul Maheke die Bühne gestaltete und die Kostüme entwarf. Der Titel des Stücks „The Seventy Deadly Sins“ ist von Kurt Weills Ballettmusik „Die sieben Todsünden“ abgeleitet, daraus kreierten die Künstler 70 Miniaturen, die miteinander verwoben sind und durch ein komplexes Zusammenspiel, von Performerinnen und Performern, Objekten, Licht und Sound gekennzeichnet sind.

Das Ensemble Kaleidoskop bezeichnet das Stück auf seiner Homepage als „Spiel zwischen Sinn, Sünde, Sinnen und Sinnlichkeit“. Schon der Beginn des Werkes machte klar, dass die Zuschauer eine ungewöhnliche Performance erleben werden: Die Musiker saßen mit leuchtenden Neonhalsbänder auf und vor einer kreisrunden Bühne, als seien ihnen ihr Heiligenschein nach unten gerutscht, was ja durchaus plausibel ist, wenn man gesündigt hat. Später wurde die Bühne in Nebel getaucht, aus dem einzelne Darsteller mit beleuchteten Uniformen auftauchten, Star Wars lässt grüßen. Im weiteren Verlauf des Stücks wurden die Zuhörer mit zahlreichen Zitaten aus verschiedensten Musikstücken konfrontiert, dabei wechselten die Streicher auch immer wieder zu anderen Instrumenten wie Mundharmonikas, Blockflöten oder Akkordeons oder traten als Sänger in Aktion.

Zwischen opernhafter Attitüde und lockerem Witz

Während des Entstehungsprozesses fragte Ariel Efraim Ashbel die Musikerinnen und Musiker nach Stücken, die sie jeweils besonders schätzten und nach solchen, die sie vehement ablehnten. Einige dieser Lieblings- und Hassstücke tauchen in den „Seventy Deadly Sins“ auf, insofern sind die Musikerinnen und Musiker zum Teil auf ungewöhnlich tiefe emotionale Weise mit den Werken, die sie interpretieren, verbunden. Je nach dem, was die stetig wechselnden Szenen von ihnen fordern, changierten sie in ihrer Haltung zwischen symphonischer Erhabenheit, opernhafter Attitüde und lockerem Witz.

Bisweilen bricht sich auch ein skurriler Humor Bahn, wenn etwa eine Topfpflanze Gassi geführt wird oder sich ein barocker Tanz zu einer aufwendigen Broadway-Nummer entwickelt. Zunächst scheinen diese schnell wechselnde Szenen zusammenhanglos, doch nach und nach merkt man, dass es durchaus einen roten Faden in der Performance gibt – allerdings verweigert sich dieser den Handlungskonventionen des traditionellen Theaters. Das Publikum bedankte sich bei den vielseitig agierenden Musikern mit reichlich Applaus.