Young Euro Classic

Monströses in kleiner Besetzung

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Matthias Nöther
Ensemble Mini im Konzerthaus Berlin.

Ensemble Mini im Konzerthaus Berlin.

Foto: MUTESOUVENIR | Kai Bienert

Ensemble Mini springt mit Mahler und Strauss bei Young Euro Classic im Konzerthaus Berlin ein.

Ja, es stimmt: Vor allem dank der Corona-Situation kann das Ensemble Mini bei Young Euro Classic im Konzerthaus spielen. Das sagt gleich zu Beginn Joolz Gale, der Dirigent des Berliner Ensembles. Sonst ist es für gewöhnlich das Internationale, Polyglotte, Jugendliche der Musikerinnen und Musiker, auf welches Young Euro Classic bei seinem Sommerfestival im Konzerthaus Berlin besonders stolz ist. Das Ensemble Mini springt jedoch in die Lücke, welche die nicht angereiste Jugendorchester aus aller Welt zwangsläufig lassen – das Ensemble selbst besteht aus teilweise weitaus erfahreneren, aber eben meist Orchestermusikern aus der Stadt.

Das Ensemble spielte große Werke in kleiner Besetzung

Gale möchte nicht zuletzt große und sehr große Orchesterwerke in kleiner Besetzung aufführen. An diesem Abend ist es mitunter Gustav Mahlers Sinfonische Dichtung „Todtenfeier“, die Urfassung des Ersten Satzes seiner Zweiten Sinfonie, die Dirigent Gale eigenhändig für die Aufführung bei Young Euro Classic für Kammerbesetzung arrangiert hat. Das ist hervorragend gelungen – was auch der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass diese tragische Tondichtung in c-Moll von einer blockhaften Klassizität ist – wiewohl sie bereits die Extreme und Monströsitäten späterer Mahler-Stücke ahnen lässt.

Auch diese Extreme – Decrescendi bis ins Unhörbare, krachende Schläge, unwägbares Gemurmel – stellt das Ensemble Mini unter Gale mit kaum je nachlassender Spannung dar. Dass das Arrangement gegen Ende die gleichen Hänger aufweist wie das spätromantische Original – geschenkt. Joolz Gale hat da das Publikum längst mit seiner Begeisterung angesteckt.

Sopranistin Marlis Petersen präsentiert „Mädchenblumen“

Seine nachfolgende Konversation mit der Star-Sopranistin Marlis Petersen gerät trotzdem nicht so jugendlich-cool wie beabsichtigt, sondern eher länglich. Gale will halt die großen Schinken zu kleinen Anlässen dirigieren, Petersen möchte nicht so viel Instrumentarium unter ihrem schlank geführten Sopran liegen haben. Ihre perfekte Diktion in Richard Strauss‘ Zyklus „Mädchenblumen“ bestätigt das. Das subtile Arrangement dieser in ihrem objekthaften Frauenbild schon eher bedenklichen Lieder nach Texten des Wilhelminers Felix Dahn stammt von dem Dirigenten Eberhard Kloke.

Man kann konstatieren: Um Dirigenten wie Gale, Interpretinnen wie Petersen und den Arrangeur Kloke, die Miniatur-Ausgaben des Orchesterkanons vorantreiben, hat sich mittlerweile schon so etwas wie eine Szene gebildet. Natürlich profitiert man von den Wiedererkennungs- und Verfremdungseffekten, die solche entschlackten Fassungen bekannter Werke in sich bergen. Mit einer beeindruckend locker über alle Schwierigkeiten hinweg gespielten „Kammermusik Nr. 1“ von Paul Hindemith zeigt das Ensemble Mini aber auch: Es hat jenseits von Arrangements eine Berechtigung – technisch gesehen ist dies übrigens sicher das Stück des Abends, für das die Beteiligten am meisten üben mussten.