Philharmonie

Kammermusik in ihrem ganzen verspielten Witz

| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Nöther
Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters: Kent Nagano.

Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters: Kent Nagano.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Hindemith und die Klassiker: Kent Nagano dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie.

Berlin. Eine einzige Gelegenheit bekommt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin am Ende dieser verkorksten Klassiksaison, um in der Philharmonie ein Konzert zu geben. Der Saal ist, mit den gültigen Abstandsregeln, bis an die Decke gefüllt, die Neugier nach so langer Zeit ist groß. Sie wird befriedigt – wiewohl sich das Orchester für diese Live-Darbietung nach der Lockdown-Pause einen alten und höchst Bekannten geangelt hat: seinen Ehrendirigenten Kent Nagano, der zwar nach seiner Chef-Zeit vor rund 15 Jahren längst andere wichtige Ämter in und außerhalb Europas innehat, aber dem DSO immer noch eng verbunden ist. Unter ihm allerdings ist es völlig selbstverständlich, dass ein strukturell konservatives Orchester sich für die unbekannte und originell besetzte Kammermusik Nr. 1 des jungen Paul Hindemith mit genauso engagiertem Spiel einsetzt wie für die Klassiker, die im zweiten Teil erklingen. Den Hindemith übrigens wird das Orchester bei einem Gastspiel unter Nagano in Bad Kissingen am Sonntag auslassen – nur die Berliner kommen in den exklusiven Genuss des gleichzeitig mutigen und kurzweiligen Werks von 1922.

Der Einfluss der älteren Zeitgenossen ist spürbar

Die Solisten des Orchesters sitzen dafür im Kreis um den Dirigenten herum. Hindemith zog sein kompositorisches Selbstbewusstsein aus dem gerade lebenslang geschlossenen Vertrag mit dem renommierten Verlag Schott in Mainz – der, nebenbei bemerkt, in der Corona-Krise in existenzielle Nöte geraten ist. Beim DSO erklingt die Kammermusik in ihrem ganzen verspielten Witz. Mit dem historischen Abstand von hundert Jahren hört man dabei auch die Inspiration durch die älteren Zeitgenossen Respighi und Ravel – ja sogar durch den von Hindemith nach außen hin eher verlachten Richard Wagner. In ihren volkstümlichen rhythmischen Gesten, gepaart mit einer modernen Harmonik und von den Musikern eher musikantisch als akademisch aufgefasst, ist der junge Hindemith auf jeden Fall so manche Wiederentdeckung in den kommenden Jahren wert.

Feurige Standardsituationen der Sinfonik

Seong-Jin Cho ist der Solist in Beethovens Zweitem Klavierkonzert. Gerade im zweiten Satz hat er die Kraft und Geduld, in nur wenigen Tönen gemeinsam mit dem Orchester Momente der innigen Einkehr zu schaffen, die ihresgleichen suchen. Vielleicht ist dieser Pianist kein Mann für die traditionelle pathetische Beethoven-Pranke, die in anderen Konzerten des Komponisten schon mal ran muss. Aber er zeigt auch, dass vergleichbar trotzig-extrovertierten Momenten dieses zweiten Konzerts auch mit wahlweise detailorientierter Sachlichkeit oder quasi-buddhistischem Gleichmut interpretiert werden können.

In der Dritten Sinfonie des jungen Schubert dann präsentiert das DSO feurige Standardsituationen klassisch-romantischer Sinfonik mit solcher Verve und – ungeachtet der Abstände im Orchester – solcher Geschlossenheit, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, dieses Orchester könnte an Live-Erfahrung eingebüßt haben.