Ausstellung

Respekt vor Pflanzen: Zheng Bo im Gropius Bau

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Zheng Bo auf Lantau Island, 2020.

Zheng Bo auf Lantau Island, 2020.

Foto: Kwan Sheung Chi / Edouard Malingue Gallery, Foto: Kwan Sheung Chi, 2020

Im Studium von Blattwerk das anthropozentrische Denken überwinden: Die Ausstellung „Zheng Bo: Wanwu Council“ im Gropius Bau

Meditative Stille empfängt den Besucher, wenn er vom quirlig-lauten Lichthof des Gropius Baus mit den pinkfarbenen Tentakeln von Yayoi Kusama kommend die Ausstellung von Zheng Bo betritt. Hier sind die Räume in Naturweiß und Cremetönen gehalten. Statt neongrellem Plastik dominieren die Materialien Holz und Papier. Während Kusamas Werke in aller Welt für schnelle Selfies beliebt sind, verlangen die Arbeiten von Zheng Bo Geduld und Zeit. Sein Sujet sind lebendige Pflanzen aus allen Klimazonen der Welt, die er in filigranen Bleistiftzeichnungen verewigt hat. Jede von ihnen ein einzigartiges Kunstwerk.

Geboren 1974 in Beijing, arbeitet Zheng Bo auf eigentlich auf Lantau Island, Hongkong. 2020 indes war er „Artist in Residence“ im Gropius Bau. Seine ungewöhnliche, fast provokante Frage: „Wie können wir Menschen eine Sensibilität für die Politik der Pflanzen entwickeln?“, anstatt: „Welche Rolle spielen Pflanzen in der Politik der Menschen?“ Eine Antwort darauf gibt nun seine Ausstellung, kuratiert von Stephanie Rosenthal mit Clare Molloy. Sie bringt den Betrachter dazu, sich auf den vielfältigen Kosmos der Pflanzen einzulassen.

Ein ganzheitliches Weltbild als Gegenmittel

In der daoistischen Philosophie bedeutet „wanwu“ eine „Vielzahl von Dingen“ und umfasst alle Existenzweisen im Universum. Was den Weg beschreibt, den der Künstler und Theoretiker Bo vorschlägt, um die planetare Klima- und Umweltkrise zu überwinden. Für ihn steht fest: Wir müssen unsere anthropozentrische Wahrnehmung überwinden. Er propagiert eine andere Perspektive, ein anderes Miteinander. Denn es sind ja wir Menschen, die in den Lebensraum von Pflanzen und Tieren eindringen, die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen, sie gar zerstören.

Die Ausstellung leitet zu mehr Respekt vor Pflanzen an. Der Fokus liegt dabe auf Zheng Bos Zeichnungen der fortlaufenden Serie „Drawing Life“. Zu sehen in sechs von acht Räumen auf niedrigen Holztischen, mit jeweils einem großen Kissen zum Verweilen davor. Darunter auch Blattwerk von Pfanzen in Moabit, wo Bo während seines Berlin-Aufenthalts gewohnt hat. Eingeteilt sind die DIN-A-4-großen Zeichnungen in die 24 Halbmonate des Lunisolarkalenders. Unter Begriffen wie „Wintersonnenwende“, „Große Kälte“ oder „Ährenbildung“. Eine andere zeitliche Dimension, weg von unseren starren Kalendertaktungen, soll unser Denken verändern.

Pflanzen als soziale Wesen mit eigener Politik

Ergänzt werden die Zeichnungen durch eine Videoinstallation auf sechs Bildschirmen, die Teilnehmer von Zheng Bos Workshops unter Bäumen zeigt. Der Künstler ist davon überzeugt, dass wir durch tägliche Übungen Pflanzen nicht mehr ignorieren, sondern ihnen gegenüber Demut empfinden, sie besser achten können. Auf einer Tafel stehen detaillierte Anleitungen dafür. Außerdem zeigt Zheng Bos Film „The Political Life of Plants“ Pflanzen als soziale Wesen. Nach dem Besuch der Ausstellung sieht man Pflanzen tatsächlich mit anderen Augen.

( Ulrike Borowczyk )