Berliner Ensemble

„Hinter den Kulissen wurde extrem viel gearbeitet“

| Lesedauer: 7 Minuten
Oliver Reese ist seit 2017 Intendant des Berliner Ensembles.

Oliver Reese ist seit 2017 Intendant des Berliner Ensembles.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Nach einem kräftezehrenden Juni geht das Berliner Ensemble in die Sommerpause – und kehrt früh zurück. Ein Gespräch mit Intendant Oliver Reese

Es war, nach vielen nervenaufreibenden Monaten des Lockdowns, ein Sprint aus dem Stand: Mit Ersan Mondtags „Ring“-Inszenierung und Frank Castorfs „Fabian“ brachte das Berliner Ensemble gleich zwei viereinhalbstündige Abende auf die Bühne im Großen Haus, im Neuen Haus feierte der „Mephisto“ mit Schauspielerinnen und Schauspielern der Hochschule Ernst Busch Premiere. Ein Gespräch mit Intendant Oliver Reese über Lehren aus der Pandemie, Kommunikation in der Krise und die kommende Spielzeit.

Herr Reese, das Berliner Ensemble hat sich entschieden, in eine reguläre Sommerpause zu gehen und erst im August wieder zu starten. Warum wird nicht durchgespielt?

Oliver Reese: Wie wir in den vergangenen Monaten spielen durften und wann wir spielen durften, ob drinnen oder draußen, wurde jeweils sehr kurzfristig entschieden. Immer in Drei-Wochen-Schritten. Wir hatten eigentlich darauf gehofft, spätestens im Mai spielen zu können. Das wäre vor dem Hintergrund unserer Hygienemaßnahmen und Belüftungsmöglichkeiten auch gut möglich gewesen.

Es ist aber nicht so entschieden worden.

Ja. Und Sie können ein Theater nicht an- und abschalten wie ein Radio. Hinter den Kulissen wurde auch während des Lockdowns extrem viel gearbeitet, zum Teil unter Doppelbelastung wegen Homeschooling. Wir haben mit drei großen Premieren im Juni die Ergebnisse dieser Arbeit auch präsentieren können. Dazu haben wir schönes, kleiner dimensioniertes Hoftheater gemacht, alles immer rappelvoll. Wir haben jetzt beschlossen, dass wir die sonst übliche Vorlaufzeit im Spätsommer stark verkürzen und bereits am 11. August mit dem Spielen wieder anfangen, nämlich mit Barry Koskys Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Wir fangen also früher wieder an, geben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber auch eine Sommerpause. Ich bezweifle auch, dass das Indoor-Theater im voraussichtlich heißen Juli so gut funktioniert. Ich finde wichtiger, dann mit voller Kraft gemeinsam ab dem Beginn der neuen Saison wieder da zu sein. Auf drei Spielstätten, mit dem ganzen Programm.

Es waren Monate permanenter Verunsicherung mit ständigen Kurswechseln der Politik. Wie steht es um die die Moral im Haus?

Wir haben regelmäßig Zoom-Konferenzen mit dem Ensemble gemacht, alle 14 Tage. Und wir haben jetzt eine Vollversammlung der Belegschaft im Großen Haus machen können. Regelmäßige Newsletter wurden geschrieben, damit alle auf dem neuesten Stand sind. Wenn ich mit dem Kultursenator eine Schalte hatte, habe ich danach geschrieben, was da genau gesagt wurde. Wir haben versucht, alle engmaschig zu informieren. Wir mussten extrem viel kommunizieren, das hat auch Kraft gekostet.

Gab es Austausch mit den anderen großen Bühnen?

Einer der wenigen schönen Effekte der Pandemie war, dass die Konkurrenz zwischen den Häusern einem sehr viel offeneren, sehr viel solidarischeren Verhalten gewichen ist. Ulrich Khuon vom Deutschen Theater und ich zum Beispiel haben oft miteinander telefoniert und uns abgestimmt und uns gegenseitig auch unsere Schwierigkeiten geschildert. Auch mit den Kollegen der Schaubühne gab es viele Gespräche. Die Pandemie hat viele kleinkrämerische Probleme weggefegt, die hoffentlich auch nicht zurückkehren.

Haben Sie sich in der Pandemie von der Kulturverwaltung gut betreut gefühlt?

Ja. Ich habe hautnah mitbekommen, wie hart da gearbeitet wurde. Die haben ja ihre Belegschaft auch nicht schlagartig vervielfacht. Und haben trotzdem einen unglaublichen Zusatzaufwand betreiben müssen, um die Sonderprojekte, -finanzierungen, die ganze bürokratische Arbeit und auch die Unterstützung freier Künstlerinnen und Künstler zu ermöglichen, abzurechnen, zu verwalten, mit uns allen immer wieder sehr direkt im Austausch zu sein. Wir wurden immer wieder gefragt: Was braucht ihr jetzt? Wann müssen wir was entscheiden? Was würde euch helfen? Man kriegt immer sofort eine Antwort, und das ist alles andere als selbstverständlich.

Trotzdem spielte die Kultur bei allen Öffnungsdebatten oft die letzte Geige.

Ich habe den Eindruck, dass die Kulturpolitik selbst oft nicht die Durchschlagskraft, die Bedeutung im politischen Gesamtgefüge hat, wie sie sich das selbst wünschen würde – bundesweit. Die Kultur wurde, obwohl sie de facto sehr gute Möglichkeiten gehabt hätte, auf eine sehr undifferenzierte Weise in Schubladen gepackt, in die sie nicht gehörte und wo sie sich plötzlich mit Restaurants und Nagelstudios wiederfand. Die Kulturpolitik hat es sicher besser gewusst, aber die Ministerpräsidentenrunde ist mit dem Rasenmäher drüber gegangen. Klaus Lederer hat sich auch offen verärgert darüber gezeigt, mit seinen Argumenten immer wieder nicht durchgedrungen zu sein. Die Forderung nach einem eigenständigen Bundeskulturministerium finde ich absolut nachvollziehbar.

Wie steht Ihr Haus finanziell nach dieser Spielzeit da?

Wir haben sehr frühzeitig Kurzarbeit angemeldet – das einzige Instrument, mit dem man die ausgefallenen Einnahmen kompensieren konnte. Dadurch haben wir eine Kapitalrücklage erwirtschaften können, die wir bereits in 2021 dringend benötigen werden, zur Kompensation von starken Einnahmeverlusten durch ausgefallene Spielmonate, abgesagte Gastspiele und reduzierte Sitzpläne.

Was ist die Bilanz aus den digitalen Anstrengungen?

Uns ist mit dem Digitalen auf jeden Fall ein Kommunikationsmittel zur Verfügung gestellt, das wir als Theater viel mehr nutzen sollten. Ich glaube nicht, dass es eine ernsthafte Alternative ist, eine Vorstellung zu streamen, statt sie zu zeigen. Aber wie das Digitale Theater anders zugänglich macht, wie es das Publikum einbinden und zusätzliches Material anbieten kann, das werden wir auch künftig zu nutzen wissen. Wir haben aufgrund der Erfahrungen eine neue Stelle geschaffen, eine Online-Redakteurin, die aus dem Journalismus kommt.

Was bringt die kommende Spielzeit?

Im Großen Haus kommt endlich „Die Dreigroschenoper“ in Barry Koskys Regie heraus. außerdem planen wir einen sehr speziellen Abend mit Cordelia Wege, der auch schon geprobt ist. Sie hat sich für Stefan Zweigs Novelle „Der Amokläufer“ entschieden, die sie stark bearbeitet hat und für die sie eine eigene Form gefunden hat. Im Neuen Haus planen wir im Rahmen von zeitgenössischem Theater drei ganz verschiedene Dinge. Ich habe den Roman „Sarah“ von Scott McClanahan entdeckt. Es geht um einen Loser, eine Art Hochschullehrer auf Provinzniveau, heillos verstrickt in die Geschichte des Scheiterns seiner Ehe. Das wird ein Monolog, wie gemacht für Marc Oliver Schulze. Und dann kommt natürlich Elfriede Jelineks Stück über das etwas mulchige politische Abwasser der Ibiza-Affäre: „Schwarzwasser“. Das wird Christina Tscharyiski auf die Bühne bringen. Im Neuen Haus wird es von ihr auch wieder einen Brecht geben. Sie wird seine „Mutter“ von 1932 verbinden mit Texten, die zu späteren Zeiten auf das revolutionäre Geschehen in der Welt Einfluss hatten.