Akademie der Künste

Robert Wilson verneigt sich vor einer großen Tänzerin

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Ulrike Borowczyk
Robert Wilsons Installation „Suzushi Hanayagi: Dancing in my Mind“ ist Teil der Ausstellung „Arbeit am Gedächtnis“.

Robert Wilsons Installation „Suzushi Hanayagi: Dancing in my Mind“ ist Teil der Ausstellung „Arbeit am Gedächtnis“.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Mit einer Ausstellung feiert die Akademie der Künste ihr 325-jähriges Bestehen. Ein Höhepunkt ist der Japanerin Suzushi Hanayagi gewidmet

Im ersten Moment ist die Dunkelheit fast undurchdringlich. Doch dann erscheint das Gesicht von Suzushi Hanayagi. Würdevoll gealtert. Mit zahlreichen Falten und doch wunderschön, vielfach projiziert auf schwarze Wände. Wie auch einen Raum weiter die Hand der japanischen Tänzerin und Choreographin, die in einer eleganten Bewegung verharrt. Und dann ihre Füße. Leicht deformiert vom Tanz. Spuren eines Künstlerlebens, das in Suzushi Hanayagis Kopf zu diesem Zeitpunkt bereits fast zur Gänze ausgelöscht war. Denn die 2010 gestorbene Tänzerin litt an Demenz.

Eine Hommage an eine Freundin und Wegbegleiterin

Davon ist in Robert Wilsons Videoporträt, eine Hommage an die Freundin, jedoch nichts zu spüren. Er zeigt seine langjährige künstlerische Weggefährtin in meditativen Schwarzweißbildern. Unterlegt von der suggestiven Musik David Byrnes, wirkt die damals 81-Jährige vor allem in den Sequenzen mit ihrem Enkel nachgerade gelöst und entspannt.

Bereits 2010 war ein Videoporträt, welches ein Jahr zuvor entstand, von Wilson in der Akademie der Künste zu sehen – mit dem Titel „Dancing in my Mind“. Jetzt kann man dieses Werk als Teil der Ausstellung „Arbeit am Gedächtnis. Transforming Archives“ am gleichen Ort in Berlins Mitte am Pariser Platz besuchen.

In dieser Ausstellung reflektiert die Akademie anlässlich ihres 325-jährigen Bestehens die eigene Institution als Gedächtnisspeicher. Die Schau versammelt 13 Auftragsarbeiten. Die prominenteste ist Robert Wilsons Video, das für die Blackbox im dritten Untergeschoss entwickelt wurde. Früher mal hat man in Kellergeschossen Aussortiertes und Erinnerungsstücke gelagert. Daher ist dieser Ort tief unten vieldeutig gewählt. Zur Eröffnung hat Robert Wilson nun erzählt, wie die Arbeit „Dancing in my Mind“ entstanden ist. Und zwar in einem Pressegespräch, geleitet von Nele Hertling, Direktorin der Sektion Darstellende Künste der Akademie, und Johannes Odenthal, Programmbeauftragter der Akademie.

Wilson, 1941 in Texas geboren, ist einer der renommiertesten Theatermacher und bildenden Künstler weltweit. Mit der bewegenden Lebensgeschichte von Suzushi Hanayagi erweist er sich auch einmal mehr als poetischer Erzähler. Der 79-Jährige skizziert eindrucksvoll die Biographie der 1928 in Osaka geborenen unbändigen Tänzerin und Choreographin, die für ihren beruflichen Traum ihre familiären Bindungen hinter sich ließ. Als Tochter der ältesten Choreographen-Familie Japans wurde Suzushi seit ihrem vierten Lebensjahr in den traditionellen Theaterformen Nō, Kabuki und Bunraku ausgebildet. Gegen den Willen ihrer Familie ging sie in den 1950er-Jahren nach New York, um modernen Tanz zu studieren. In den Sechzigern war sie Teil der New Yorker Avantgarde-Szene, lernte Wilson kennen und realisierte mit ihm zahlreiche Projekte. Darunter in Berlin die legendären Inszenierungen „Death, Destruction and Detroit 2“ und „The Forest“.

Robert Wilson schwärmt von ihrem untrüglichen Gefühl für Bewegung. Und er erinnert sich begeistert an das Jahr 2000, als ihm Suzushi erzählte, dass sie eine männliche Rolle in einem Theater in Tokio spielen werde. Für sie ein Wunschtraum seit einem halben Jahrhundert. In den rigiden 1950er-Jahren in Japan allerdings unmöglich. „Sie sagte mir damals: Jetzt kann ich sterben“, so Wilson.

Danach hörte er lange nichts mehr von ihr. Also nahm er mit Suzushis Sohn Asenda Kontakt auf und erfuhr, dass seine alte Freundin in einem Seniorenheim in Osaka lebte. „Ich war geschockt, als ich sie sah“, gesteht er. An Alzheimer erkrankt, konnte Suzushi nicht sprechen und war fast vollständig gelähmt. Es gelang Wilson jedoch, mit Gesten an ihre Erinnerung zu rühren. Am Ende des Tages sagt sie leise: „Ich tanze im Geiste.“

Auch der Tanz selbst hat kein Gedächtnis, sagt Wilson

Acht Monate später kam Robert Wilson mit dem Filmemacher Richard Rutkowsi zurück nach Osaka, um mit Suzushi Hanayagi das Videoporträt aufzunehmen. Dafür machte er eine Handbewegung und sie ihrerseits ebenfalls. Ihr Körper konnte sich offenbar noch ganz genau an ihre große Leidenschaft erinnern. Wenige Monate später starb sie. Robert Wilson verweist auch noch auf eine Parallele zwischen Suzushis Demenzerkrankung und dem Tanz selbst: der kein Gedächtnis hat, weil jede Vorstellung einzigartig und nicht wiederholbar ist.

Wie nahe ihm Suzushi Hanayagi war, wird deutlich, als er verrät: „Bei allen meinen Produktionen beginne ich mit den Bewegungen.“ Obwohl sie aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammten, haben der amerikanische Regisseur und die japanische Choreographin eine universelle Sprache der Kunst gesprochen. „Dancing in my Mind“ ist ein letzter Beweis ihres engen, kreativen Bandes. Und zugleich ein Denkmal, das Suzushi Hanayagi im kollektiven Gedächtnis verankert.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte. Tel.: 200 57-1000, Di.-So. 11-19 Uhr. Bis 19.9. Alle weiteren Informationen unter www.adk.de