Konzert für Berlin

Mit kämpferischer Sinfonie und versöhnlichen Worten

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Matthias Nöther
Dirigent Daniel Barenboim und Geiger Yamen Saadi im „Konzert für Berlin“.

Dirigent Daniel Barenboim und Geiger Yamen Saadi im „Konzert für Berlin“.

Foto: Staatsoper Berlin

Daniel Barenboim hat ein Gedenkkonzert für die Opfer des israelisch-palästinensischen Kriegs dirigiert.

Berlin. Das „Konzert für Berlin“ verspricht den Berlinern freien Eintritt in Daniel Barenboims Staatsoper. Gäbe es nicht Yamen Saadi, wäre das „Konzert für Berlin“ ein echtes Altherrenkonzert. Doch der 24-jährige Geiger aus dem israelischen Nazareth schafft mit seinem engagierten Spiel eine Brücke zwischen der nicht immer musikalisch detailscharfen Staatskapelle und dem berühmten Violinkonzert von Max Bruch in g-Moll. Es ist das einzige Werk dieses Komponisten, das Weltruhm erlangte. Auch Max Bruchs 100. Todestag im vergangenen Jahr ist weitgehend im Kulturstillstand des Corona-Lockdowns untergegangen.

Der Solist stammt aus dem West-Eastern Divan Orchestra

Yamen Saadi, einst als Elfjähriger von Barenboim im Kontext des West-Eastern Divan Orchestra entdeckt, spielt diesen Bruch so, wie gemeinhin auch die Staatskapelle Streicherklang pflegt: mit jenem betörenden, oft als „deutsch“ apostrophierten Klang, der weiche Tonanfänge ebenso umschließt wie einen großen Ton sowie mit einem Spiel, das keine Zurschaustellung virtuoser Passagen kennt, wiewohl es sie beherrscht. Und diese Passagen gibt es in dem Konzert von Bruch nicht zu knapp. Saadi bindet Virtuosität geschmackvoll und ohne Prätention in den großen Fluss ein. Keineswegs meidet er das große, spätromantische Pathos. Das wirkt in der Staatsoper mit ihrer – sorgsam und teuer restaurierten – Patina jedoch keineswegs auftrumpfend, sondern eher gemütlich, an das Bürgertum vergangener Zeiten und seine Innerlichkeit erinnernd.

Eigentlich ist diese Mischung aus Pathos und musikalischer Gründlichkeit nicht zuletzt eine Spezialität des Dirigenten Daniel Barenboim, der sich zu Beginn des Konzerts an das Publikum wendet: Das „Konzert für Berlin“ soll den Opfern des letzten israelisch-palästinensischen Kriegs gewidmet sein, in welchem der Dirigent, selbst israelischer Staatsbürger, seit Jahrzehnten in Wort und musikalischer Tat zur Versöhnung und Mäßigung auf beiden Seiten aufruft. Vielleicht wählte Barenboim Beethovens kämpferische Fünfte Sinfonie für den zweiten Teil des Konzerts auch, um seine eigenen lebenslangen inneren Kämpfe in dieser politischen Frage musikalische Gestalt werden zu lassen.

Beethovens Schicksalsmotiv erklingt bedeutungsschwanger

Es ist dann allerdings auch eine Interpretation, deren Ausdrucksrepertoire aus dem Museum zu stammen scheint. Sie ist klanglich schön, mit dem Pathos einer vergangenen Epoche versehen und ein bisschen akademisch. Schon das berühmte erste Motiv spielt das Orchester so langsam und bedeutungsschwanger, wie es vermutlich nicht zur Beethovenzeit, wohl aber in der Beethoven überhöhenden bürgerlichen Welt der Jahrhunderte danach bis zu Barenboims Säulenheiligem Furtwängler erklang. Doch nicht diese museale Leidenschaft, sondern die Musizierfreude ist die Grunddisposition an diesem Abend. Mit schlafwandlerischer Sicherheit, mit Aufmerksamkeit und weichem Ton lösen sich die Bläser der Staatskapelle in ihren musikalischen Figuren ab – sichtlich froh, ihr klassisches Kernrepertoire nach so vielen Monaten Live-Entwöhnung wieder vor Publikum spielen zu dürfen.