Neubeginn

Sehnsucht nach den großen Werken

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Volker Blech
Vladimir Jurowski ist Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und neuer Generalmusikdirektor der Münchner Staatsoper.

Vladimir Jurowski ist Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und neuer Generalmusikdirektor der Münchner Staatsoper.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Vladimir Jurowski dirigiert das Saisonfinale und spricht über seine Pläne beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Berlin. Es war ein überraschend großer Jubel angesichts der nur wenigen Zuhörer, die derzeit in der Philharmonie zugelassen sind. Die Konzerte unter Pilotbedingungen erlaubten dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung seines Chefdirigenten Vladimir Jurowski am Sonntag immerhin ein würdiges Saisonfinale. Als Hauptwerk des Abends wurde auf fast laszive Weise der „Feuervogel“ von Igor Strawinsky vorgeführt. Und ein Blick in die Saisonvorschau, die zeitgleich online gestellt wurde, listet Werke von Prokofjew, Schostakowitsch, Rachmaninow oder Strawinsky auf. Das ist eine bemerkenswerte Trendwende.

„In den ersten drei Jahren meiner Tätigkeit beim RSB habe ich bewusst das russische Repertoire gemieden“, sagt Vladimir Jurowski. „Das Orchester hatte eine lange Geschichte mit meinem Vater, der Erster Gastdirigent seit den späten 90er-Jahren war. Er hat sehr viel russische Musik mit ihnen gespielt. Ich wollte mich Vergleichen entziehen. Aber durch unseren Fokus auf Igor Strawinsky bin ich diese Komplexe losgeworden.“

Wegen der pandemischen Unberechenbarkeit hat das Orchester seine Pressekonferenz auf Mitte August verschoben. Laut Vorschau wird die neue Saison in drei Teile gegliedert: „Herbstgefühle“ (Konzerte von September bis November), „Winterzauber“ (Dezember bis Februar) und „Frühlingserwachen“ (März bis Juni). „Wir sind alle durch die Pandemie sehnsüchtig nach dem großen Repertoire“, sagt Jurowski: „Es sind die großen Stücke wie zum Beispiel die Faust-Symphonie von Liszt, Prokofjews „Aschenbrödel“ oder die Sinfonien von Schostakowitsch.“

Wer Vladimir Jurowskis Karriere verfolgt, weiß, dass seine ausgefeilten Programme oftmals familiäre, musikhistorische oder rein menschliche Zusammenhänge haben. Beispielsweise steht Schostakowitschs 15. Sinfonie, seine letzte, auf dem Programm. „Die Sinfonie wurde im Januar 1972, drei Monate vor meiner Geburt, in Moskau uraufgeführt“, erzählt Jurowski: „Meine Mutter saß im Saal neben Dmitri Schostakowitsch. Insofern war ich bei der Premiere auch unsichtbar präsent.“ Solche Geschichten erzählt er andauernd.

Jurowski und Petrenko teilen sich das russische Repertoire

Die Jurowskis sind eine Musikerdynastie. Großvater Wladimir war Filmmusikkomponist, Vater Michail hat seine Dirigenten-Karriere in Moskau begonnen, in Berlin wurde er Ende der 1970er-Jahre Gastdirigent an der Komischen Oper. Enkel Vladimir ist 1972 in Moskau geboren worden, und machte von Berlin aus eine fast Jetset-Karriere. Bereits seit 1990 leben die Jurowskis in Deutschland.

RSB-Chefdirigent ist Vladimir Jurowski seit 2017, jetzt im Herbst beginnt er als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Sein Vorgänger Kirill Petrenko ist aus München zu den Berliner Philharmonikern gewechselt. Und auch Petrenko setzt in der Philharmonie einen russischen Schwerpunkt. „Ich hatte mit Kirill, kurz nachdem er ernannt wurde, in München getroffen“, sagt Jurowski: „Ich passe schon auf, was die Philharmoniker machen. Wir versuchen, uns das Repertoire zu teilen. Aber eine 5. Sinfonie von Tschaikowsky gab es in einer Stadt wie Berlin früher schon mehrfach in einem Monat zu hören.“

Der Dirigent wird künftig wochenweise an der Münchner Oper arbeiten. „Ich sehe gute Möglichkeiten der Zusammenarbeit.“ Die Solisten der Bayerischen Staatsoper werden künftig häufiger in RSB-Konzerten singen. Darüber hinaus seien die Musikbibliotheken der beiden Orchester schon im regen Kontakt miteinander. „Wenn ich meine Stücke irgendwo mache, nehme ich auch mein Material mit“, so Jurowski. „Beispielsweise spielen wir im Herbst beim Musikfest Berlin Hindemiths ,Matthis der Maler’. Die Sinfonie hatte ich zuletzt beim Bayerischen Staatsorchester 2015 dirigiert. Also benutzen wir das Material der Münchner.“ Beim Saisonfinale am Sonntag sang in der Philharmonie die großartige Sabine Devieilhe „Les Illuminations“ von Benjamin Britten. Das Werk steht mit ihr in sieben Monaten in München auf dem Programm.

Jelena Firssowa wird Composer-in-Residence beim RSB. „Sie ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der russischen Kompositionsschule der letzten 30 bis 35 Jahre. Sie ist Schülerin von Denis Denissow“, sagt Jurowski. Und dann kommt wieder die familiäre Verbindung. „Ich kannte sie noch in Moskau, wo mein Vater ihre Musik aufgeführt hatte.“

Der Komponist war eines der ersten Corona-Opfer

Jelena Firssowa, Jahrgang 1950, und ihr Ehemann Dmitri Smirnow, ebenfalls ein Komponist, waren in der Sowjetunion in Ungnade gefallen. 1990 übersiedelten sie nach Großbritannien. Er habe sie oft in London getroffen, sagt Jurowski, der lange das London Philharmonic Orchestra leitete. „So entstand unsere Freundschaft.“ Dmitri Smirnow wurde im April 2020 eines der ersten Corona-Opfer. „Nach dem Tod ihres Mannes wollte ich ihr eine seelische Unterstützung geben“, sagt Jurowski. Für eine Komponistin sei es wichtig zu komponieren und zu wissen, dass ihre Musik gebraucht werde. Firssowas Werke werden die ganze Saison über gespielt, und auch Smirnows Concerto piccolo erlebt im Februar seine verspätete Uraufführung.

Saisonvorschau auf www.rsb-online.de