200 Jahre Konzerthaus

"Der Freischütz": Geisterjäger im Konzerthaus

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech
In der Jubiläumsinszenierung von Webers Oper „Der Freischütz“ am Konzerthaus wird Agathe (Jeanine de Bique) von ihren Brautjungfern umringt.

In der Jubiläumsinszenierung von Webers Oper „Der Freischütz“ am Konzerthaus wird Agathe (Jeanine de Bique) von ihren Brautjungfern umringt.

Foto: Markus Werner

Als dämonischen Ökotrip inszeniert La Fura des Baus Webers Oper „Der Freischütz“ zum 200-jährigen Jubiläum am Konzerthaus Berlin.

Es ist ein brütend heißer Sommerabend auf dem Gendarmenmarkt, auf dem 250 Kreise aufgemalt sind, in denen jeweils zwei Besucher Platz finden. Es ist eine Premiere gegen Ende des Lockdowns. Das Schinkelsche Schauspielhaus feiert sein 200-jähriges Bestehen. Als Jubiläumsinszenierung zeigt das heutige Konzerthaus Berlin Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ auf den Tag genau 200 Jahre nach der Uraufführung der romantischen Oper am selben Ort. Chefdirigent Christoph Eschenbach leitet sein Konzerthausorchester, das katalanische Theaterkollektiv La Fura dels Baus bespielt nicht nur die Bühne, sondern gleich den gesamten Großen Saal.

Das Publikum sitzt entweder auf dem Gendarmenmarkt und schaut auf Leinwände oder sitzt daheim vorm Livestream. Beides ist nur ein Ersatz, der das große Opernerlebnis nicht ausfüllen kann, zumal La Fura dels Baus eine ganz eigene frühromantischen Gespenstigkeit aufleben lassen will. Der Große Saal ist in einen Geisterraum umfunktioniert. Aber die Leinwand auf dem Platz draußen flimmert, die Ouvertüre stottert kurz aus den Lautsprechern. Im ersten Akt kommt die Abendsonne hinterm Konzerthaus hervor, das Bild auf der Leinwand verblasst. Es ist der Zeitpunkt, die Wasserflasche zu schnappen und zum Livestream daheim zu wechseln.

Aha, während der Ouvertüre brennt irgendetwas auf der Jehmlich-Orgel. Die Sternschützen zu Beginn sind eine Art Ghostbusters, Geisterjäger wie in einem Thriller. Der brenzlige Zwischenfall auf der Orgel wird im Wettstreit gelöscht. La Fura dels Baus’ Inszenierungsidee geht schon in eine richtige Richtung. Denn noch immer wird in der Opernwelt das Wort des Komponisten und Dirigenten Hans Pfitzner zitiert, wonach die Hauptperson im „Freischütz“ der deutsche Wald wäre. Tatsächlich geht es in Webers Oper zuerst um Menschen, die sich irgendwie zur Natur, auch ihrer eigenen, verhalten müssen. Bei diesem Öko-Trip brennt der Wald.

Im „Freischütz“ spielt der Zeitgeist immer eine Rolle

Der Zeitgeist spielt in guten „Freischütz“-Inszenierungen immer mit. TV-Zyniker Harald Schmidt lästerte einmal, wenn in einem Provinztheater sechs Asiaten in SS-Uniform in die Kantine kommen, dann steht Webers „Freischütz“ auf dem Programm. Der Zeitgeist will keine biederen Jägerchöre. Aber das Konzerthaus ist kein Provinztheater, genau genommen ist es gar kein Theater, sondern seit seiner Wiedereröffnung 1984 ein Ort allein für die Musik. Die politische Provokation hat dort keine Heimstatt, eher die politische Korrektheit. Und auch die künstlerische Sehnsucht nach Schönheit.

Erbförster Kuno (Franz Hawlata) berichtet in seinem Dialog von einer zurückliegenden Welt, „wo Dürren und Überschwemmungen sich abwechseln, das Böse seine Krallen ausfährt“. Die Inszenierung ist eine gut zweistündige Mahnung, dass der Mensch besser mit der Natur und ihren Dämonen umgehen muss. So fischt am Saalende demonstrativ eine Frau Unrat aus seinem großen Wasserbehälter, es ist offenbar der Müll, den der Mensch im Meer hinterlässt. Man ahnt, wie sehr das Regieteam von See und Strand geprägt ist. Aber „Der Freischütz“ ist keine spanische Dystopie, sondern eine deutsche Volksoper.

Nach der gefeierten Uraufführung vor 200 Jahren spöttelte der Dichter Heinrich Heine, dass sogar die Hunde auf der Straße den Jungfernkranz bellen würden. „Der Freischütz“ traf einen Nerv der Berliner und ging als erste deutsche Nationaloper in die Operngeschichte ein. Sie war verortet in den Grauen und Hoffnungen nach Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die innewohnende Lust aufs Leben wird jetzt vor allem im Konzerthausorchester unter Leitung von Christoph Eschenbach spürbar. Der Dirigent steht seitlich auf der Bühne und müht sich, die im Saal verstreuten Akteure zusammen zu führen. Die Sänger kommen bestens zur Geltung, davon lebt die Produktion, auch wenn manches zu breit ausgekostet wird. Das mag im Saal vollmundig klingen, in der Fernsehübertragung bröselt es. Die Inszenierung kann Sänger dialogisch geschickt mit Orchestersolisten verknüpfen.

Die Berliner Sopranistin Anna Prohaska, die gerade Artistin in Residence am Konzerthaus ist, beweist sich wieder als eine hervorstechende Darstellerin, die das Ännchen dabei munter aussingen kann. Jeanine de Bique will ihre Agathe aus dem Inneren heraus voller Sopranpoesie glühen lassen. Auch in dieser Inszenierung hat die Agathe vor allem schön zu singen und unschuldig auszusehen. Demgegenüber stammt der Kaspar von Christof Fischesser aus dem Bilderbuch für Dämonen, er kann seinen Bass mit teuflischer Größe vorführen. Die szenisch dürftige, vor allem lichtflackernde Wolfsschluchtszene lebt von seinem Format. Sein Gegenspieler, der gute Max, wird von Benjamin Bruns gesungen. Ein Tenor mit überaus angenehmem Timbre, der das Zweiflerische berührend vermitteln kann. Ein wichtiger Darsteller ist der Rundfunkchor.

La Fura dels Baus hat seine Ursprünge im Straßentheater

La Fura dels Baus ist in der Opernwelt gefragt. Seine Ursprünge hat das Ensemble im Straßentheater, und es kann in seinen Inszenierungen geschickt mit allerlei Technik umgehen. Die artistischen, manchmal komödiantischen und manchmal Schock-Effekte verpuffen eher in der Übertragung. Dabei hat Carlus Padrussa den prächtigen Saal mit Vorhängen verschleiert und neue Räume für die Opernhandlung geschaffen. Selbst der bezaubernd zelebrierte Jungfernkranz findet sein biederes Ambiente. Am Ende sammeln sich alle um den mahnenden Eremiten.