Premiere

Ausgetrickstes Publikum: „Alles unter Kontrolle“ am Gorki

| Lesedauer: 2 Minuten
Ulrike Borowczyk
Starker Auftritt:  Dominic Hartmann in „Alles unter Kontrolle“

Starker Auftritt: Dominic Hartmann in „Alles unter Kontrolle“

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Theater im Vorbeigehen: Regisseur Oliver Frljić hat einen Parcours installiert, der im Foyer beginnt und im Rang endet.

Das post-pandemische Theater verlangt von den Zuschauern mehr als den üblichen Ticketkauf. Neuer Standard sind ein negativer Schnelltest und die FFP2-Maske. Stets zu tragen, egal, wie glühend heiß es ist. Bei so viel Aufwand wirkt es nur zu verlockend, das Ticket abzugeben und sich treiben zu lassen. Sich einstimmen zu lassen von den Klängen einer smoothen Jazztrompete im Entrée, um sich dann durch eine Vorstellung mit mehreren Stationen führen lassen. Einfach dem Guide folgen. Bloß keine Gedanken machen. Lautet das mit sanfter Frauenstimme wiederholte Versprechen doch: „Alles unter Kontrolle“. Jede Szene dauert zehn Minuten, der Sicherheitsabstand bleibt gewahrt und die Viren, wo sie sind. Das Theater ist sicher. Die Zuschauer sind sicher. Da kann man doch ruhig die Kontrolle abgeben, oder?

Welches Spiel wird hier gespielt?

„Alles unter Kontrolle“ heißt das neue Bühnenprojekt von Oliver Frljić, das nun im Maxim Gorki Theater Premiere feierte. Dafür hat der Regisseur einen Parcours installiert, der im Foyer beginnt und im Rang endet. Mit einem Ensemble, das in Folienboxen spielt. Gruppen à zehn Zuschauer bewegen sich durchs Haus. Jeder erhält vorab eine Nummer mit seiner Position an den Boxen, was Kontrolle suggeriert. Fast unbewusst wahrnehmbar, pulst der Titel dazu wie ein rhythmisches Mantra durch die Vorstellung. Mal sind es Worte, mal Lichtimpulse, die an der nächsten Station von einem Ton aufgenommen werden. Ganz so, als würde da jemand eine neurolinguistische Programmierung durchführen, ohne die willige Zuschauer-Herde vorher zu fragen.

Der Teig will gut geknetet sein

Tatsächlich wird das Publikum ausgetrickst. Und zwar beim stärksten Auftritt des Abends mit Dominic Hartmann. Er gibt im engen Kurzrock mit kajalumflorten Augen, knallroten Lippen und Menjou-Bärtchen den Ausnahmezustand. Ein flirrendes Zwitterwesen, das sich mit knalligen Worten und ebensolchen Gesten durch die Geschichte der Demokratie mäandert. Es folgen weitere Stationen, bevor Mehmet Yılmaz die Gruppe in seiner Technik-Küche empfängt. Teig für analytische Cookies knetend, die bekanntlich das Nutzer-Verhalten auf Webseiten verfolgen, stellt er jede gesehene Situation infrage. Man hört fast nur mit halbem Ohr hin. Denn hier wartet der Überraschungsmoment des Abends: Plötzlich steht man sich selbst auf einem Screen gegenüber. Aufgenommen bei Hartmanns Auftritt. Eine starke Pointe, die zeigt: Nichts ist wirklich unter Kontrolle. Schon gar nicht die eigene Wahrnehmung.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, Tel.: 20 22 11 15 oder ticket@gorki.de, weitere Termine 19.6. ab 18 Uhr, 20.6. ab 16 Uhr (gestaffelt buchbare Timeslots, ausverkauft)