Staatsoper Unter den Linden

Liebeskummer im wilden Westen

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Blech
In Puccinis Oper „La fanciulla del West“ versammeln sich die Männer des Camps am Saloon der Minnie.

In Puccinis Oper „La fanciulla del West“ versammeln sich die Männer des Camps am Saloon der Minnie.

Foto: Martin Sigmund

Regisseurin Lydia Steier verlegt Puccinis Oper „La fanciulla del West“ an der Berliner Staatsoper ins heutige gewalttätige Amerika.

Berlin. Seinen Hang zum Exotischen hat der Italiener Giacomo Puccini in mehreren Opern ausgelebt. In „Madame Butterfly“ kommt ein amerikanischer Marineoffizier ins japanische Nagasaki, „Turandot“ heißt die rätselhafte Prinzessin in der prächtigen Kaiserstadt Peking. Das „Exotische“ in der Oper „La fanciulla del West“, die am Sonntag in der Staatsoper Unter den Linden eine gefeierte Premiere erlebte, führt Regisseurin Lydia Steier gleich zu Beginn vor: Ein Toter baumelt am Strick. Die Männer lachen hämisch, als sich ein Kind entsetzt abwendet. Die Leiche fällt auf einen Pick-up runter. Das bettelnde Kind wird genötigt, sich den Gelynchten noch einmal anzuschauen. Früh übt sich. In der neuen Berliner Inszenierung dieser „ersten Westernoper“ hängt regelmäßig jemand am Strick.

„Das Mädchen aus dem goldenen Westen“ wird die 1910 an der New Yorker Met uraufgeführte Oper im Deutschen genannt. Aber der fröhliche Titel ist irreführend. Bei Puccini spielt die Handlung Mitte des 19. Jahrhunderts in einem kalifornischen Goldgräbercamp. Aber Goldrausch und Depression liegen dicht beieinander. Die amerikanische Film- und gestandene Opernregisseurin hat mit der Idylle eines John-Wayne-Western nichts am Hut, sie verlegt bei ihrem Debüt an der Staatsoper die Handlung in die nahe amerikanische Gegenwart – wie in einem David-Lynch-Film.

Gezeigt wird eine schäbige Welt mit einsamen Männern

Die Bühne offenbart eine schäbige Welt der gewalttätigen und zugleich liebesbedürftigen Männer. Viel kompensierter Liebeskummer herrscht im wilden Westen. Der Goldgräber-Saloon „Zur Polka“ der angehimmelten Minnie ist der Krimiserie „Breaking Bad“ entlehnt. Eine schier unendliche Filmeinspielung folgt wie in Lynchs Psychothriller „Lost Highway“ einer Straße, am Ende steht ein einsamer Wolf. Es gibt kein Entrinnen.

Puccini hat wie kein anderer Opernkomponist die Settings seiner Werke detailliert vorgeschrieben. Mehr oder weniger halten sich die meisten Regisseure daran. Auch Lydia Steier erzählt in linearer Klarheit die Geschichte einer toughen Frau, die vom Sheriff begehrt wird und sich ausgerechnet in einen Verbrecher verliebt. Die Oper ist eine blutige Dreiecksgeschichte. Aber Puccini war kein Soziologieprofessor, sondern ein Komponist, der seinen Opernfiguren bei allem Realismus eine Singschönheit in die Münder schrieb. In „Fanciulla“ ist die lyrische Arie die Ausnahme, die Oper bevorzugt mehr das deklamatorische Arioso. Die Musik wird kraftstrotzender und vorantreibender. Und dennoch: Je schmutziger die Szene, desto farbenreicher die Musik.

Mit Antonio Pappano steht ein Puccini-Kenner am Pult, der nicht nur die Sänger – insgesamt sind 18 große und kleine Rollen und die Herren des Staatsopernchores gelistet – auf Händen trägt, sondern auch die verkleinerte Staatskapelle zum glühenden Spiel motiviert. Die Ohren werden herausgefordert und mit vielen leisen Tönen verwöhnt.

Von Anbeginn galt „Fanciulla“ als eine Oper für große Stimmen, bei der Uraufführung war Caruso dabei. In der Aufführungsgeschichte wechseln sich die Starsänger ab, und auch die Berliner Premiere kann sich mit ihren Solisten einreihen. Sopranistin Anja Kampe ist so scharf geladen wie die Pistolen der schießwütigen Männer, sie singt die selbstbewusste Kneipenbesitzerin und unschuldig Liebende. Ihr gelingen alle Facetten zwischen Stärke, Hoffnung und auch Minderwertigkeitsgefühlen, die ihr der Sheriff einflößt. Michael Volle ist als Jack Rance ein beinharter und rasend eifersüchtiger Gesetzeshüter, der seinen dunklen Bariton mit zynischer Brutalität einsetzt. Der Argentinier Marcelo Alvarez ist als Bandit Dick Johnson der typische Vorzeigetenor, der mit einer kraftvollen und angenehm geradlinig geführten Stimme überzeugt. Und natürlich muss seinem Tenorschmelz jede Frau verfallen.

Indigene Opernfiguren werden durch Heroinsüchtige ersetzt

Als Land der unbegrenzten Möglichkeiten gilt die USA, nur aussprechen sollte man einiges nicht mehr. Die politische Korrektheit hat Lydia Steier auch auf ihre Berliner Neuproduktion übertragen, denn Puccini bediente demnach rassistische Vorurteile. Die beiden indigenen Figuren Jackrabbit und Wowkle sind verschwunden, stattdessen spielt ein Paar Heroinsüchtiger mit, die aber kaum noch reden können, weil sie high sind. An Stelle der „Ugh“-Rufe wird symbolisch gekotzt. An Umdeutungen wird man sich in der Opernwelt gewöhnen müssen.

Puccinis Opern enden immer tragisch, die Liebenden scheitern, aber ausgerechnet „Fanciulla“ mündet in ein Happy-end. Die rauen Typen lassen das Liebespaar ziehen. Hand in Hand gehen Minnie und Dick nach hinten ins Licht, die Männergruppe bleibt in ihrem Elend zurück. Irgendwie wartet man bei Lydia Steier noch auf zwei finale Schüsse, aber die hat Puccini nicht vorgesehen. Das Publikum ist begeistert. Es war eine der musikalisch und szenisch besten Berliner Neuproduktionen der vergangenen Jahre zu erleben.

„La fanciulla del West“ war zugleich der Auftakt zu einem Saisonabschlussfestival. Erstmals seit November 2020 waren wieder Zuschauer im Saal zugelassen. Während der Vorstellung galt für die mehr als 500 Besucher Maskenpflicht. Die Premiere wurde außerdem per Livestream im Internet und in einem Pop-up-Autokino vor dem ehemaligen Flughafen Tempelhof übertragen.