Premiere

Ersan Mondtag inszeniert „It’s going to get worse“ am Gorki

| Lesedauer: 5 Minuten
Felix Müller
Audienz vor dem Pfauenthron: Melanie Jame Wolf (links) und Benny Claessens.

Audienz vor dem Pfauenthron: Melanie Jame Wolf (links) und Benny Claessens.

Foto: Armin Smailovic/Agentur Focus

Wie soll es nach dem Lockdown weitergehen? Ein Abend zwischen Preußenparodie, Theaterdiskurs und Selbstentblößung.

„Endlich wieder Theater“: Als einer von vielen hat der Rezensent den Satz erst kürzlich selbst geschrieben, es ging um einen Abend im Hof des Berliner Ensembles, den ersten nach vielen Monaten. Nun, ein paar Tage und Premieren später, steht Benny Claessens im roten Rüschenkleid und mit hellblauer Bizarrperücke auf dem verzerrten Schachbrettmusterbühnenboden des Gorki und würgt den Satz mehrfach so angewidert heraus, als bestehe er aus reinstem Gift. Es ist in seiner hemmungslos ausgestellten Ablehnung von einfach allem einer der lustigsten Momente des Abends, und nicht weniger komisch nölt Claessens nun ins Publikum, er höre es da doch schon wieder, das Kratzen des Stiftes auf Papier im dunklen Theatersaal! Da sei wohl wieder ein Kritiker dabei, seine Rezension vorzubereiten! Seine Tonlage und sein Augenrollen lassen keinen Zweifel daran, was er davon hält.

Kann man so tun, als wäre nichts gewesen?

Worum geht es hier? Regisseur Ersan Mondtag präsentiert, soviel ist klar, die zweite seiner insgesamt drei Uraufführungen, die kurz hintereinander auf Berliner Bühnen zu sehen sind, ein Zufall im pandemiegebeutelten Terminkalender. Am Donnerstag war es mit dem „Ring des Nibelungen“ in der viereinhalbstündigen Neufassung von Thomas Köck im Großen Haus des Berliner Ensembles losgegangen. Der heutige, neu entwickelte Abend unter der interessant fatalistischen Überschrift „It’s going to get worse“ braucht nur etwa die Hälfte der Zeit, am 19. Juni schließlich werden neun Tänzerinnen und Tänzer am HAU die Choreographie „Joy of life“ vorführen.

Unterwerfungsbefehle von ganz oben

Aber zunächst ist das Gorki dran, wo dem derzeit kursierenden Optimismus – „endlich wieder Theater!“ – eine düstere Prophezeiung entgegengestellt wird. Die Blick auf die Bühne von Nina Peller wird zuerst durch einen Nachbau der Glasfassade des Palastes der Republik verstellt, darüber prangt in Stadtschlosskuppel-Typographie und mit preußischblauem Untergrund der Schriftzug „Knie nieder vor dem Herrn, Bitch!“, der auf der oberen Seite in Flammen steht. Dann geht es los, die Nationalhymne der DDR ist zu hören. „Auferstanden aus Ruinen“ Kommentar zum Post-Lockdown-Befreiungspathos oder Hinweis auf den historisch hyperkomplexen Stadtraum rund ums Gorki, wo am Tag nach der Premiere der Schlüterhof des Humboldt Forums öffentlich zugänglich gemacht wird? Wohl beides zugleich und noch viel mehr: Es geht an diesem über weite Strecken von der Improvisation lebenden Abend gerade nicht um Eindeutigkeiten und Positionierungen, eher um ein Spiel mit der Frage, wie es denn jetzt weitergehen soll nach all den Monaten erzwungener Abstinenz und ob man denn einfach so tun kann, als sei nichts gewesen.

Der berühmte Elefant im Raum

Und am Gorki ist ja noch mehr gewesen als Pandemie. Die Inszenierung übersetzt die in den letzten Monaten diskutierten Führungsstrukturen an Theatern in eine sanfte, weibliche Stimme aus dem Off, die von den Schauspielern streng die seelische Selbstentblößung verlangt. Kate Strong erzählt von ihren Anfängen an der Londoner Ballett School, von einem schweren Sturz in der Abschlussprüfung. Danach steigert sie sich in eine blutrünstige Schauergeschichte, die in der Ermordung ihrer Mutter gipfelt – aber die Stimme bleibt davon ganz unberührt, sie möchte nur vom Scheitern hören, vom Sturz in der Abschlussprüfung. Manchmal muss man dabei an HAL 9000 denken, den totalitären Supercomputer aus Stanley Kubricks Weltraumfilmen, der seinen Schrecken mit vergleichbarer Milde verbreitete – auch Çiğdem Teke und Orit Nahmias müssen sich dieser Art tiefenentspannter Gängelung aussetzen. Später wird die Stimme sich dann als Melanie Jame Wolf im absolutistischen Herrscherkostüm entpuppen.

Ein armer Bühnenmitarbeiter names Oleg

Es ist an Benny Claessens in seinem Monolog, den „Elefant im Raum“ anzusprechen – den im „Spiegel“ erschienenen Artikel über Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und ihren Führungsstil, den Claessens als taktisches Manöver von Rassisten deutet, um vom eigenen Verhalten abzulenken. Sein zwischen übellauniger Diva und affektiertem Dandy schillernder Auftritt, mit dem der Abend ins Finale geht, ist zweifellos ein Erlebnis. Claessens schimpft, singt, spielt Klavier, posiert, geht auf das Publikum los und schreit dauernd einen unsichtbaren Bühnenmitarbeiter namens Oleg an, dass es eine große Freude ist – und doch fragt man sich auch bei ihm, auf welches Ziel diese Collage aus Meta-Theater, Diskursveralberung, Tanzeinlagen und Kostümpräsentationen zusteuert – und falls die Pointe darin liegt, entschlossen an jedem Ziel vorbeizusegeln: warum es hier dann nicht lustiger, erschreckender, intensiver und packender zugeht. Ein Abend mit Glanzpunkten, der aber immer wieder stolpert.

Gorki, Am Festungsgraben 2, Mitte. Spielplan unter gorki.de