Theater

Ein Halbgott mordet: „Kassandra // Achill“ bei den Vaganten

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Kassandra (Senita_Huskić) und Achill_(Andreas_Klopp)

Kassandra (Senita_Huskić) und Achill_(Andreas_Klopp)

Foto: Daniel Pasche

Laura Esther Wimmer inszeniert ein fesselndes Kammerspiel nach Motiven von Christa Wolfs Erzählung

Kurz vor ihrem Tod lässt Seherin Kassandra ihr Leben und den Untergang Trojas noch einmal Revue passieren. Sie erzählt von ihren Brüdern Troilos und Hector, die gegen jede Regel grausam abgeschlachtet wurden von Achill, dem Vieh. Ihre Emotionen kann sie dabei nur mühsam zurückhalten. Immer wieder entladen sich Zorn und Trauer in heftigen Ausbrüchen. Auf der anderen Seite steht Achill, der erklärt, er habe das getan, was von einem Helden erwartet wird. Der sich grob missverstanden fühlt, laut mit dem Fuß aufstampft wie ein bockiges Kind, um bloß nicht zu hören, welche Wahrheiten Kassandra über ihn erzählt. Die sind alles andere als schmeichelhaft. Das Bild vom strahlenden Helden bekommt dabei nicht einfach nur einen Kratzer. Es wird komplett zertrümmert.

Das Konzert beim Nachbarn verzögert den Start

Die Vaganten Bühne feiert mit dem fesselnden Kammerspiel „Kassandra // Achill - Im goldenen Käfig“ nach Motiven und mit Texten aus Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ Premiere. Zum Neustart der Theatersaison hat man den Spielort vor die Tür verlegt. Der Eingangsbereich wurde in eine Bühne und der begrünte Hof in ein Zuschaueridyll verwandelt. Alles könnte so schön sein, wäre da bloß nicht der böse Nachbar. Das Quasimodo nebenan veranstaltet nämlich ein Open-Air-Konzert. Und hält sich nicht an Absprachen. Daher kann die Premiere erst vierzig Minuten später starten. Bleibt zu hoffen, dass der Club bei kommenden Konzerten die Lautstärke früher runterpegelt.

Für die theatrale Konfrontation haben Regisseurin Laura Esther Wimmer und Achill-Darsteller Andreas Klopp Wolfs feministischem Klassiker aus dem Jahr 1983 eine männliche Heldenperspektive hinzugefügt. In Verteidigungspose markiert Achill den starken Kerl, der seiner Meinung nach alles richtig gemacht hat. Wie zum Beweis reißt er Totenscheine aus einem zerfledderten Buch. Er ist der Überzeugung, dass ein Held um jeden Preis töten muss. Und verleugnet dabei seine Motivation für das blutige Gemetzel.

Er zerstört, was er eigentlich begehrt

Kassandra indes weiß, dass der ach so große Held insgeheim schwul ist und die Männer abschlachtet, die er begehrt. Wie ihren Bruder Troilos. Auf der anderen Seite vergeht er sich an Frauen. Er übererfüllt sein Mord- und Vergewaltigungs-Soll, um zu wirken wie alle anderen. Eigentlich ein Hanswurst ohne Selbsterkenntnis, wäre er kein Halbgott mit übermenschlicher Kraft und einem tödlichen Schwert.

Senita Huskić spielt ihre Kassandra ungeheuer intensiv. Sie steht auf unzähligen Totenscheinen vorzeitig erloschener Leben. Zu Achill wahrt sie die größtmögliche Distanz. Doch zuweilen rennt sie wutentbrannt auf ihn zu. Will ihn schlagen, ihn zur Rechenschaft ziehen für all die Toten, für all die Trauer. Dabei demaskiert sie die sogenannten Kriegshelden. Bezeichnet sie als, was sie sind: Brutale Mörder und Vergewaltiger, die Frauen wie Kriegsbeute behandeln, sie beherrschen, sie brechen wollen, sie entmenschlichen, wie Dinge nach dem Benutzen töten und wegwerfen.

Ein eindrucksvoll gespielter Abgesang auf patriarchalische Strukturen, der lange nachhallt.

Vaganten Bühne, Kantstr. 12A, Charlottenburg, Tel. 313 12 07, weitere Vorstellung 22.7. um 20.30 Uhr