Literatur

„Monschau“: Als die Pocken in der Eifel wüteten

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Nach dem Ausbruch: Die mit einem Bretterzaun vernagelte Quarantänestation, die Schule im Lichtenbusch bei Aachen, Aufnahme von 1962.

Nach dem Ausbruch: Die mit einem Bretterzaun vernagelte Quarantänestation, die Schule im Lichtenbusch bei Aachen, Aufnahme von 1962.

Foto: Hub / picture-alliance / dpa

Steffen Kopetzky erzählt in „Monschau“ von einer Epidemie, die stark an die Gegenwart erinnert. Aber diese Geschichte reicht weit darüber hinaus

Manche Geschichten verdanken sich kuriosen Zufällen. Im Frühjahr 2020 war Steffen Kopetzky, wie er kürzlich der „Augsburger Allgemeinen“ erzählte, auf Lesereise für seinen zeithistorischen Roman „Propaganda“ – einem Panorama, das von der schrecklichen Schlacht im Hürtgenwald am Ende des Zweiten Weltkriegs bis hin zum Vietnamkrieg und den Pentagon Papers reicht. Vollkommen unverschlüsselt kam darin der Dermatologe Günter Stüttgen vor, der während der längsten während des Krieges auf deutschen Boden ausgefochtenen Schlacht auch US-Kriegsverwundete in seinem Sanitätsstützpunkt behandelte, ja sogar am Ende des Krieges ein vollständiges Lazarett kampflos den Alliierten übergeben hatte.

Kopetzky war also auf Lesereise in der Eifel unterwegs, seinem literarischen Schauplatz, und zwar am „Tag, an dem der erste Corona-Tote in Europa vermeldet wurde, ein 82-jähriger Franzose“. Er sei dann zur S-Bahn gefahren worden und habe das Straßenschild „Monschau – 20 Kilometer“ gesehen. Da habe er sich an ein Gespräch erinnert, das er aus Recherchegründen mit Stüttgens Witwe geführt habe: „Sie könne“, habe sie erzählt, „mir über die Taten ihres Mannes im Krieg wenig sagen, darüber habe er selber nie gesprochen – sie wisse aber, dass er 20 Jahre später noch mal in der Eifel gewesen sei, um eine Pockenepidemie in Monschau zu bekämpfen.“

Während also die Corona-Pandemie die internationalen Schlagzeilen zu erobern begann, wandte sich Kopetzky einer fast 60 Jahre zurückliegenden Seuchenepisode zu, die sich mitten in der zuversichtlichen Aufstiegsstimmung der frühen Bundesrepublik zugetragen hatte. Dazu muss man wissen, dass die Pocken, auch Blattern oder Variola genannt, rein virologisch betrachtet von einem ganz anderen Kaliber sind als der Krankheitserreger, der gegenwärtig grassiert. Er kann, von Luftzügen getragen, bis zu 20 Meter überwinden, ist hochinfektiös, verursacht überall Pusteln auf der Haut, bei schwereren Verläufen sind unter anderem Erblindung, Gehörlosigkeit, Lähmungen und Hirnschäden die Folge einer Ansteckung. Unbehandelt verlaufen 30 Prozent einer Pockenerkrankungen tödlich. So eine Krankheit war es, die 1962 in der Eifel ankam und dort wüten konnte, obwohl die Impfung gegen die Pocken zu den ältesten medizinischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte gehört.

Womit wir bei diesem Roman wären, der sich auf eine historisch gesicherte Faktenlage stützen kann. Die Epidemie nahm ihren Ausgang in der Otto Juncker GmbH in Lammersdorf, einem auf die Produktion von Hochöfen spezialisierten Unternehmen im Kreis Monschau im Regierungsbezirk Aachen (bei Kopetzky ist von den Rither-Werken in Lammerath die Rede). Der dort beschäftigte Josef Breuer war gerade von einer Dienstreise nach Indien zurückgekehrt und begann sich wenige Wochen später unwohl zu fühlen.

Als sein Arzt, der aufgrund der aufblühenden Pusteln zunächst an Windpocken gedacht hatte, endlich die richtige Diagnose stellte, hatte der Patient bereits seine neunjährige Tochter Waltraud angesteckt, die unter einem sehr schweren Verlauf zu leiden begann. In der städtischen Klinik in Aachen wurde sie abgewiesen und landete schließlich auf einer dafür gar nicht geeigneten Station in Simmerath, Kreis Monschau. In den folgenden Wochen entstanden in der Region zahlreiche Quarantänestationen, der Landkreis wurde zum Internationalen Infektionsgebiet erklärt. Erst am 10. April 1962 konnten die letzten der zwischenzeitlich knapp 700 unter Quarantäne stehenden Patienten entlassen werden. Die Epidemie forderte ein Todesopfer. Erst im Jahr 1980 galten die Pocken weltweit als ausgerottet, auf den Armen über 40-jähriger Menschen findet sich heute noch häufig die charakteristische Impfnarbe.

Wie schon in „Propaganda“ nutzt Kopetzky diesen Hintergrund, um davor eine mitreißende Geschichte zu entwickeln. Günter Stüttgen reist mit seinem griechischstämmigen Assistenten Nikos Spyridakis an, um an der Eindämmung der Krankheit zu arbeiten – Stüttgen auf der operativ-epidemiologischen Ebene und Spyridakis an vorderster Front, als eine Art Seuchentaucher, der zum Schutz einen sonst an Hochöfen genutzten Spezialanzug trägt. Sie haben, das gibt diesen Figuren Kolorit und Tiefe, an ihrer eigenen Geschichte zu tragen – der eine, Stüttgen, wegen seiner traumatischen Erfahrungen im Hürtgenwald, der andere, Spyridakis, als Zeitzeuge der deutschen Besatzung Griechenlands. Dann wäre da noch der Geschäftsführer der Rither-Werke, Richard Seuss, „ein sehr entgegenkommender Herr Anfang sechzig, etwas fülliger, trug eine Art Trachtenjanker“, ein „Mann, der schon vieles gesehen hatte“ – was damit bei einem Deutschen im Jahr 1962 gemeint ist, lässt sich denken. Schließlich ist da die aus Paris zurückgekehrte Unternehmenserbin Vera, die mit den Rither-Werken Pläne verfolgt, die dem Geschäftsführer nicht in den Kram passen können – und die sich schließlich in den jungen griechischen Assistenzarzt verliebt.

Wenn in Monschau Kontaktsperren verhängt und Impfkampagnen angestoßen werden, stellen sich ungeahnt viele, manchmal auch verblüffende Effekte des Wiedererkennens angesichts der zurückliegenden Monate ein. Was diesen Roman aber in einer hoffentlich seuchen-freien Zukunft weiterhin lesenswert machen wird, ist Kopetzkys präzises Gespür für Dramaturgie und vor allem seine Fähigkeit, historische Realien zu einer plausiblen Geschichte zu verknüpfen. Man muss sich diese deutsche Nachkriegszeit auch als eine Periode mit tonnenschwerer Geschichtslast denken, in der gleichwohl genau darüber nicht gesprochen wurde – obwohl der Krieg in Gestalt von Zeitzeugen noch überall zugegen war. Diese Zeit wird hier erfahrbar, in wohltuender Komplexität und souverän erzählt.