Jubiläum

„Den Kirchturm soll man noch erkennen“

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Pfarrer Hannes Langbein auf dem Kirchturm, im Hintergrund die Baustelle zum Museum der Moderne und der Potsdamer Platz.

Pfarrer Hannes Langbein auf dem Kirchturm, im Hintergrund die Baustelle zum Museum der Moderne und der Potsdamer Platz.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Inmitten von Baustellen leitet Langbein die Stiftung St. Matthäus am Kulturforum. Die Kulturkirche feiert ihr 175-jähriges Bestehen.

Berlin. Beim Stichwort Kulturkirche zögert Hannes Langbein. „Es ist ein etwas umstrittener Begriff, weil es viele Kulturkirchen gibt, die nur noch Veranstaltungshäuser sind. Bei uns gibt es nach wie vor Gottesdienste“, sagt der Pfarrer der St. Matthäus-Kirche im Kulturforum: „Wir sind eine lebendige Gemeinde.“ Aber Kulturkirche sei kein schlechter Begriff, fügt er hinzu. „Die Kultur, die wir hier machen, ist auch Teil unseres religiösen Lebens.“

Die vom Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler erbaute Kirche war vor 175 Jahren eingeweiht worden. Zum Jubiläum findet jetzt am Pfingstsonntag ein Festgottesdienst statt, bei dem auch ein bunter Turmfensterentwurf von Leiko Ikemura vorgestellt wird. Bis dahin gibt es täglich um 12.30 Uhr Mittagsandachten mit Mitgliedern des Berliner Ensembles. „Wir machen immer ein Thema aus, und die Schauspieler bringen ihre Texte mit“, sagt Hannes Langbein: „Mit Blick auf Pfingsten geht es um das Thema Sprachverwirrung. Pfingsten wird ja immer als die Heilung zum Turmbau von Babel angesehen.“ Der Reiz der Reihe sei, „dass es ein biblisch-literarischer Dialog ist.“

Von Langbeins Büro aus führt eine kleine Treppe seitlich hinaus ins Freie. Es ist ein kleiner Sonnenplatz unweit der Neuen Nationalgalerie. Kürzlich saß ein küssendes Liebespaar auf der Treppe, erzählt der 42-Jährige, ein anderes Mal diskutierten zwei Bauarbeiter in ihrer Pause über den Philosophen Heidegger. Das Gespräch mit Langbein führt hingegen immer wieder auf den Künstler Beuys zurück. Zu dessen 100. Geburtstag wird in der Kirche die Ausstellung „Der Erfinder der Elektrizität. Joseph Beuys und der Christusimpuls“ gezeigt. Der ungewöhnliche Blickwinkel fand Beachtung. „Das Thema Beuys als Christ ist eine Nische. Der Künstler ist für vieles bekannt, aber nicht so sehr für seine religiösen Tiefenschichten“, so Langbein. „Dieser Aspekt könnte auch ein Modell für uns im Kulturforum sein.“

Das Museum der Moderne wird ein riesiger Koloss sein

Die Kirche ist von modernen Kulturgebäuden umgeben. Wir sind inzwischen den Kirchturm hinaufgestiegen, schauen auf den Skulpturenpark der Neuen Nationalgalerie, der gerade eingerichtet wird, und auf die Baustelle fürs Museum der Moderne hinunter. „Ein bisschen eingeengt ist es schon, weil das Museum ein riesiger Koloss sein wird“, sagt Langbein: „Positiv gesagt wird damit die frühere Fassung wiederhergestellt, denn die Kirche war durch das Gründerzeit-Wohnviertel umbaut.“ Früher waren Kirchen immer die höchsten Gebäude im Dorf. Natürlich habe es Debatten gegeben, sagt der Pfarrer. „Es ist jetzt festgelegt, dass das Museum nicht viel höher bauen darf als auf Höhe unseres Dachfirstes. Wenn man vom Potsdamer Platz her kommt, muss man den Kirchturm noch als solchen erkennen können.“

Ein wenig erinnert die Museumsbaustelle schon an die Friedrichswerdersche Kirche, wo ein angrenzender Neubau für erhebliche Schäden sorgte. Langbein sagt beiläufig, dass es bald 17 Meter in die Tiefe gehen wird. „Man hat natürlich schon Sorgen, wenn man diese riesige Baustelle sieht. Aber ich bin relativ beruhigt, weil wir ein Monitoringsystem auf dem neuesten Stand der Technik eingebaut bekommen haben. Es ist alles getan worden, damit möglichst nichts passiert.“

Der Direktor verbindet große Hoffnungen mit der Neugestaltung des Areals. „Die Dynamik, die durch die Baustelle für das neue Museum in Gang kommt, ist im Kulturforum schon erheblich. Zum ersten Mal gibt es ein gemeinsames Projekt aller Häuser, ob Philharmonie, Staatsbibliothek, Neue Nationalgalerie, Kunstbibliothek, Kunstgewerbemuseum. Wir treffen uns wöchentlich, um an unserem Projekt ‚Utopie Kulturforum‘ zu arbeiten. Das soll Ende August starten mit einer Ausstellung, die in allen Foyer-Bereichen kostenlos zugänglich ist.“

Langbein beschreibt ein Idealbild, wie es künftig am Kulturforum zugehen könnte. Dann gehen die Leute am Sonntag in die Gemäldegalerie und um 18 Uhr in den Gottesdienst. Anschließend gehen sie hinüber in die Philharmonie. Und auch für das Ausstellungsprofil der Kirche hat der Pfarrer, der seit 2018 die Programmverantwortung trägt, eine Vision. „Was sich offenbar entwickelt: Die Neue Nationalgalerie und das Museum der Moderne definieren sich stark über die Kunst des 20. Jahrhunderts. Wir beschäftigen uns vor allem mit Gegenwartskunst. In gewisser Hinsicht sind wir das älteste Haus mit der neuesten Kunst.“

Vor allem ist die Kulturkirche auch tagsüber (außer montags) zugänglich. Es erinnert an Theodor Fontane, der bei seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg bemängelte, dass protestantische Kirchen immer verschlossen sind. Über den Nachbarn Fontane spricht Langbein ebenfalls gerne. „Er hat zeitweilig in der Potsdamer Straße gewohnt und kannte Carl Büchsel, den ersten Pfarrer der Kirche gut. Die beiden haben sich auch in die Haare gekriegt wegen ihrer unterschiedlichen Einschätzungen der 1848er-Revolution.“

Nur zwei Jahre nach Einweihung der Kirche war es im Zentrum Berlins zu blutigen Aufständen gekommen. Fontanes Herz schlug für die Barrikaden. „Politisch stand die Kirche eher auf der Seite des Königs“, erklärt Langbein. „Friedrich Wilhelm IV. war auch Bauherr der Kirche. Pfarrer Büchsel war auch der Seelsorger des Königs, weswegen es eine enge Verbindung gab. Dementsprechend klar war auch die Position des Pfarrers, der meinte, die Revolution würde nur von mangelnder Gottesfurcht in der Bevölkerung künden. Er hat sich sogar geweigert, getötete Revolutionäre zu beerdigen. Es ist schon ein zwiespältiges Erbe.“

Adolph von Menzel hatte die Kirche im Bau skizziert

Geheimratsviertel nannte man damals den Kiez rund um die Kirche. „In dem wohlhabenden Viertel lebten nicht nur Staatsbeamte, sondern auch viele Künstler. Von Adolph von Menzel haben wir gerade ein Bild im Kupferstichkabinett gefunden, wie er die Kirche im Bau skizziert hat“, sagt Langbein. „Das Tiergartenviertel war damals auch ein Salonviertel, der freie Austausch unter Bürgern spielte eine große Rolle. Im frühen 20. Jahrhundert prägten auch Galerien die Gegend.“ Dann wollte Hitlers Architekt Albert Speer das Areal freiräumen für die wahnwitzige Germania-Planung. Dafür sollte auch die Kirche abgebaut werden, der Krieg kam dazwischen.

Die 1999 gegründete Stiftung St. Matthäus sucht als Raum für Gegenwartskunst und Neuer Musik nach einer eigenen Stimme im Kulturforum. „Mich interessieren Künstler, die nicht speziell mit christlicher Ikonografie arbeiten“, sagt Langbein, „sondern eher jene, die die darunter liegenden existenziellen Fragen ansprechen.“ Und wieder kommt Beuys ins Spiel. „Der hat ganz lange an Kreuzen gearbeitet. Irgendwann hat er gemerkt, dass er mit dieser Art Ikonografie nicht weiterkommt und hat alles in die Bewegung übersetzt, in neue Formen von Bildern.“