Konzert-Kritik

Berliner Philharmoniker: Europakonzert 2021 aus dem Foyer

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Kirill Petrenko dirigierte die Berliner Philharmoniker diesmal im Foyer. Dort wo sonst die Konzertbesucher in der Pause flanieren.

Kirill Petrenko dirigierte die Berliner Philharmoniker diesmal im Foyer. Dort wo sonst die Konzertbesucher in der Pause flanieren.

Foto: Stephan Rabold

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielten ihr Europakonzert 2021 – im eigenen Foyer. Und die Kameras hoben dabei ab.

Was für ein Bild! Kirill Petrenko dirigiert vor leeren Notenpulten und ein paar verwaisten Instrumenten. Die Streicher der Berliner Philharmoniker aber stehen ein Stockwerk höher und spielen die spätromantische Melodie aus Charles Ives’ „Unanswered Question“, in die die Bläser, wieder ganz woanders, mit harschen Dissonanzen einfallen.

Es ist das zweite Mal, dass die Berliner Philharmoniker ihr traditionelles Europakonzert am 1. Mai, ihrem Gründungstag, nicht an einer bedeutenden kulturhistorischen Ort Europas spielen können. Und nicht vor Publikum. Unvergessen, wie sie vor einem Jahr, mitten im ersten Lockdown, mit kleinster Besetzung und fünf Meter Abstand eine Mahler-Sinfonie auf Kammermusikgröße reduzierten. Damals tröstete man sich noch, im kommenden Jahr werde man in Barcelona in der Basilika Sagrada Familia spielen. Doch auch daraus wurde nichts.

Die Berliner Philharmoniker übers ganze Haus verteilt

Die Philharmoniker haben sich diesmal mit mehr Vorlauf aber einen grandiosen Ersatz ausgedacht. Stay at home, lautete erneut die Devise. Und wie so viele Menschen ihre Wohnung in der Isolation der letzten Monate ganz neu erfahren haben, so erkundet das Orchester nun sein eigenes Haus.

Das Konzert zum Nachholen: Hier können Sie es ein Jahr lang streamen

Und spielt einmal nicht im Saal auf der Bühne – sondern im Foyer. Das gab es schon bei Lunchkonzerten mit einzelnen Musikern, aber noch nie mit dem ganzen Orchester.

Für das Programm hat man sich denn auch lauter Kompositionen mit dem Schwerpunkt Raumklangmusik ausgesucht, die mit Nähe und Distanz spielen. Schon Ives hat seine „Question“ so konzipiert, dass die Bläser und Streicher von verschiedenen Standorten spielen.

Danach folgt das Notturno KV 286, das Mozart für vier verschiedene Orchestergruppen mit Echo-Effekt komponierte. Eine Gruppe sitzt dann endlich schon vor Petrenko. Bei Krzysztof Pendereckis „Emanations“, die die Philharmoniker erstmals aufführen, eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Komponisten, spielen zwei Streichorchester einen Halbton unterschiedlich gestimmt.

Ein Raumklangspiel mit Nähe und Distanz

Erst bei Tschaikowskys dritter Suite für Orchester sitzen die Musiker dann alle traut vor ihrem Dirigenten. Just da, wo die Treppen eigentlich zum Saal führen, vor einem Foto der Musiker auf der Bühne. Welch Metapher.

Und welche Gelegenheit, einmal den Scharoun-Bau in seiner ganzen Pracht zu erleben. Wie sonst der Blick des Zuhörers im Konzert auch mal durch den Raum schweift, gleitet die Kamera durch das weitläufige Foyer mit den bunten Glassteinwänden und dem Mosaikboden, den man sonst vor lauter Konzertgästen gar nicht recht wahrnimmt.

Gleich elf Kameramänner haben das Live-Konzert für die ARD festgehalten und machen daraus nicht nur einen Ohren-, sondern auch einen Augenschmaus. In der Pause fasst der Geiger Stanley Dodds noch einmal charmant die Idee zusammen, warum man ins Foyer gewechselt ist, wo sonst doch die Konzertbesucher in der Pause flanieren: „Wir kommen zu Ihnen, so gut wir können.“

Mehr zum Thema: Philharmoniker ziehen Bilanz nach Pilotprojekt-Konzert

Das Europakonzert ist immer ein ganz besonderes Event für das Orchester, wie Philharmoniker-Intendantin Andrea Zietzschmann betont. Nach dem jüngsten Konzert am 20. März vor tausend Menschen im Rahmen der Pilotprojekt-Aktion haben die Philharmoniker damit zum zweiten Mal in kurzer Zeit gezeigt, wie innovativ, fantasievoll und flexibel sie in der Corona-Krise reagieren können.

Zietzschmann hofft auf erste reguläre Konzert vor Publikum noch in dieser Saison. Die nächste bange Frage aber ist: Was wird aus dem beliebten Waldbühnen-Konzert im Sommer?