Theater

Franziska Becker: In Coronazeiten immer etwas im Kampfmodus

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander
In der Opferrolle mag sie sich nicht sehen: Die Berliner Schauspielerin Franziska Becker in ihrem Kiez am Leon-Jessel-Platz.

In der Opferrolle mag sie sich nicht sehen: Die Berliner Schauspielerin Franziska Becker in ihrem Kiez am Leon-Jessel-Platz.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Franziska Becker gehört zu den vielen Bühnenschauspielern, die wegen Corona nicht arbeiten können. Das hat sie emotional gebeutelt.

Berlin. Diese Woche probt sie wieder. „Guys and Dolls“ in Sachsen-Anhalt. Das sollte schon im November in der Oper Magdeburg Premiere haben. Es kam bekanntlich anders, nach dem Lockdown light mussten die gerade erst wiedereröffneten Theater erneut schließen. Und auch wenn nun die Proben wiederaufgenommen werden, unter strengsten Corona-Auflagen, versteht sich: Die Premiere für den 1. Mai wurde nach der Verabschiedung des Notbremsen-Gesetzes wieder auf unbestimmt verschoben.

Franziska Becker ist eine von rund 20.000 Schauspielern in Deutschland. Aber sie gehört nicht zu den wenigen Privilegierten, die für Film und Fernsehen vor der Kamera stehen und auch im Lockdown drehen, auch nicht zu den Glücklichen, die in einem Ensemble fest angestellt sind.

Die 49-Jährige gehört zum Gros der Zunft, die als freischaffende Künstler arbeiten. Und in der Corona-Krise ziemlich alleingelassen werden. Sie will aber, das ist ihr wichtig, das betont sie mehrfach, nicht als Opfer dastehen. Sie versteht sich eher als Kämpfernatur, die nicht einfach alles hinnimmt.

Franziska Becker hat schon an fast allen Bühnen Berlins gespielt, im Theater des Westen, im Schlossparktheater, im Theater am Kurfürstendamm und an der Neuköllner Oper. Meist aber reist sie als Gastkünstlerin für einzelne Schauspiel- oder Musical-Produktionen an den verschiedensten Bühnen quer durch den deutschsprachigen Raum: für „Mamma Mia“ in Stuttgart etwa, „Ich war noch niemals in New York“ in Hamburg oder „Die Dreigroschenoper“ in Salzburg. Ein Leben aus dem Koffer.

„Ständig musst du um dein Geld zu kämpfen“

Bis Corona kam. Anfang 2020 probte sie in Stuttgart noch „Himmlische Zeiten“. Am Tag der Generalprobe aber war Schluss. Sechs Wochen Vorstellungen fielen komplett aus. Im Sommer sollte sie bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall in „Maria Stuart“ spielen. Auch das fiel aus. Als Zwei-Personen-Notspielersatz gab es stattdessen „Eine Sommernacht“, eine Liebeskomödie mit 1,50 Meter Abstand. Dann standen die Proben in Magdeburg an.

Doch seit November durfte sie nicht mehr arbeiten. Das macht ihr zunehmend zu schaffen. Und das Notfallgesetz bereitet ihr jetzt wieder schlaflose Nächte: Weil nun auch wieder Open-Air-Theater und Sommerfestspiele gefährdet sein könnten.

Dabei hat sie noch Glück. Die Oper Magdeburg ist eines der wenigen Häuser, das Gäste weiterbezahlt. Kurzarbeitergeld, sogar aufstockt. Auch in Stuttgart wurde eine finanzielle Lösung gefunden. Den Großteil der freien Schauspieler trifft Corona dagegen mit voller Härte.

Am wenigsten Unterstützung gibt es ausgerechnet von subventionierten Häusern, die werden regelrecht angewiesen, an dieser Stelle zu sparen. „Es ist sehr ernüchternd und auch bitter“, stöhnt Franziska Becker, „dass du dich täglich mit ausgefallenen Engagements und den Folgen beschäftigen musst.“ Jedes Bundesland – und sie ist in vielen parallel engagiert – und jedes Haus gehen anders damit um. „Du bist ständig damit beschäftigt, für dein Geld auch zu kämpfen.“

Von 118 Vorstellungen tatsächlich nur 24 gespielt

Wir treffen uns im Freien, in ihrem Wilmersdorfer Kiez an der Fechnerstraße. Franziska Becker hat übrigens nichts zu tun mit der gleichnamigen SPD-Politikerin im Berliner Abgeordnetenhaus, auch wenn die ihr Wahlkampfbüro lustigerweise in derselben Straße hat.

Hier am Leon-Jessel-Platz, an dem wir eine der wenigen begehrten Bänke ergattern, nennt die Schauspielerin ein paar Zahlen: Vom 13. März 2020 bis jetzt standen eigentlich 118 Vorstellungen in fünf Produktionen an vier Häusern an. Tatsächlich gespielt hat sie nur 24. Ursprünglich wäre sie in diesen 13 Monaten 222 Tage nicht in Berlin gewesen.

Einziger Vorteil: Sie hat plötzlich viel Zeit für ihren Partner. Das kennt das Paar gar nicht. Franziska Becker hat im ersten Lockdown auch angefangen, Masken zu nähen. Die meisten für Freunde, aber ein paar hat sie auch verkauft.

Sie ist ein Arbeitstier, sie muss kreativ sein. Deshalb hat sie auch ein eigenes Stück mitentwickelt, „Bühnenschwestern“, das im November in Schwäbisch Hall uraufgeführt werden soll. Auch die Neuköllner Oper hat schon Interesse bekundet. Und einen Vorgeschmack gab es als Livestream aus dem BKA in der „Schreibmaschine“, Deutschlands einziger offenen Bühne für Musicalautoren.

Juristisches Fachwissen über Vertragsklauseln aufgebessert

Vor allem aber hat sie die Zeit damit verbracht, ihr juristisches Fachwissen über Vertragsklauseln aufzubessern. Deshalb ist sie, wie sie zugibt, „immer ein bisschen in Kampfstimmung“ und muss sich auch immer wieder bremsen, „weil es mich emotional so beutelt“.

Sie hat zwar Glück mit ihren Theatern. Aber die sind die Ausnahme. Die meisten Häuser verhalten sich eher schäbig. Und auch die Politik hat lange nicht erkannt, dass Schauspieler eben nicht freischaffend und Soloselbstständige, sondern Angestellte für eine befristete Zeit sind. Deshalb haben viele vollmundig verkündete Hilfen gar nicht gegriffen.

Franziska Becker weiß von „echt krassen Schicksalen“

„Politiker müssen nicht bis ins Detail wissen, wie kompliziert unsere Verträge sind. Aber es wäre schön, sie würden sich so weit informieren, dass man Hilfen richtig konzipieren kann. Es kann nicht sein, dass ein Großteil der Künstler zwölf Monate lang durch alle Raster fällt und kein Geld bekommt.“ Viele gerieten in existenzielle Not: Ihnen blieb nur Hartz IV oder auf Rücklagen zurückgreifen, die fürs Alter gedacht waren.

Franziska Becker weiß von „echt krassen Schicksalen“: Kollegen, die nichts haben und aufgaben. Mit dem sogenannten Überbrückungsgeld III hat man jetzt endlich eine Form gefunden, die greift. „Aber das hat fast ein Jahr gedauert!“

Immerhin, tröstet sich die Bühnenschauspielerin, sei Corona Fluch und Segen zugleich. Sonst sind freischaffende Künstler ja als Alleinkämpfer unterwegs, in der Krise aber hat man sich neu vernetzt und ausgetauscht, viele Initiativen und Vereine wie „Krea(k)tiv – Musiktheater stands up“ wurden gegründet.

Und spätestens jetzt ist auch dem letzten Laien aufgegangen, welch unhaltbaren, unsozialen Verträge freiberufliche Schauspieler bisher eingegangen sind, bei denen man zwar alle Pflichten, aber keine Rechte eines Angestellten hat.

„Wer dreht, ist still“

Franziska Becker hofft sehr, dass sich das jetzt ändern wird. „So kann es einfach nicht mehr weitergehen.“ Aber sie befürchtet, dass viele Intendanten künftig weniger mit Gästen arbeiten werden. Dann werden Rollen halt aus den eigenen Reihen besetzt. Und Freischaffende noch mehr zu Konkurrenten: „Da werden wir uns noch alle umschauen.“

Was Franziska Becker besonders enttäuscht: Es gibt so viele prominente Kollegen in der Branche. Aber nur wenige setzen sich solidarisch ein. Till Brönner hat in den Netzwerken Aufmerksamkeit geschaffen. Hinter der Initiative „Aufstehen für die Kunst“ stehen renommierte Opernsänger und Star-Geigerin Anne Sophie Mutter, die auch eine Popularklage gegen coronabedingte Schließungen kultureller Einrichtungen ins Rollen brachte. Sonst aber sei nicht viel passiert. „Und wer dreht, ist still.“

Selber hinweisen auf die für Künstler prekäre Situation

Bis vergangene Woche. Da haben einige Filmstars mit der Aktion #allesdichtmachen von sich reden gemacht. Doch die ging nach hinten los. Ob Zynismus in der Situation die richtige Wahl war, darüber lässt sich streiten, findet Becker, und das „gern kontrovers und differenziert“. Mehr als die Aktion aber erschreckte sie der Shitstorm, die Anfeindungen und Pöbeleien, die darauf folgten.

Aber auch da wüsste sie einen Ausweg. „Wenn so viele von uns über die Aktion so verärgert sind: Machen wir es doch besser! Drehen wir unsere eigenen Filme, in denen wir auf die prekäre Situation von uns ,unstet beschäftigten Gastkünstler*innen’ der hiesigen Theaterlandschaft aufmerksam machen.“ Da regt sich wieder die Kämpfernatur in ihr: „Ich wäre dabei.“