Depressionen

Nora Tschirner: „Ich hatte den Kontakt zu mir verloren“

| Lesedauer: 12 Minuten
Heute spricht Nora Tschirner offen über ihre Krise: „Ich hatte mein Leben ganz blöd aufgestellt“.

Heute spricht Nora Tschirner offen über ihre Krise: „Ich hatte mein Leben ganz blöd aufgestellt“.

Foto: Reto Klar / FFS

Die Komödiantin bekennt, unter Depressionen gelitten zu haben. Und verarbeitet das in einer neuen Serie, mit der sie Mut machen will.

Man kennt sie als Komödiantin, die immer gut gelaunt und nie um einen frechen Spruch verlegen ist. Dafür wird Nora Tschirner geliebt. Auch sonst hält sie nicht hinterm Berg mit dem, was sie denkt. Als ein paar ihrer Schauspieler- (und „Tatort“-) Kollegen vergangenen Donnerstag mit der missglückten Aktion #allesdichtmachen die deutsche Coronapolitik posteten, war sie eine der Ersten, die sich offen darüber aufregte: „Make Cynism great again.“

Weniger bekannt ist dagegen, dass die 39-Jährige lange unter Depressionen gelitten hat. Darüber hat sie vergangenes Jahr erstmals in dem Podcast „Hotel Matze“ gesprochen.

Nun hat sie das auch in der Comedyserie „Mopes“ verarbeitet, eine Ufa-Produktion, die am 11. Mai auf TNT Comedy startet und später auch auf anderen Kanälen abrufbar sein wird: Dort spielt sie selber eine leibhaftige Depression, die einen Musiker in der Krise heimsucht. Eine sehr witzige und tiefgründige Verarbeitung.

Berliner Morgenpost: Was für eine großartige Idee: eine Depression zu zeigen als leibhaftiges Wesen. Wie war das, diese mittelgradige Depression namens Monika zu spielen? Das ist auch ein guter therapeutischer Ansatz, eine seelische Krankheit zu visualisieren und spielerisch zu verarbeiten.

Nora Tschirner: Das ist ein richtiger Triumphzug. Und eine persönliche Achse. Denn es gibt da die gesellschaftspolitische Nora Tschirner, ich bin immer schon, seit meiner Jugend, an solchen Themen interessiert. Aber da gibt es auch die private Nora Tschirner, als die ich selbst in der Vergangenheit von Depressionen betroffen war. Da schließt sich also ein Kreis für mich. Denn ich habe es nicht nur geschafft, mit meinen eigenen Depressionen umzugehen, sie zu kartieren und hinter mir zu lassen. Sondern wir haben jetzt so eine Serie gestemmt, die ich extrem beglückend empfinde. Wo ich auch nicht etwa eine Depressive spiele, sondern die Depression als kleinen Comic-Alien-Puck-Charakter! Da kann man doch wirklich sagen: Es gibt im besten Falle ein Leben danach.

Ist das die Rache für die eigene Depression. den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Naja, die Monika, die ich spiele, ist ja eine mittelgradige Depression. Die will gar nicht bei ihrem Opfer bleiben, die will nur eine Therapie erzwingen. Sie ist letztlich ein Helfer, die den Menschen darauf hinweist, dass er was in seinem Leben ändern muss. Die ist also ganz gesund für ihn. Während daneben schon die wirklich schwere Depression lauert.

Das wird sehr witzig erzählt, trotz des doch sehr ernsten, komplexes Themas. Wie schwer war es da, den richtigen Ton zu treffen und die Balance zu halten?

Das Thema ist so schwer, deshalb finde ich es ganz wichtig und sehr hilfreich, es mit einer humoristischen Herangehensweise zu bebildern. Mich hat das an meine schlimmste Zeit erinnert. Auch in meiner Therapie ging es darum, die Krankheit zu personalisieren. Aber solche Bilder, die diffuse Ängste packen und auflösen, die gab es damals nicht, die hätten mir wahnsinnig geholfen.

Dass Sie selbst Depressionen hatten, davon hat man lange nichts gewusst. Bis Sie im vergangenen Jahr im Podcast „Hotel Matze“ offen darüber gesprochen haben. Sie halten sich sonst über Ihr Privatleben sehr bedeckt. War das schwierig, das nun rauszulassen, oder war das in diesem Fall ein Anliegen, um anderen Mut zu machen?

Wenn es zu schwer für mich wäre, dann würde ich es lassen! Aber natürlich hat das einen Grund, dass ich erst jetzt darüber spreche. Lange Zeit hätte ich mich dazu nicht äußern können, als Liveberichterstattung aus dem Schützengraben wäre das nicht gegangen, das ist bei dieser Krankheit systemimmanent. Aber jetzt ist das Thema für mich abgeschlossen, jetzt habe ich einen Überblick. Vielleicht ändert sich durch die Serie auch der Blick auf das Thema. Es ging nicht darum, mit etwas Privatem als Selbstzweck rauszugehen, sondern im besten Fall zu einem offeneren gesellschaftlichen Diskurs beizutragen. Hoffentlich trauen sich Betroffene danach, darüber zu sprechen. Das wünsche ich mir jedenfalls.

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Das heißt, jetzt fällt es Ihnen nicht mehr schwer, darüber zu reden?

Im Gegenteil, das scheinen mir jetzt sogar die leichtesten Interviews, die ich je geführt habe. Ich fühle mich total wohl mit dem Thema und empfinde es als Genugtuung, dieses System des inneren wie des äußeren Schweigens zu durchbrechen. Das Schlimmste an der Depression ist ja die Einsamkeit, die innere Isolation. Das Gefühl, dass keiner dich versteht, kann man mit niemandem teilen, das ist ein Riesenproblem. So eine Serie zeigt aber: Du bist nicht allein damit, das geht ganz vielen so, das ist ein gesellschaftliches Thema.

Man kennt Sie immer als großartige Entertainerin und Komödiantin mit lockeren Sprüchen. Wie lange haben Sie unter Depressionen gelitten?

Von Depressionen habe ich das erste Mal mit 16 im Biologieunterricht gehört. Da sagte meine Lehrerin, das wird mal Volkskrankheit Nummer Eins. Trotzdem wurde nichts dagegen getan. Diese Diskrepanz war für mich gesellschaftspolitisch seitdem immer ein Thema. Das ich dann leider schon sehr bald auch mit eigenen Praktika ausstatten konnte. Ich hatte das immer episodenweise. Meine erste Episode hatte ich schon mit 18. Damals war mir noch nicht klar, was das war. Man spricht ja nicht umsonst von Teenage Anxiety, das war eher noch was Diffuses. Das kam aber immer wieder. Mit Mitte 20 bin ich dann zum ersten Mal in Behandlung gegangen. Da ging es mir sehr schlecht, da fing mein therapeutischer Weg an. Mit 30 hatte ich dann eine richtige Krise, ich hatte mein Leben ganz blöd aufgestellt, wusste es damals aber nicht besser. Ich war zwei Wochen in stationärer Behandlung, und dann habe ich ein Jahr lang Psychopharmaka genommen.

Hatte das auch mit dem Beruf zu tun, immer vor der Kamera funktionieren zu müssen?

In Gesprächen mit einer Psychologin stellte sich raus, die depressiven Zustände folgten auf manische Arbeitszustände an Drehtagen, die 16 Stunden gingen, und an diesen endlosen Pressetagen, wo ein Interview auf das nächste folgt. Ich hatte den Kontakt zu mir verloren. Die Depression war aber die Erste, die sich traute, mich darauf hinzuweisen.

Depression ist noch immer ein Tabu-Thema. Weil man in der Leistungsgesellschaft immer funktionieren muss. Wer eine Schwäche eingesteht, scheint zu schwach in diesem „Survial of the Fittest“.

Außer du hast Burn-Out. Das geht! Das ist der Mercedes unter den psychischen Erkrankungen. Weil du eben zu viel gemacht, weil du dich verausgabt hast, quasi an der Front gestorben bist. Das scheint cool. Aber auch das ist eine Depression! Und Depressionen sind die Loser-Karten in unserer Leistungsgesellschaft. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Weil sie eine Reaktion sind auf dieses merkwürdige Gesellschaftssystem, auf das wir uns alle geeinigt haben. Depressive Episoden haben sehr oft mit Vorerkrankungen und Dispositionen zu tun, aber natürlich werden sie auch ausgelöst durch die Art der Lebensführung. Und wir neigen eben nicht zur Ganzheitlichkeit, es gibt viele Stellschrauben, die wir nicht gelernt haben und auch nicht lehren. Mein therapeutischer Weg hat eigentlich nie aufgehört. Aber irgendwann ging der aus den roten in die schwarzen Zahlen über. Und dann fängt es auch an, Spaß zu machen.

Spaß? Das müssen Sie erklären.

Ich gehe heute immer noch zu Menschen, die ich als Mentoren bezeichnen würde. Aber jetzt ist es nicht mehr auf dem Level „Bitte rettet mich“, sondern auf Livehacks auf sehr hohem Niveau, wo man auf Stufe 70 überlegt, was man kreieren kann, um sich damit auseinanderzusetzen. Deshalb habe ich ja auch immer ein bisschen Schwierigkeiten mit dem Begriff Therapie. Klar, da wird was geheilt, aber es wird auch was nachgereicht, was einem vorher vorenthalten wurde.

Die Serie kommt vielleicht genau zur richtigen Zeit. Ein Jahr Corona und Lockdown, ein Jahr Selbstisolation und Reduzierung von sozialen Kontakten, das macht wohl mit uns allen etwas. Es ist zu befürchten, dass Depressionen sprunghaft zunehmen.

Das wird auf jeden Fall so sein. Das passiert auch schon. Es wird aber vor allem viel mehr sichtbar werden, was vorher schon schwelend da war. Das ist jetzt die größte Chance. Ich halte es für absolut essenziell für die Gesellschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Denn das Stigma und die Schamgefühle töten viel mehr Leute als die Krankheit selbst. Das wird aber verschwiegen, das ist ein systemisches Problem. Corona ist jetzt Fluch und Segen. Weil es einerseits noch mehr Leute trifft. Andererseits kommt da plötzlich ein Katalysator in das Thema, mit dem ich nie gerechnet hätte. Das Thema Depression war immer ein Stiefkind, mit dem keiner sich recht befassen wollte. Das kann jetzt nur aufwärts gehen und Druck in die richtige Richtung machen: Dass wir wegkommen von diesem reinen Leistungsprinzip, dass wir an einer Gesellschaft arbeiten, die da präventiv vorgeht und alle sich gegenseitig an die Hand nehmen. Ich bin da guter Dinge.

Wenn diese Serie die Debatte jetzt anstößt, dann werden Sie vermutlich für etliche Talkshows angefragt werden. Bei all Ihrem Engagement: Hat man da auch Angst, das Gesicht zum Thema zu werden?

Ganz ehrlich? Da fällt mir kein Zacken aus der Krone. Nur wenn jemand fragt und wenn man darüber redet, kann mehr Licht in dieses Dunkel kommen. Die Angst ist eine andere. Die hatte ich auch bei meinem Engagement für „Embrace“, diesem Film über Frauen, die unter einem überzogenen Schönheitsideal leiden: Du kannst ein Thema mit deiner Popularität größer machen. Ab einem gewissen Punkt kannst Du es aber auch wieder aus Versehen kleiner machen, wenn es so etwas maskottchenhaftes kriegt. Deshalb werde ich jetzt nicht mehr allzu lang über Depressionen reden. Es gibt so viele Leute, die dazu was zu sagen haben. Dieser Raum öffnet sich gerade, und ich trage gern meinen Teil zu bei und drehe den Schlüssel um, um die Tür aufzustoßen. Aber ich muss dann nicht die ganze Zeit durch den Raum schwirren. Das ist nicht meine Party.