Kino

Traumorte in Quarantäne: die Berliner Aktion „Film Stills“

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Peter Zander
Vorübergehend stillgelegt und doch weiterhin im Gespräch mit dem Publikum – das Filmtheater Bali in Zehlendorf.

Vorübergehend stillgelegt und doch weiterhin im Gespräch mit dem Publikum – das Filmtheater Bali in Zehlendorf.

Foto: ©Beat Presser

Die Berliner Kinos dürfen im Lockdown nicht öffnen. Aber auch geschlossene Orte erzählen eine Geschichte, zeigt die Aktion „Film Stills“.

Die Botschaften sind unmissverständlich. „Bitte bleiben Sie gesund!“, „Achten Sie aufeinander“, „1. Pause seit 1977“ oder – sehr lakonisch – einfach nur „z. Zt. Außer Betrieb“: Das sind die Sprüche und Grußadressen, die die Berliner Kinos auf ihre Hinweistafeln geschrieben haben. Da, wo sonst die Titel der neuesten Filme stehen. Einige sind sogar ganz hoffnungsfroh: „We will be back“ heißt es da, in Anspielung auf „Terminator“. Oder schlicht: „Wir sehen uns wieder.“

Dieser Zweckoptimismus freilich fällt immer schwerer. Denn seit über einem Jahr, von ein paar wenigen Wochen im Sommer abgesehen, sind die Kinos geschlossen. Wann sie wieder öffnen dürfen, ist noch Zukunftsmusik. Die Kultureinrichtungen waren die ersten, die geschlossen wurden, und werden die letzten sind, die wieder öffnen dürfen. Auch wenn sich hier niemand nachweislich mit Corona infiziert hat und die Häuser in überzeugende und aufwändige Hygienemaßnahmen investiert haben.

Und ob wirklich alle Kinos wieder öffnen werden, wenn man diese Pandemie irgendwann einmal in den Griff bekommen hat, das ist durchaus nicht ausgemacht. Denn schon zuvor war es nicht leicht, sich gegen die zunehmend verschärfende Konkurrenz von Netflix und anderen Streamingdiensten durchzusetzen. Das Problem hat sich im Dauer-Lockdown noch verschärft, wo die Streamingportale als einzige von der Unmöglichkeit, Filme im Kino sehen zu können, profitiert haben. Mit sprunghaft ansteigenden Abo-Abschlüssen.

Die Botschaften über den Kino-Türen, sie sind deshalb auch ein bewusster Versuch, in Kontakt zu treten, in Kontakt zu bleiben mit dem Publikum, das dann hoffentlich auch wieder Lust haben wird, ins Kino zu gehen, wenn das mal wieder erlaubt ist. Das Kontakthalten funktioniert natürlich auch andersrum. Wenn Kinogänger ihre Lieblingshäuser unterstützen und Gutscheine kaufen. Manche haben ihre Kinos sogar mit Spenden unterstützt. Oder einfach, auch das hilft, mit freundlichen Grüßen. Denn der Lockdown ist ja nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein emotionaler Schock.

Den Kontakt halten, das geht freilich auch anders. Auch der Fotograf Beat Presser war vom Lockdown betroffen. Gerade erst hatte er seine Ausstellung „Aufbruch und Umbruch“, eine Hommage an den Neuen Deutschen Film, im Willy-Brandt-Haus eröffnet, da musste sie schon wieder geschlossen werden. Abbruch statt Aufbruch.

Den Kontakt halten, das geht freilich auch anders. Auch der Schweizer Fotograf Beat Presser war vom Lockdown betroffen. Gerade erst hatte er seine Ausstellung „Aufbruch und Umbruch“, eine Hommage an den Neuen Deutschen Film, im Willy-Brandt-Haus eröffnet, da musste sie schon wieder geschlossen werden. Abbruch statt Aufbruch.

Da kam ihm mit der Berliner Bildhauerin Danit die atemberaubende Idee zu einer gemeinsamen Aktion. Wie so viele während des ersten Lockdowns ihre Räder genommen haben und durch die Stadt gefahren sind, um Berlin und seine Wahrzeichen mal ohne die üblichen Touristenmassen zu erleben, so sind die beiden zu den zwangsgeschlossenen Kinos geradelt. Und haben sie abgelichtet.

Spielstätten, wo man sich trifft und begegnet, wo sonst das Leben tobt und im besten Fall Schlangen davor stehen – plötzlich menschenleer. Häuser, wo sich nicht nur die Bilder bewegen, sondern auch die Herzen der Zuschauer, wo sich auch die Menschen hinbewegen müssen, wo also viel Mobilität ist – jetzt zum Stillstand verdammt. Orte der Träume und Illusionen, die nun reichlich nüchtern und desillusionierend wirken.

Aber auch geschlossene Orte erzählen etwas. „Trotz verschlossener Türen scheinen die Kinos vom Trubel vergangener Tage zu berichten“, erzählen Danit und Pressler: „Von Schlangen an der Abendkasse und gefüllten Rängen, von der erwartungsvollen Spannung vor Filmbeginn und dem Versinken in eine andere Welt.“

Diese Momente haben sie festgehalten. So ist ein historischer und einmaliger Streifzug durch die Stadt entstanden – von dem man dennoch hofft, dass er auch einmalig bleiben wird! 77 Kinos, von Spandau bis Marzahn, von Pankow bis Potsdam, von kleinen und großen Häusern, Programmkinos und Cineplexen, die aus unterschiedlichsten Perspektiven gezeigt werden. Am Ende ist daraus ein Buch entstanden: „Film Stills. Berliner Kinos im Lockdown“ (Zweitausendeins, 192 Seiten, 15 Euro).

Eine Aktion mit doppeldeutigem Titel. Denn Filmstills, so bezeichnet man ja sonst Szenenfotos, also eingefrorene Bilder aus bewegten Sequenzen. Und so möchte man auch dieses Buch verstehen: als Momentaufnahme einer Branche, in die hoffentlich bald wieder Leben und Bewegung kommen wird.

Ein Fotoband zum Schmökern und Sehnen, mit dem man auch Kontakt hält zu den Kinos. Aber nicht nur das: Die Fotos gehen jetzt auch durch die Stadt. Als Plakataktion sind sie in verschiedenen Variationen in den Schaukästen der Berliner Kinos zu sehen. Presser und Danit bereiten derzeit außerdem eine Multimedia-Ausstellung im Bikini-Haus vor. Aber auch hier ist noch völlig unklar, wann die öffnen wird. Halten wir es so lange mit der Botschaft über dem Brotfabrikkino: „Wir schaffen das!“