Literatur

Charles Lewinsky – Beruf: neugierig

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Das Familienepos „Melnitz“ wurde sein Opus Magnum: Der Schritfsteller Charles Lewinsky.

Das Familienepos „Melnitz“ wurde sein Opus Magnum: Der Schritfsteller Charles Lewinsky.

Foto: Christian Beutler / picture alliance

Erst schrieb Charles Lewinsky Unterhaltung, dann wurde er einer der großen Erzähler unserer Zeit. Zum 75. erscheint ein Anekdotenband

Lange hat Charles Lewinsky über einem Roman gebrütet, der dann doch nie über erste Entwürfe hinwegkam. Und doch hat er dem Schweizer Schriftsteller zu seinem größten Erfolg verholfen. Scheitern ist also nichts Schlechtes, lernen wir daraus, es kann auch zu höchster Kunst führen. Und die Geschichte ist zu schön, als dass man sie am heutigen Mittwoch, wenn Lewinsky 75 Jahre alt wird, nicht noch einmal erzählen sollte. Geht es darin doch auch um Zeit und Reifung.

Die Geschichte beginnt so: Als der kleine Charles zehn Jahre alt war, erzählte ihm seine Großmutter von einer fantastischen Rettung. Die Großeltern waren für eine Firma aus der neutralen Schweiz nach Leipzig gezogen und fühlten sich durch ihre Pässe auch nach der Machtübernahme durch die Nazis sicher. Bis eines Tages ein entfernter Verwandter vor der Tür stand, ein Kurt Melnitz, der es später in Hollywood weit gebracht haben soll, und sie inständig warnte: „Verschwindet aus Deutschland. Hier wird es ganz schlimm.“

Selbst das Scheitern wird bei ihm zur großen Kunst

Die Großeltern folgten dem Rat und entgingen so dem Holocaust. Den Enkel ließ die Geschichte nicht los. Einen Melnitz in Hollywood konnte er aber, damals gab es noch kein Google, nicht ausfindig machen. Bis er durch Zufall in den Memoiren der Schauspielerin Lilli Palmer auf Curt Melnitz stieß, den Europachef der United Artists. Die Geschichte war also wahr. Lewinsky wollte daraus ein Epos machen, einen pikaresken Episodenroman, in dem ein Mann über Jahrhunderte hinweg immer wieder aus dem Nichts erscheint, in das Leben anderer eingreift und wieder verschwindet. Doch die Idee überforderte ihn und kam über klägliche Versuche nie hinweg.

Als Lewinsky später an einem anderen Roman saß, der wirklich zu einem großen Epos werden sollte, die Chronik über eine jüdische Familie in der Schweiz von 1871 bis 1945, da wollte dieser Melnitz auch dabei sein. „Romanfiguren“, erklärte es der Autor fast entschuldigend, „machen sich manchmal selbstständig, als Autor muss man sie machen lassen.“

Von der Fernsehunterhaltung in die Hochliteratur

Der Roman hieß am Ende sogar „Melnitz“, und dieser Mann, ein Untoter, ein ewiger Jude, sucht die Familie immer wieder heim, wenn sie denkt, sie sei nun assimiliert und in der Gesellschaft angekommen, um auf die ewigen Ressentiments und Pogrome gegen die Juden zu verweisen, die im 20. Jahrhundert sogar die grausigsten Ausmaße annehmen sollten. Lewinsky war damals schon 60 und lebte schon seit 26 Jahren als freier Schriftsteller. Aber erst mit „Melnitz“, seinem Opus Magnum, gelang ihm 2006 der endgültige Durchbruch.

Der gebürtige Züricher hatte in seiner Heimatstadt und in Berlin Germanistik und Theaterwissenschaft studiert, er war Regieassistent bei Fritz Kortner und als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Bühnen tätig, bevor er 1984 mit Doris Morf sein erstes Buch schrieb: „Hitler auf dem Rütli“, eine Politfiktion, in der die Nazis die Schweiz besetzen. Er hat lange fürs Schweizer und fürs deutsche Fernsehen gearbeitet, hat zahllose TV-Shows geschrieben, auch „Traumschiff“-Folgen und die Sitcom „Fascht e Familie“.

Von ihm stammen auch Theaterstücke wie „Ein ganz normaler Jude“, den Oliver Hirschbiegel mit Ben Becker verfilmte, Hörspiele, Lieder für den Travestiestar Mary und Musicals wie „Gotthelf“. Mit seinem dritten Roman „Johannistag“ (2001) gelang ihm im neuen Jahrtausend der Sprung von der Unterhaltung zur anspruchsvollen Literatur. Und mit „Melnitz“ kam der ganz große Ruhm.

Das Erzählen ist immer Teil der Erzählung

Lewinsky, der in Zürich lebt, bezeichnet sich „nicht als Jude von Beruf“. Und doch setzt er sich immer wieder mit dem Judentum auseinander, vor allem aber mit Antisemitismus und Verfolgung. Sein ergreifendstes Werk nach „Melnitz“ war denn auch der Roman „Gerron“ über die tragische Vita des jüdischen Schauspielers Kurt Gerron, der von den Nazis gezwungen wurde, im KZ Theresienstadt den perfiden Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ zu drehen, und danach ermordet wurde.

Vor einem halben Jahr erst erschien sein jüngster Roman „Der Halbbart“, in dem er sogar einen Schweizer Gründungsmythos, die Schlacht bei Morgarten von 1315, ganz anders erzählt: weniger ruhmvoll – und als aktuelle Replik auf die „alternativen Fakten“ eines Donald Trump.

Was fast all seine Werke auszeichnen, sind seine vermeintlich enge, oft ganz naive Perspektive, aus der heraus die große Geschichte erlebt und erlitten wird. Verbunden mit einer urtümlichen, schweizerisch eingefärbten Sprache, die doch hochartifiziell ist – und oft hochironisch. Vor allem aber wird die Überlieferung, das Geschichtenerzählen immer selbst Teil der Erzählung, was den Reiz der vielschichtigen Werke ausmacht.

Von Beruf: neugierig

Auf „Litertaturport“, der Website des Literarischen Colloquiums Berlin, gibt Lewinsky seine Vita schelmisch als Brief an seinen Verleger wider. „Mein Schreiberleben möchtest Du erzählt haben? Und erwartest wahrscheinlich einen gradlinigen Entwicklungsroman, der mit ,Melnitz’ seinen krönenden Abschluss findet?“ Damit könne er leider nicht dienen. Am meisten habe ihn immer das gereizt, was er noch nie gemacht habe, auch wenn das manchmal Jahre, ja Jahrzehnte gedauert habe. Aber deshalb sei er eben kein „Berufsjude“, kein Berufs-Unterhalter oder „Berufs-Irgendwas“. „Ich bin“, so sein Fazit, „nur neugierig. Hilft Dir das weiter?“

Zu seinem heutigen 75. wollte Le­winsky eigentlich ein großes Fest feiern. Wegen Corona fällt das aus. Der Lockdown aber verschaffte ihm plötzlich Zeit, ein Projekt, das ihn auch schon lange beschäftigt hat, in Angriff zu nehmen. Er hat noch mal all seine Romane gelesen und danach durchforstet, was sich darin aus einem eigenen Leben eingeschlichen hat. Das Ergebnis ist „zum Glück keine Autobiografie geworden“ (O-Ton Lewin­sky), aber doch eine Sammlung autobiografischer Anekdoten. „Sind Sie das? Eine Spurensuche“ heißt das Buch, das der Diogenes Verlag jetzt, quasi als Geburtstagsgeschenk, herausbringt. Mit einer Neuauflage der Romane, die man auch noch mal durchforsten kann.