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Lars Eidinger bringt „Unheil“ ins Mittelalter

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Voller Schmutz und Schleim: Lars Eidinger als obskurer Schamane.

Voller Schmutz und Schleim: Lars Eidinger als obskurer Schamane.

Foto: Foto: Martin Sommer, courtesy Julia Stoschek Collection, Kunstmuseum Bonn, Sprüth Magers © John Bock / , Foto: Martin Sommer, courtesy Julia Stoschek Collection, Kunstmuseum Bonn, Sprüth Magers © John Bock

Die Schaubühne bietet auf seiner Internetseite ein Ersatzprogramm mit Filmen an, unter anderem das Mittelalterdrama „Unheil“ mit Lars Eidinger.

Berlin. Die Pest soll sie holen! Die Frau kam mit ihrer Tochter ganz allein ins Dorf, keiner weiß, wer der Vater ist. Das gehört sich nicht. Deshalb werden die beiden, wir befinden uns hier in den finstersten Zeiten des Mittelalters, argwöhnisch beäugt, als Hexen verflucht und ihnen der Teufel an den Hals gewünscht. Bis die Tochter wirklich eines Tages Pestbeulen bekommt. Die Mutter (Effi Rabsilber) schneidet diese in einer ziemlich unappetitlichen Prozedur auf und verbrennt den auslaufenden Eiter. Die Dorfsippschaft will das Unheil aber auf andere Weise aus der Welt schaffen. Plötzlich ist die Tochter verschwunden und soll wohl im Wald geopfert werden.

Doch dann kriecht ein Fremdling heran, splitternackt müht er sich durch Schleim und Schlamm. Was für ein Auftritt für Lars Eidinger, der offenbar keinen Film dreht, bei dem er nicht mindestens einmal blankzieht. Als bizarrer Fremder kann er sich kaum artikulieren, wann immer er zu sprechen versucht, quillt ihm Erde aus dem Mund. Ein Halbwesen, fürchten die Dörfler und wollen nichts mit ihm zu tun haben. Doch die Frau nimmt ihn bei sich auf. Und der, ein Schamane, beginnt aus einfachsten Stöcken und Schnüren seltsame Gerätschaften zu bauen, um das Unheil auf andere Art abzuwenden.

Bildstarkes Mittelalterdrama mit hochaktuellen Bezügen

Die Schaubühne ist derzeit geschlossen und darf keine Stücke aufführen. Dafür bietet das Theater seinem Publikum auf seiner Internetseite ein Online-Ersatzprogramm an. Mit wechselnden Filmen. Wie nun dieses Mittelalterdrama „Unheil“ mit Lars Eidinger, der sich hier ähnlich im Schmutz suhlen darf wie als „Hamlet“. Regie führte John Bock, der mit Eidinger im vergangenen Jahr auch das Taten-Drang-Drama „Peer Gynt“ in der Schaubühne ausgeheckt hat, das aber nach der Premiere im Februar nur kurz zu sehen war, bevor der erste Lockdown kam. Peer Gynt muss warten, dafür nimmt das Unheil seinen Lauf.

Die Arbeiten des Berliner Aktionskünstlers John Bock sind schwer einzuordnen, weil sie bewusst mit den Künsten spielen und die Grenzen dazwischen, wie Bock selbst das bezeichnet, „verwirren“ will. Dabei arbeitet er immer häufiger mit Filmen, die auch immer länger und kinotauglicher werden. Wie etwa der Western „Hells Bells“, der 2017, auch schon mit Lars Eidinger, in der Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ in der Berlinischen Galerie zu sehen war. Oder eben „Unheil“, der seine Premiere im November 2018 in der Berliner Galerie Sprüth Magers hatte.

Ein Film mit wenigen, aber ausgefeilten Dialogen, der aber vor allem von seinen starken Bildern und Stimmungen lebt. Da rauscht der Wind im Wald, tropft seltsam schwarzer Harz von den Bäumen, und ein bassstarker Soundtrack baut eine Spannung auf, die sich immerzu entladen kann. Ein archaisches Drama über grobe Menschen mit zerfurchten Gesichtern, starr vor Dreck und erstarrt in Aberglauben. Die können und wollen den Fremden nicht verstehen, dem ganz bildlich Wortbrocken aus dem Mund kommen. Und doch steht er für Fortschritt, Technik und Entwicklung, während die Sippschaft auf alte Rituale setzt, zur Not auch auf Menschenopfer.

Wie so oft bei Bock, war der Film Teil einer Installation. Erst hat der Künstler selbst die fantasievollen Gerätschaften des Fremdlings gebaut, dann hat er den Film dazu entwickelt und gedreht, mit David Schultz hinter der Kamera, der Filmregisseur Benjamin Quabeck („Nichts bereuen“) hat ihn geschnitten. Den fertigen Film aber ließ Bock im Winter 2018 bei Sprüth Magers inmitten dieser Objekte abspielen. Man ging also durch eine Gesamtskulptur und hatte das Gefühl, durch eine Filmkulisse zu wandeln. Eine ganz andere Filmerfahrung. So war „Unheil“ auch bei der Art Cologne 2019 zu erleben, in der Düsseldorfer Collection von Julia Stoschek, die das Projekt auch koproduziert hat.

Als Film allein war „Unheil“ bislang noch nicht zu sehen. Dabei hat er durchaus kinotaugliche Bilder und ein Gespür für gruselige Atmosphäre. Ein echter Coup der Schaubühne, ihn jetzt anzubieten. Wobei man den Film in Corona-Zeiten noch mal ganz anders wahrnimmt. Von jeher erzählte „Unheil“ von der Begegnung mit und der Angst vor dem Fremden, vom Gegensatz von Rückständigkeit und Fortschritt.

Die Streams sind kostenlos, Spenden willkommen

In Zeiten der Pandemie allerdings ergeben sich noch ganz andere, hochaktuelle Assoziationen. Bei der Pestilenz muss man natürlich an Corona denken. Dass ständig eine zähe Flüssigkeit tropft und sich verbreitet, drängt den Vergleich zu Tröpfcheninfektion und Spreader-Übertragung geradezu auf. Und eine Gerätschaft, die der obskure Fremde seiner Gastgeberin aufsetzt, geht direkt auf die Nase. Das verstörende Mittelalterdrama kann man als Eskapismus in eine Fantasywelt genießen, sie bietet aber auch eine aktuelle Reflexion auf die jetzige Pandemiekrise.

Auf der Internetseite der Schaubühne ist der Film nur kurze Zeit abrufbar, bis Mittwoch, 18 Uhr. Vom 16. bis 19. April folgt dann der Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit und am 25. April ist ein Live-Streitgespräch mit Carolin Emcke über „Corona und die Ethik der Phantasie“ zu sehen. Die ­Streams sind kostenlos, Spenden sind aber willkommen. Und wer es bis Mittwoch nicht schaffen sollte: Der Film ist, neben weiteren Werken von John Bock, auch in der Videolounge der Julia Stoschek Collection (JSC) zu sehen, dort sogar ohne Sperrfrist. Ein „Unheil“ ohne Ende – hoffen wir mal, dass das nicht auch eine Parallele zu Corona ist.

„Unheil“ auf www.schaubuehne.de bis 14.4., 18 Uhr sowie auf der Website von Julia Stoschek: www.jsc.art/videos/john-bock-unheil-2018/