"Fat to Ashes"

Ein Spektakel im Hamburger Bahnhof

| Lesedauer: 5 Minuten
Ulrike Borowczyk
In ihrer raumgreifenden Installation „Fat to Ashes“ widmet sich die Französin Pauline Curnier Jardin italienischen Bräuchen.

In ihrer raumgreifenden Installation „Fat to Ashes“ widmet sich die Französin Pauline Curnier Jardin italienischen Bräuchen.

Foto: Maurizio Gambarini FUNKE Foto Services

Künstlerin Pauline Curnier Jardin zeigt in der historischen Halle ihre imposante Ausstellungsinstallation „Fat to Ashes“.

Berlin. Irgendwie scheint sich die Arena nicht so recht entscheiden zu können, was sie sein möchte. Einerseits ist sie rosarot und verspielt mit weicher Schaumstoff-Fassade, andererseits strahlt ihre Größe Macht aus. Zudem kommt aus ihrem Inneren martialischer Lärm. Davon angezogen, strebt man umgehend hinein auf die Stimmen und die Musik zu. Und schaut dann wie gebannt auf die doppelseitige Leinwand, die mitten im Rund über einer Manege hängt. Sie zeigt erst eine religiöse Prozession, dann ausgelassene Bilder vom Kölner Karneval und schließlich die rituelle Schlachtung eines Schweins. Drei Momentaufnahmen, die eigentlich nicht zusammenpassen können. Doch je schneller die Bilder gegeneinander geschnitten werden, desto stärker verschmelzen ihre Inhalte. Sie eskalieren und kulminieren schließlich in einem Gefühl von eruptiver Gewalt. Bilder, die einen nicht mehr loslassen. Daran ist auch die Musik nicht ganz unschuldig, die wie ein Crescendo anschwillt und den Raum vibrieren lässt.

Hoffen auf mögliche Museumsbesuche nach Ostern

Was Pauline Curnier Jardin da in die historische Halle des Hamburger Bahnhofs gesetzt hat, ist einmalig. „Fat to Ashes“ heißt ihre imposante Ausstellungsinstallation. Der Titel verweist dabei auf die Woche der Ausschweifungen vom „Fat Thursday“, hierzulande Weiberfastnacht oder Fettdonnerstag, bis zum Aschermittwoch. Die Schau wurde nun in Anwesenheit der französischen Künstlerin vorgestellt. Wenngleich Museumsleiterin Gabriele Knapstein noch nicht wusste, wann der Hamburger Bahnhof seine Pforten pandemiebedingt wieder öffnen darf. Sie hofft, dass Museumsbesuche nach Ostern wieder möglich sind. Dann werden auch die Ausstellungen „The Horse with Eye Blinders“ von Xinyi Cheng und „Self Portrait as clone of Jeanne D’Arc“ von Bunny Rogers zu sehen sein. Letztere lief nur eine Woche lang im letzten Oktober. Dreifache künstlerische Frauenpower. Bis es soweit ist, müssen sich Kunstliebhaber mit Filmen auf YouTube begnügen, die Einblicke in die Ausstellungen gewähren.

Im Falle von Pauline Curnier Jardin erwartet die Besucher ein echtes Spektakel. So, wie es sich gehört, wenn man eine Arena konstruiert. Die erinnert schließlich an Großereignisse aus Sport und Showbranche, wie die Olympischen Spiele oder Rockkonzerte. Aber durchaus auch an die weitaus brutaleren und tödlich endenden antiken Gladiatorenkämpfe.

Die Künstlerin beschäftigt sich schon lange mit Ritualen und altertümlichen Mythen. Geboren 1980 Marseille, lebt die 40-Jährige, die 2019 mit dem Preis der Nationalgalerie geehrt wurde, aktuell nicht nur in ihrer Wahlheimat Berlin, sondern auch anlässlich eines Stipendiums in Rom. Daher lag es für sie nahe, auf italienische Bräuche zurückzugreifen. In ihrem 20-minütigen Video findet die rituelle Schlachtung eines gemästeten Schweins in einem italienischen Bergdorf statt, die Prozession im sizilianischen Catania. Und zwar zu Ehren der Heiligen Agatha, die als Märtyrerin starb. Als Christin lehnte sie den Heiratsantrag des heidnischen Statthalters ab. Durch die Abweisung gedemütigt, bestrafte er sie unmenschlich: Erst ließ er sie in ein Freudenhaus stecken, dann ihre Brüste abschneiden. Zuletzt wurde sie auf glühende Kohlen gelegt, wodurch sie starb. Heute gilt Agatha als Schutzheilige von Vergewaltigungsopfern, Brustkrebspatientinnen, Milchammen und Glockengießern, wird aber auch als Beschützerin vor dem Feuer verehrt.

Man möchte meinen, beim Karneval ginge es fröhlicher zu. Zumal Pauline Curnier Jardin in ihrem Film dicht gedrängte Kölner Jecken bei der letzten Sause vor der Pandemie eingefangen hat. Doch mitnichten. Das Meer der Feiernden wirkt zunehmend bedrohlicher. Die Karnevalsmasken werden zu Fratzen. Hineingeschnitten sind Bilder und Töne der gefolterten Agatha und von schreiendenden Gläubigen. Das Martyrium der Heiligen wird nämlich während der Prozession nachgestellt, bevor exzessiv geschmaust wird. Vorzugsweise Süßes. Karamellströme verwandelt sich dabei in das weggespülte Blut des Schweins, das laut wie ein reißender Bach über den Betonboden rauscht. Dann wieder sieht man Brüste aus süßer Creme mit einer Zierkirsche on top bei den ausgelassenen Prozessionsfeierlichkeiten. Unterlegt mit suggestiver Musik, schaut man den immer rascher aufeinander folgenden Cuts bald wie in Trance zu. Und kann kaum noch unterscheiden. ob die Menschen feiern oder sich gegenseitig Gewalt antun. Und der zerfleischten Agatha und dem Berg an Schweinefleisch.

Die Brüche, Gegenüberstellungen und Verschmelzungen setzen sich fort in der Arena mit ihrem Cosy-Touch, die von innen wie ein Zirkus für Gaukler wirkt. Harmlos nur auf den ersten Blick mit ihrer weichen Außenhaut. Die nennt Curnier Jardin übrigens „Cake-Fassade“, also Kuchen- oder Biskuitfassade, wie Kristina Schrei, die Kuratorin der Ausstellung, verrät. Der dafür genutzte Schaumstoff stammt von der Prozession in Catania und findet sich neben ebenfalls dafür geweihten Kerzen auch in der zweiten Installation „Feel Good“ im Säulengang der Halle. Weil sie berufliche Opfer der Pandemie sind, lud Curnier Jardin in Rom Sexarbeiterinnen ein. Sie haben fast kindlich-naive Zeichnungen ihres Arbeitsalltags gemalt, die nun an den Säulen hängen. Im Wechsel mit „Fat to Ashes“ hört man das Klackern von Absätzen und Autos. Geräusche eines Straßenstrichs. Erlebbar ist die ausdrucksstarke Ausstellung natürlich nur vor Ort. Bleibt zu hoffen, dass der Hamburger Bahnhof bald wieder öffnen darf.