Literatur

Ewiger Mahner der Demokratie: Heinrich Mann zum 150.

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Peter Zander
Mann, Heinrich; Schriftsteller; Lübeck 27.3.1871 Santa Monica (Calif.) 12.3.1950. Porträtaufnahme, 1931, digital koloriert.

Mann, Heinrich; Schriftsteller; Lübeck 27.3.1871 Santa Monica (Calif.) 12.3.1950. Porträtaufnahme, 1931, digital koloriert.

Foto: akg-images / picture alliance / akg-images

Heinrich Mann ist etwas in Vergessenheit geraten, dabei ist er aktueller denn je. Zum 150. Geburtstag erlebt er nun eine Renaissance.

Es ist selten geworden, dass Politiker sich auf Dichter und Denker beziehen. Heinrich Mann aber, dessen Geburtstag sich am 27. März zum 150. Mal jährt, wird geradezu gehuldigt. „Ein Anhänger der Aufklärung und Verteidiger der Demokratie sollte uns gerade heute Vorbild sein. Denn wir erleben ja wieder, wie die Demokratie verächtlich gemacht wird, wie der Hass öffentliche Debatten vergiftet, wie sich autoritäres Denken und Irrationalismus verbünden“, so mahnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag auf einer Festveranstaltung der Berliner Akademie der Künste, die wegen Corona nur digital stattfand.

„In Zeiten, wo unsere Demokratie weltweit angegriffen wird, auch bei uns, wo wir umgeben sind von Rechtsstaatsverächtern, von Demokratiefeinden, von Geschichtsentsorgern und -verharmlosern, ist ein Heinrich Mann von einer unfassbaren Aktualität“, sagt auch Claudia Roth, die grüne Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, in der TV-Doku „Heinrich Mann, der unbekannte Rebell“, die – auch das längst eine Seltenheit bei Geistesgrößen – am Jubiläumstag ausgestrahlt wird.

Gerade heute ein Vorbild von unfassbarer Aktualität

Weihevolle Worte über einen Literaten, der in letzter Zeit ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Und dessen Ruhm schon zu Lebzeiten hinter dem seines jüngeren Bruders Thomas Mann verblasste. Dabei hatte Heinrich zuerst von sich reden gemacht. Als Literat, aber auch als überzeugter Humanist und Demokrat. Noch zu Kaiserzeiten entstand „Der Untertan“, jenes prophetische Buch, das deutsche Obrigkeitshörigkeit, Duckmäuser- und Mitläufertum bloßlegte.

Der Vorabdruck in einer Zeitung musste wegen des Kriegsausbruchs eingestellt werden. Nach dem Ersten Weltkrieg aber war Heinrich Mann der, der immer schon vor dem übersteigerten Wilhelminismus gewarnt hatte. Und für die neue Demokratie einstand wie kaum ein Zweiter, einer, der auch früh an ein geeintes Europa glaubte und um Versöhnung warb.

Thomas Mann dagegen hatte den Krieg 1914 in seinen „Gedanken zum Kriege“ noch gutgeheißen, weshalb es zum jahrelangen Bruch mit dem Bruder kam. In der Weimarer Republik wandelte sich auch Thomas zum Demokraten, Heinrich aber war die überlegene Autorität. Er warnte auch früh und immer wieder vor den Nazis und der Zerschlagung der Demokratie. „Der Antrieb der Nationalsozialisten ist der Hass. Hass als einziger Daseinsgrund einer mächtigen Volksbewegung“: Solche Worte lesen sich in diesen Tagen, in denen ja immer wieder auf Parallelen zu den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts verwiesen wird, wieder hochaktuell.

Heinrich Manns Bücher gehörten denn auch zu den ersten, die 1933 verbrannt wurden. Da war der Autor schon aus Deutschland geflohen, nur vier Tage vor dem Reichstagsbrand. Und stritt auch im Ausland weiter gegen die Nazis. Während sein Bruder noch lange versuchte, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren und von der eigenen Tochter Erika zum Exil erpresst werden musste.

In den USA aber war es dann Thomas Mann, der sich als Repräsentant eines besseren Deutschlands gerierte und mahnende Radioansprachen („Deutsche Hörer!“) hielt. Heinrich Mann, der unter abenteuerlichen Umständen aus Frankreich floh, kam auf Betreiben des Bruders in Hollywood unter, wo er Filmideen für die Studios entwickeln sollte, von denen freilich keine einzige realisiert wurde. Hier wendete sich das Kräfteverhältnis der Brüder endgültig, Heinrich war sogar auf Almosen des Bruders angewiesen.

Er forderte Haltung und Sittlichkeit ein

In Amerika wurde er schon bald verdächtigt, Kommunist zu sein, und wieder einmal von einer Gesinnungspolizei überwacht, diesmal vom FBI. Fast wäre er nach Deutschland zurückgekehrt, nach Ost-Berlin, wo er zum Präsidenten der neu gegründeten Akademie der Künste ernannt wurde. Doch kurz vor dem Umzug starb er am 12. März 1950 in den USA, einer Wiege der Demokratie, in der er, der große Verfechter der Demokratie, nicht länger erwünscht war.

Warum aber ist Heinrich Mann etwas in Vergessenheit geraten? Hat auch Heinrich Breloers Familiensaga „Die Manns“ dazu beigetragen, in der Thomas Mann so prominent mit Armin Mueller-Stahl besetzt war, Heinrich aber eher blass von Jürgen Hentsch gespielt wurde? Oder war es der Erotomane, seine Liebe und Nähe zur Bohème, zur Halbwelt? Der hat Heinrich Mann nicht nur privat gefrönt, sie fand auch Einzug in „Professor Unrat“, der auch als Film „Der blaue Engel“ zum Klassiker wurde, und in frivole, erotische Romane, die er auch geschrieben hat. Oder waren es gar die schlüpfrigen, explizit sexuellen Zeichnungen aus seiner Hand, die man in seinem Nachlass fand und für die sich der Bruder einmal mehr schämte?

Heinrich Mann hat immer eine moralische Haltung gefordert, eine Sittlichkeit. Privat schien er dagegen einer gewissen Sittenlosigkeit zugetan. Ein Widerspruch? So haben ihn ja auch die Nazis diffamiert: in einer ätzenden Karikatur, die ihn als Lola auf dem Fass hockend zeigte. In Wirklichkeit sind das zwei Seiten derselben Medaille. Gegen das großbürgerliche Kaufmannsleben des Vaters in Lübeck hatten sich ja beide Brüder entschieden. Heinrich Mann aber lebte und schrieb auch vehement gegen die bürgerliche Doppelmoral an.

Der Nachlass soll endlich vereint werden

Nun, zum Jahrestag, gibt es eine regelrechte Renaissance. Das mag wirklich damit zu tun haben, dass die Zeiten wieder ähnlich finster und hasserfüllt werden wie vor 100 Jahren. Da erinnert man sich gern des Mahners, der für die Demokratie einstand, der aber auch forderte, dass man sie verteidigen müsse. Zum Geburtstag wurden Heinrich Manns Werke teils neu aufgelegt. Im Sommer erscheint auch der Briefwechsel mit seinem Bruder in einer umfangreichen Neuausgabe.

Im Lauf des Jahres soll ein Heinrich-Mann-Handbuch folgen (wie es das für Thomas Mann schon lange gibt). Die für diesen Monat von der Heinrich-Mann-Gesellschaft geplante Jahrestagung zum Thema „Heinrich Mann: Bohème – Republik – Exil“, auf der auch Frank-Walter Steinmeier sprechen wollte, musste wegen der Pandemie allerdings um ein Jahr verschoben werden.

Viel wichtiger aber ist, dass seit gut einem Jahr versucht wird, den Nachlass zu vereinen. Weil Heinrich Mann immer wieder hat fliehen müssen, teils Hals über Kopf, sind viele Dokumente und Schriften über alle Länder verstreut: in Berlin, Moskau, Prag, Santa Monica. Viele schlummern noch unentdeckt in diversen Archiven. Ein internationales Kooperationsprojekt versucht nun, diese so vollständig wie möglich zusammenzuführen.

Die Berliner Akademie der Künste, die den Großteil seines Nachlasses verwaltet, hat dafür ein internationales Netzwerk gespannt und überdies das Projekt „Heinrich Mann digital“ ins Leben gerufen, in dem all seine Werke und Dokumente digitalisiert und der Öffentlichkeit zu Verfügung gestellt werden. Das verspricht viel neuen Wind in der Literaturwissenschaft.