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Bis dir der Kopf platzt: Charlie Kaufmans „Ameisig“

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander
Nur ungern lässt Charlie Kaufman sich fotografieren. Hierein etwas älteres Bild von 2011. PA/ Bjoern Larsson Rosvall .

Nur ungern lässt Charlie Kaufman sich fotografieren. Hierein etwas älteres Bild von 2011. PA/ Bjoern Larsson Rosvall .

Foto: Bjoern Larsson Rosvall / Scanpix / picture alliance / dpa

US-Drehbuchautor Charlie Kaufman hat mit „Ameisig“ seinen ersten Roman geschrieben. Der ist genauso knallverrückt wie seine Filme.

Bei Charlie Kaufman würde man gerne mal in seinen Kopf reinschauen. Dort müsste es eigentlich aussehen wie in einem dieser verwirrenden Grafiken von M.C. Escher mit ihren Kippbildern und unmöglichen Figuren, wo Treppen, die nach oben führen, wieder unten beginnen. Charlie Kaufman legt seine Drehbücher irgendwie genauso an. Unvergessen in „Being John Malkovich“, mit dem er 1999 sein Kinodebüt feierte und gleich für einen Oscar nominiert wurde: Da schien man wirklich ins Gehirn des Hauptdarstellers zu schlüpfen und bewegte sich in einem Bürohaus in einer versteckten siebeneinhalbten Etage, nur für Eingeweihte, und so klein, dass man den Kopf einziehen musste.

In „Adaption“ (2002) hat Kaufman dann erst recht dazu eingeladen, sein Drehbuch persönlich zu nehmen. Ging es darum doch um einen (von Nicolas Cage gespielten) Autor namens Charlie Kaufman, ein ziemlicher Neurotiker mit wenig Selbstbewusstsein, der an einer Romanadaption verzweifelt und daraus lieber einen Film über seine Probleme mit dem Stoff generieren will. Während sein fiktiver Zwillingsbruder zynisch einen Knallerfilm schreibt.

Auf welcher Ebene sind wir gerade?

Immer hatten diese Filme, von Michel Gondry oder Spike Jonze gedreht, einen doppelten, wenn nicht dreifachen Boden, immer mit schrägen Wendungen. Und immer schwankte man da als Zuschauer wie auf einem Tanker und wusste nicht, auf welcher Geistes- und Realitätsebene man sich gerade befand.

In den 200er-Jahren war Charlie Kaufman damit einer der gefeiertsten Autoren des US-Films, der für „Vergiss mein nicht!“ (der im Original sehr viel treffender-versponnener „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ hieß“) 2004 schließlich auch den Oscar fürs beste Drehbuch erhielt. Mit seinen eigenen Regie-Werken „Synecdoche, New York“ (2008) und dem Animationsfilm „Anomalisa“ (2015) konnte er an diese Erfolge jedoch nicht anknüpfen. Es wurde stiller um ihn.

Ende vergangenen Jahres aber hat der 62-Jährige sich mit dem Netflix-Film „I’m Thinking of Ending Things“ zurückgemeldet, in dem seine Protagonistin überlegt, Schluss zu machen. Ist auch das wörtlich und persönlich zu nehmen? Nein, Kaufman sitzt bereits an weiteren Projekten. Und zuvor hat er noch ein ganz anderes Debüt gewagt und einen dickleibigen Roman geschrieben, „Antkind“, der nun unter dem Titel „Ameisig“ auch auf Deutsch erschienen ist.

Ein Roman, das sei gleich gesagt, der absolut unverfilmbar ist. Nicht adaptierbar, nicht mal von einem Kaufman. Und der doch nur von Film und Kino handelt. Und einem hochneurotischen Großstädter, der zwar B. Rosenberg heißt, aber doch ein klares Alter Ego seines Autors ist. Und viele seiner Spleens teilt. Den etwa, nicht gern fotografiert zu werden.

Dieser Rosenberg, der Ich-Erzähler dieses 864-Seiten-Scheits, der seinen Vornamen nicht preisgeben will, ist ein Filmkritiker und ein ziemlich gescheitertes Wesen, das ständig kokettiert, lauter Monografien mit fantastischen Titeln über absurde Themen geschrieben zu haben wie „Symbiopsychotaxiplasm“.

Er sieht jüdisch aus, was er aber partout nicht sein will, er prahlt damit, eine berühmte afroamerikanische Freundin zu haben, eine Schauspielerin, die man, wie er nicht müde wird zu betonen, aus einer 90er-Jahre-Sitcom kennen muss, die allerdings gerade im Ausland dreht und den Kontakt zu ihm reichlich kurz hält.

Drei Monate Film, drei Monate Koma

Dafür begegnet er bei einer Recherche einem steinalten Mann, der den besten und längsten Film der Kinogeschichte gedreht hat. Ein ganzes Leben lang hat er daran gesessen, schon seit Stummfilmzeiten. Drei Monate braucht es, um das ganze Werk zu sehen. Aber der ominöse Ingo Cutbirth hat den Film nur für sich gedreht. Rosenberg ist sein erster Zuschauer und soll auch sein letzter sein. Danach will der Schöpfer sein Werk vernichten.

Rosenberg sieht sich schon als Max Brod, der Franz Kafkas Oeuvre für die Nachwelt rettet. Und als Cutbirth an Tag 17 der Sichtung stirbt, sieht der Kritiker seine große Chance, der Welt das Meisterwerk zu entdecken. Aber altes Filmmaterial ist hochexplosiv, beim Abtransport in einem Laster geht das Werk in Flammen auf. Und Rosenberg erwacht weitere drei Monate später aus dem Koma. Und will nun das, was er gesehen hat, für die Nachwelt rekonstruieren.

Ein Buch über einen Film, der gar nicht existiert? Die Frage darf man sich ruhig stellen. Die Frage wird auch im Buch gestellt, von einem Verleger, dem Rosenberg die Idee schmackhaft machen will und der doch schroff ablehnt. Der Verlag Random House dagegen hat zugesagt und Kaufmans dickleibiges Werk publiziert. Und der legt nun lauter Treppen aus, die nach oben gehen und doch nach unten führen, Wände, die zu Falltüren werden: eine Odyssee durch die Hirnwindungen eines Neurotikers.

Das ist, man sei gewarnt, oft anstrengend. Es führt auch zu keiner wirklichen Handlung. Dafür wird der Leser mit immer neuen absurden Gedankenkonstrukten konfrontiert und amüsiert. Kaufman macht sich da etwa über den Genderwahnsinn lustig, wie man Frauen und Männer heute politisch korrekt überhaupt noch bezeichnen darf. Er philosophiert über Ameisen, die von Pilzen befallen werden, bis ihnen der Kopf platzt. Und erwacht aus dem Verbrennungskoma mit einer jüdischen Nase, die aus seiner Penishaut geformt wurde. Man kommt halt nicht aus seiner Haut raus.

Dazu spukt und tanzt der Film immerzu in seinem Kopf herum, dass einem ganz schwindlig wird. Der Leser fragt sich ohnehin bald, ob der verbrannte Film nicht nur ein Symbol für verlorene Erinnerungen und die verlorene Zeit ist. Ob der Mann gar noch immer im Koma liegt und das pompös mäandernde Buch nur Geistesblitze und Nervenzuckungen sind.

Dabei rechnet der Filmkritiker Rosenberg auch immer wieder mit dem Filmemacher Charlie Kaufman ab. Der könne, so das harsche Urteil, nichts anderes als „schlicht aufzuschreiben, was ihm gerade durch die Rübe rauscht, willkürlich halbgare Konzepte zusammenzuwerfen, nach keinem Maßstab als einem hippiemäßigen ,Cool, Mann.’“ Ja, es geht noch selbstkritischer: „Kaufman ist schlicht und einfach ein Monster.“ Aber eins, „das sich seiner eigenen erschütternden Unfähigkeit nicht bewusst ist.“

Damit erübrigt sich jede weitere Kritik. Die einen werden bewundern, zu welcher Selbstironie dieser Autor fähig ist. Die anderen werden seinen offensichtlichen Selbsthass ins Feld führen und argumentieren, damit sei auch alles über das Buch gesagt. Steht Kaufman sich mit seinem Ennui und Selbsthass womöglich selbst im Weg? So oder so: Man muss bei diesem Buch viel Liebe für den Film und auch etwas Kenntnis über das Kaufman’sche Universum mitbringen.

Sein Roman ist wie einer seiner Filme: schräg, genialisch, knallverrückt, in jeder Hinsicht over the top. Aber auch schwer zu fassen und zu begreifen. Und nicht immer kehren die diversen Gedankensprünge und Hirnwindungen zu einem großen Ganzen zurück. Wer Kaufmans Filme liebt, wird dieses Buch verschlingen. Allem anderen wird es wohl eher wie der Ameise bei dem Pilz gehen.

Charlie Kaufman: Ameisig. Übersetzt von Stephan Kleiner. Hanser Verlag, 864 Seiten, 35 Euro.