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Max Liebermanns Garten: Wir träumen uns ins Grüne

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Peter Zander
„Die Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordosten“, 1925 (Ausschnitt).

„Die Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordosten“, 1925 (Ausschnitt).

Foto: © Insel Verlag

Refugium und Inspiration: Max Liebermanns Garten lädt immer wieder zu einem Besuch ein – nun auch in Form eines handlichen Büchleins.

Berlin. Ab ins Grüne. Dahin sollte der geplagte Großstädter ohnehin öfter, um nicht ganz der Kurzsichtigkeit zu verfallen. Und grün ist nicht nur beruhigen für die Augen, wie uns unser Optiker immer wieder einbläut. Der Blick ins Grüne lässt auch den Blutdruck sinken und hilft, Stress abzubauen. Was aber tun, wenn der Frühling noch nicht so recht will und weder Laube noch Balkonien lockt? Man kann ersatzweise auch Max Liebermanns Garten besuchen.

Der ist ja seit einigen Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber selbst wenn er wegen Corona doch geschlossen ist - anschauen kann man ihn sich trotzdem. Hat doch der Maler in seinem Garten nicht etwa die Seele baumeln lassen, sondern den Pinsel geschwungen. Und das Grün eins um andere Mal auf die Leinwand gebannt.

Der Maler malt die subjektive Natur, nicht die Wirklichkeit

Und was für ein Garten! „Kein anderes Haus in Wannsee kann solche Blumenbeete haben“, schwärmte die „Cental Verein-Zeitung“ 1927: „Blumen und immer wieder Blumen.“ Mittendrin aber stets – der Maler selbst. „Liebermann malte wieder den ganzen Sommer, und immer nur in seinem Garten“, beschrieb das der Malerkollege Albert Lamm: „Immer andere Blumen werden gepflanzt, die verschiedene Winkel der Gärten vor und hinter dem Haus geben die verschiedenartigsten Bildmotive.“

Und Liebermann meinte selbst: „Der geborene Maler will nicht nur, sondern er muss malen, was er sieht, denn er malt ja nicht die Wirklichkeit, sondern die Vorstellung von der Wirklichkeit: er malt die subjektive Natur.“

Liebermann, der mit Lovis Corinth und Max Slevogt das Dreigestirn des deutschen Impressionismus bildete und Präsident der Preußischen Akademie der Künste war, lebte schon in der Stadt fürstlich in seinem repräsentativen Haus direkt am Pariser Platz. Da hatte er mit dem Tiergarten auch schon viel Grün vor der Tür – oder doch vor den Fenstern.

Im Juli 1909 aber kaufte er für die stattliche Summe von 145.000 Reichsmark ein großes Grundstück am Wannsee, in der damaligen Großen Seestr. 24 (der heutigen Colomierstr. 3): eines der letzten damals noch unbebauten Grundstücke mit 7000 Quadratmetern, 200 Meter tief und mit direktem Zugang zum Großen Wannsee.

Den Garten plante er bis ins Kleinste selbst mit

Hier ließ er sich vom Architekten Paul Baumgarten eine Villa im neoklassizistischen Stil erbauen. Hier ließ er sich aber vor allem einen Garten anlegen, den er bis ins Kleinste selbst plante – zusammen mit Alfred Lichtwart, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, mit dem er seit 1904 in der Berliner Parkdeputation saß, und auch unter tatkräftiger Mithilfe seiner Tochter Käthe.

Ab dem Ersten Weltkrieg, als sich die übliche Sommerfrische an der niederländischen Küste verbat, verlegten die Liebermanns ihre Sommerfrische an den Wannsee. Und lebten hier fortan das halbe Jahr, vom Mai bis Oktober. Wobei die Besucher, die Liebermanns riesiges Atelier am Pariser Platz kannten, staunten, wie klein und ungenutzt das Atelier in der Seestraße war. Liebermann malte stets im Freien.

Und immer wieder dieselben Motive: Die Nutz- und Zierpflanzen vor dem Haus, zur Straße hin, die Garten- und Blumenterrasse zur Seeseite, auch die Heckengärten, das Birkenwäldchen und das Seeufer. Immer mit weitem Blickwinkel, oft ohne Himmel. In immer neuen Lichtstimmungen und Perspektiven. Farbsatte Bilder, mit einem knalligen Orange hier oder einem stechenden Rosenrot da. Und immer ein grünes Blumenmeer. Eine beinahe taktile Sinnlichkeit, ein Garten fast zum Anfassen.

Sein „Schloss am See“ nannte Liebermann das Areal, auch sein „Klein-Versailles“. Es war ein kreatives Refugium, das ihn zu großer Schaffenskraft inspirierte. Ab 1918 wurde es verstärkt zu seinem Bildsujet, über 200 Ölgemälde entstanden hier, aber auch Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen, Grafiken. Schon früher hatte er seriell gearbeitet. Nun wurden die Wannseebilder Höhepunkte seines Spätwerks. Diese kreative Oase wurde eigentlich nur durch eins gestört: das laute Treiben am anderen Ufer des Sees, im Strandbad, das Johlen und Kreischen der Badenden, überhaupt das recht sittenfreie Treiben.

Am Wannsee hatte Liebermann noch 1933 ein letztes Gartenbild gemalt, als bereits die Nazis neben seinem Stadthaus durchs Brandenburger Tor marschiert waren, was der damals 85-Jährige bissig kommentierte, er könne gar nicht so viel essen, wie er kotzen möchte.

Eine Reise ins Grüne, auch wenn keine Zeit

Die Enteignung und Verfolgung seiner Familie hat Liebermann nicht mehr miterlebt. Er starb im Februar 1935, ein halbes Jahr, bevor die Nazis ihre Rassengesetze erließen.

Heute ist die Liebermann-Villa am Wannsee öffentlich zugänglich und ein beliebtes Ausflugsziel. Dabei sind nicht nur die Ausstellungen seiner Bilder ein Anreiz, sondern gerade auch der Garten mit seinem malerischen Blick auf den See. Selbst in den kühleren Jahreszeiten kann man sich in diese grüne Oase träumen. Dazu ist jüngst in der Insel-Bücherei „Max Liebermanns Garten“ (100 Seiten, 14 Euro) erschienen. Ein Büchlein zum schnellen Durchblättern, aber auch zum Verweilen und Studieren, hübsch unterteilt nach den jeweiligen Bildsujets. Eine Reise ins Grüne, auch wenn dafür keine Zeit ist. Selbst an Regentagen. Und für Allergiker selbst zu Pollenzeiten absolut risikofrei.