Star-Interview

Désirée Nosbusch: „Ich war schon im Rückzug“

| Lesedauer: 13 Minuten
Peter Zander
Sie sagt, was sie denkt, und steht zu dem, was sie tut: Schauspielerin Désirée Nosbusch 

Sie sagt, was sie denkt, und steht zu dem, was sie tut: Schauspielerin Désirée Nosbusch 

Foto: (c)_Jeanne_Degraa

Im Krankenwagen zum Friseur: Schauspielerin Désirée Nosbusch über ihr Comeback, neue Chancen, alte Wunden und die #MeToo-Bewegung.

Am 25. März und am 1. April ist sie wieder in zwei Folgen von „Der Irland-Krimi“ zu sehen: als Profilerin in Galway. Eine starke Figur für Désirée Nosbusch. Dabei hatte die 56-Jährige, die in Luxemburg lebt und oft nach Berlin pendelt, mit dem Schauspiel eigentlich schon abgeschlossen und sich bei ihrer Agentur aus der Kartei nehmen lassen. Aber dann kam das Angebot zu „Bad Banks“, das ihr ein fulminantes Comeback bescherte. Wir haben Désirée Nosbusch in Luxemburg angerufen und mit ihr über neue Herausforderungen, alte Wunden und die #MeToo-Debatte gesprochen.

Demnächst sind Sie in zwei neuen Folgen von „Der Irland-Krimi“ zu sehen. Haben Sie eigentlich eine persönliche Verbindung zu dem Land?

Désirée Nosbusch: Vor den Krimis hatte ich keine. Aber in Los Angeles, wo ich 27 Jahre lang gewohnt habe, gibt es eine große irische Community. Deshalb habe ich viele enge Freunde aus Irland. Meiner Freundin Helen habe ich immer gesagt, du bist der liebste Mensch der Welt. Aber als ich die ersten „Irland-Krimis“ in Galway gedreht habe, musste ich ihr sagen: Die sind ja alle so nett! Diese Menschen haben eine solche Gastfreundlichkeit, wenn sie einen mögen, ist man Adoptivtochter. Als Schauspieler, das ist das Schöne, ist man ja nie Tourist. Du kommst an und wirst gleich ins pralle Leben geworfen. Und lernst Menschen kennen, als wärst du von dort. Und das Land an sich ist so schön. Das ist immer wieder ein Geschenk, dort arbeiten zu dürfen. Wenn ich Irland nicht so lieben würde, täte ich mich auch schwer, dort immer wieder drei Monate im Jahr zu verbringen. Das ist ja doch Lebenszeit.

Sind Sie damit auch in Irland bekannt geworden? Grüßt man Sie in Galway jetzt schon auf der Straße?

Ich glaube, man kennt mich nicht als Schauspielerin. Aber als die eine, die ab und an mal hier ist. Ich kann Ihnen da eine Geschichte erzählen, die so auch nur in Irland passieren kann. Aber da muss ich etwas ausholen.

Ich bitte darum!

Ich trage für die Rolle eine Perücke. Aber ich wollte mal zum Friseur, um wieder nach mir auszusehen. Also habe ich einen Termin gemacht. Aber dann hatte ich mich an dem Tag mit meiner Mutter am Telefon verschwatzt, ich wollte ein Taxi rufen, aber da war ein Marathonlauf, es war kein Durchkommen. Also rannte ich wie verrückt von Salthill nach Galway. Ich war schweißgebadet und sah wohl sehr verwirrt aus. Da blieb plötzlich ein Krankenwagen neben mir stehen und der Fahrer fragte: „Mam, are you in distress? Do you need a hospital?“ Ich sagte, ich sei zu spät für den Friseur. Da forderte er mich auf: „Hopp in“. Er hatte gerade nichts zu tun und fuhr mich im Krankenwagen dahin. Er entschuldigte sich sogar, dass er das Blaulicht nicht anmacht. Sie ahnen, wie die mich angeschaut haben, als ich ankam.

Dann sind Sie dort also nicht die Fernsehkommissarin, sondern die Frau, die sich im Krankenwagen zum Friseur fahren lässt!

Und das ist wirklich die Wahrheit, das müssen Sie mir glauben. So etwas gibt es nur in Irland. Und das sagt sehr viel über diese Menschen aus. Von daher freue ich mich schon wieder, dahin zu fahren.

Sie gelten als sehr wählerisch im Hinblick auf Ihre Rollen. Was hat Sie am „Irland“-Krimi überzeugt?

Ich hatte, daraus habe ich nie einen Hehl gemacht, anfangs Bedenken. Ich bin immer auf der Suche nach einer gewissen Authentizität und tue mich sehr schwer bei Formaten, wo man irgendwo auf der Welt aussteigt und alle Deutsch sprechen. Aber mich hat dann doch meine Figur gelockt. Diese Cathrin ist keine Kommissarin, sondern Profilerin. Und sie ist sehr verletzt, verschlossen und dadurch spannend. Ich mag Figuren, wo ich selbst neugierig bin, was mit ihnen passiert. Ich hatte in Irland nie einen Drehtag, wo ich dachte, das reizt mich nicht mehr.

Es gibt neben dem „Tatort“ immer mehr Regional- und Länderkrimis. Der Mord gehört zum Reisen schon dazu. Der Kriminalroman als Lektüre, der Fernsehkrimi als Vorgeschmack. Hat Sie auch das zögern lassen?

Ja, absolut. Irland ist auch so viel mehr, als dass wir es jetzt als Postkartenhintergrund benutzen. Dafür wäre ich die Falsche gewesen. Aber ich finde, dass wir wirklich verschmelzen mit dem Land. Das ist kein Fremdkörper, der durch die Wiesen läuft. Das war mir wichtig.

Sie begannen Ende der 70er-Jahre als Jugendmoderatorin und waren bald auch als Schauspielerin populär. Aber zuletzt waren Sie gefühlt lange weg. Ich weiß, Sie spielten Theater in Luxemburg, drehten auch immer mal Fernsehfilme. Dennoch war „Bad Banks“ wie ein Comeback. Ist das eine Fehleinschätzung oder sehen Sie das auch so?

Klar war das ein Comeback! „Bad Banks“ hat mich aus meinem selbstgewählten Rückzug gerissen. Der Grund, warum ich nicht mehr so präsent war, ist ganz simpel: Das, was ich gern machen wollte, bekam ich nicht mehr. Das traute man mir nicht zu. Und bei dem, was man mir gab, hatte ich das Gefühl, dass ich mich wiederhole. Ich wollte nicht das verraten, was ich so liebe. Ich suchte meine künstlerische Erfüllung dann woanders, am Theater in Luxemburg, das war eben eine kleinere Bühne. Und ich dachte, an großen Dingen in Deutschland machst du halt nur noch Moderationen. Ich wollte meinen Frieden damit schließen. Ich habe meine Agentin auch schon gebeten, mich aus der Kartei zu nehmen. Aber als dann „Bad Banks“ gab, war mir klar, das ist die eine Chance, die dir das Leben gibt. Wenn du die richtig machst, könnte sich noch mal eine Tür öffnen. Und jetzt kann ich voller Dankbarkeit und Demut sagen, dass ich die Wahl habe. Wegen Corona hat sich manches leider angestaut. Aber es ist irre viel los.

Ihr erster großer Film war 1982 „Der Fan“. Sie haben den bis heute nie gesehen haben?

Nein. Und ich habe auch nicht vor, es zu tun. Ein Film kann so erfolgreich sein, wie er will. Wenn es keine schöne Erfahrung war, reißt das nur Wunden auf. Und „Der Fan“ war eben keine schöne Erfahrung. Ich stehe schon gerade für das, was ich tue. Aber anschauen muss ich das nicht. Das würde nur weh tun.

Sie haben damals gegen den Film prozessiert. Heute muss man das ja als Pioniertat in Sachen #MeToo sehen. Den Film könnte man so heute nicht mehr drehen. Sie wurden mit 16 regelrecht ausgenutzt, waren die ganze Zeit nackt zu sehen. Obwohl man Ihnen etwas anderes zugesichert hat.

Danke, dass Sie das so sehen. Und das ansprechen. Dann merke ich, es war nicht umsonst. Heute würde man #MeToo sagen, damals war das „künstlerische Freiheit“. Ich musste dauernd nackt spielen, man beschwichtigte mich aber, man würde nur mal einen Arm oder ein Bein sehen. Ich war damals 16, vielleicht war ich auch naiv. Aber ich habe eben vertraut! Man hat mir dann keine Muster mehr gezeigt, und als ich darauf bestand, sie zu sehen, fiel ich aus allen Wolken. Der Prozess hat leider nichts gebracht, er hat dem Film eher noch mehr Aufmerksamkeit beschert. Ich wollte aber ein Zeichen setzen. Und zeigen, dass man sich wehrt. Ich war dann aber die, die protestiert hat. Für Fernsehsender war ich erst mal nicht tragbar. Und hatte plötzlich keine Arbeit mehr.

Dann dürften Sie froh sein, dass durch die #MeToo-Debatte endlich ein Umdenken in der Gesellschaft eingesetzt hat?

Es geht nicht darum, Recht zu bekommen. Aber ich habe mich immer als Kämpfer für die Gerechtigkeit gesehen. Natürlich habe ich mich damals gefragt: Lag ich falsch, hab ich mich überschätzt? Aber es ist schön, wenn man sieht: Man lag eben nicht falsch. Natürlich muss man vorsichtig sein, man darf nicht alles in einen Topf werfen. Aber ich finde, die Diskussion ist aufgeflammt und dann sang- und klanglos verschwunden. Es wurden ein paar Namen genannt, diese Herren wurden in Frührente geschickt, totgeschwiegen oder verschwanden aus der Öffentlichkeit. Aber das reicht nicht. Man muss der Sache auf den Grund gehen. Stattdessen wirft man Frauen, die sich jetzt zu Wort melden, vor, sie seien Trittbrettfahrer oder suchten ihren „moment of fame“. Das ist sehr unfair. Niemand geht mit so etwas raus, wenn er nicht muss oder glaubt, dass er damit anderen helfen kann. Und manchmal braucht es Jahre, bis man den Mut hat, darüber zu sprechen. Solange jemand, der nicht den ganzen Sachverhalt kennt, es sich erlaubt, das zu verurteilen, solange sind wir nicht wirklich einen Schritt weiter.

War das damals für Sie auch ein Grund, in die USA zu ziehen?

Nein. Ich wollte nach Amerika, weil ich auf die Schauspielschule wollte. Aber das hat den Entschluss vielleicht ein bisschen beschleunigt. Das hat mich vielleicht auch gerettet, was den Job angeht.

Sie führen auch Regie. Vor 20 Jahren haben Sie Ihren ersten Kurzfilm gedreht. Jetzt arbeiten Sie an Ihrem Langfilmdebüt „Poison“. Wäre Corona nicht gewesen, hätten Sie ihn sogar schon im August gedreht?

Ja, leider. Wir haben das jetzt auf Ende Dezember verschoben. Aber die Finanzierung steht, das hat auch lange genug gedauert. Wir sind jetzt im Casting-Prozess. Ich hoffe, dass ich schon bald Namen nennen kann. Es ist die Verfilmung von „Gift“, einem Theaterstück von Lot Vekemans, das ja auch in Berlin mit großem Erfolg am DT läuft, mit Dagmar Manzel. Ich habe es auch gespielt, am Kasemattentheater in Luxemburg, und mich wahnsinnig verliebt: weil ich selten etwas gespielt habe, wo jeder Satz stimmt und keiner zu viel ist. Das Drehbuch habe ich gemeinsam mit der holländischen Autorin entwickelt.

Reizt es Sie, künftig mehr Regie zu machen? Vielleicht auch nur noch Regie?

Ich sehe mich als Geschichtenerzähler. Das ist alles, was wir tun in diesem Beruf. Mal erzählt man sie im Theater, mal im Fernsehen, mal im Kino. So gesehen, ist auch Regieführen nur eine andere Form des Erzählens. Schön ist die Möglichkeit, sich in einen Inhalt hineinzuknien. Ich tue mich immer schwer mit flüchtigen Sachen. Und natürlich denkt man auch nach, dass man älter wird und ob man noch Rollen bekommt. Obwohl ich da seit „Bad Banks“ wirklich nicht klagen kann. Der Punkt ist der: Ich will nicht abhängig sein. Ich bin gern aktiv. Als Schauspieler bist du aber sehr fremdgesteuert. Das bist du als Regisseur schon auch, weil du dich um die Finanzierung kümmern musst. Aber wenn die steht, erzählst du deine Geschichte.

Und da Sie selbst „Bad Banks“ angesprochen haben: Wird es denn eine dritte Staffel geben?

Ich wünschte, ich könnte das beantworten. Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube, alle waren so überrascht von dem Erfolg, dass man das erst mal verdauen musste. Ich wünsche es mir aber. Ich möchte schon wissen, wie es mit Christelle LeBlanc weitergeht. Und ich finde, man muss die Geschichte auch zu Ende erzählen.

Zwei neue Folgen „Der Irland-Krimi“: „Das Verschwinden“ am 25.3., „Das Vergeben“ am 1.4., jeweils ARD, 20.15 Uhr