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Marvel oder DC? Duell der Superhelden im Netz

| Lesedauer: 9 Minuten
Peter Zander
Bei DC gibt es noch mal das Aufgebot der Superhelden als Justice League: The Flash (Ezra Miller), Superman (Henry Cavill), Cyborg (Ray Fisher), Wonder Woman (Gal Gadot), Batman (Ben Affleck) und Aquaman (Jason Momoa, v.l.).

Bei DC gibt es noch mal das Aufgebot der Superhelden als Justice League: The Flash (Ezra Miller), Superman (Henry Cavill), Cyborg (Ray Fisher), Wonder Woman (Gal Gadot), Batman (Ben Affleck) und Aquaman (Jason Momoa, v.l.).

Foto: DC Entertainment / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Neues von der Comic-Kino-Front: Sky zeigt „Zack Snyder’s Justice League“, Disney+ die Serie „The Falcon and the Winter Soldier“.

Sind Superhelden eigentlich immun gegen Corona? Gegen die Pandemie jedenfalls sind auch sie nicht gefeit. Weil die Kinos geschlossen sind, können die Comic-Verfilmungen – die letzten Blockbuster, die den Namen noch verdienen – nicht starten. Manche liegen auf Halde, wie der erste Solo-Film für Scarlett Johansson als „Black Widow“, der schon im April 2020 starten sollte. Andere werden erst mal exklusiv gestreamt, wie derzeit „Wonder Woman 1984“ auf Sky.

Wobei die Studios ob ihrer megateuren Superproduktionen sehr nervös sind: Im Netz könnten sie vielleicht nicht so wahrgenommen werden wie bei einem weltweiten Kinostart - und spielen auch nicht so viel ein. Aber wenn man sie zulange bunkert, könnte das Interesse des Milliardenpublikums nachlassen. Also muss man es weiter bei Laune halten.

Der ungewöhnlichste Director’s Cut, den es je gab

Jetzt gibt es sogar ein regelrechtes Duell der Superhelden. Auch in der Krise gönnen sich die beiden großen Comic-Häuser DC und Marvel wohl nicht die Butter auf dem Brot. Und starten zwei von den Fans mit Spannung erwartete Produktionen fast gleichzeitig. „Zack Snyder’s Justice League“ ist seit Donnerstag auf Sky zu sehen, die Serie „The Falcon and The Winter Soldier“ startet am heutigen Freitag auf Disney+. Ein Konkurrenzkampf um die Frage, welches Comic-Unternehmen „superer“ ist.

Beim Geschäft mit Comicheftchen hatte DC, das Haus, das Superman, Batman und Wonder Woman kreierte, Jahrzehnte die Nase vorn. Im Kino aber zog Marvel mit seinen Helden Iron Man, Captain America und Thor vorbei und hat mit dem Marvel Cinematic Universe (bislang 23 Filme) das erfolgreichste Franchise aller Zeiten entwickelt. Wer wird nun im direkten Rennen besser laufen – und mehr Klicks generieren?

Dabei ist „Zack Snyder’s Justice League“ kein neuer Film, sondern ein Déjà-Vu. Die ganz spezielle Version eines Director’s Cut. Nachdem Christopher Nolan seine „Batman“-Reihe beendete und Zack Snyders Supermanfilme „Man of Steel“ und „Superman vs. Batman“ eher mittelprächtig gerieten, entschied sich DC, seine Superhelden, wie die Marvel-Konkurrenz bei den „Avengers“, im Rudel aufzubieten. Und konnte sich dabei auch auf Comicheftvorlagen berufen: die „Justice League“ mit Bat- und Superman und Nebenhelden wie Wonder Woman, Aquaman und The Flash.

Bloß nicht den Film gucken: Es bricht dir das Herz

„Justice League“ kam bereits Ende 2017 ins Kino. Dass er nicht recht ankam, hat einen tragischen Hintergrund. Kurz nach den Dreharbeiten beging Snyders Tochter Autumn Suizid. Der Vater überließ die Postproduktion Joss Whedon. Der hat pikanterweise zuvor bei der Konkurrenz „Avengers“-Filme gedreht und schrieb nun zahlreiche Szenen um, die er selbst inszenierte.

Der Film geriet so weit weniger düster, was durchaus im Sinn des Studios Warner Bros lag. 90 Prozent von Snyders Material soll gar nicht verwendet worden sein. Snyder hat den fertigen Film nie gesehen. Seine Ehefrau, aber auch Christopher Nolan, der „Justice League“ koproduzierte, rieten ab: Es würde „sein Herz brechen“.

Dass Whedons Version eher enttäuschte, ist wohl der Grund, warum die lang angekündigte Fortsetzung „Justice League 2“ nie realisiert wurde. Dafür forderten enttäuschte Fans in einer Online-Petition und unter dem Hashtag #ReleaseTheSnyderCut die Veröffentlichung des Snyder-Cuts. Wirklich setzte Snyder sich in den Schneideraum, um den Film wie ursprünglich intendiert zu Ende zu führen. Warner, mit Whedons Film auch nicht ganz zufrieden, gab sein Okay.

Der „Snyder-Cut“ ist nun mit fast vier Stunden doppelt so lang wie der Kinofilm von 2017. Ursprünglich als Vierteiler beim Fernsehsender HBO geplant, läuft er dennoch in einem Stück. Wieder lockt der Tod von Superman (Henry Cavill) superböse Aliens auf die Erde. Wieder muss Batman (Ben Affleck) andere Superhelden akquirieren, um sich ihnen zu stellen. Weil diese bei DC aber nicht so breit gestreut sind wie bei Marvel, nimmt die Suche einen großen Teil des Films ein. Und natürlich wird auch Superman wieder zum Leben erweckt.

Filmrekonstruktion über eine Wiederauferstehung als Trauerverarbeitung

Dieselbe Geschichte, dieselben Stars – und doch ein ganz anderer Film. Ein in dieser Tragweite wohl einmaliger Fall in der Geschichte des Films. Als Batman wurde Ben Affleck ja längst ausgemustert und durch Robert Pattinson ersetzt. Hier darf er noch mal sein starres Mimenspiel unter der Fledermausmaske kaschieren. Aber auch Jared Leto, Batmans Gegenspieler Joker in „Suicide Squad“, tritt hier überraschend noch mal als Grinseschurke auf. Weil auch Snyder noch ein paar Szenen nachdrehen ließ.

Die Neuversion ist deutlich düsterer und tragischer. Sie verhält sich zur ersten „Justice Lea­gue“ wie, sagen wir, Tim Burtons Batman-Filme zu denen von Christopher Nolan. Doch der Snyder-Cut trägt schwer an seinem Pathos. Und ist doch etwas zu lang und episch und findet, wie einst „Herr der Ringe“ kein Ende, sondern gleich mehrere. Offenbar war Snyder in seiner Ehre tief verletzt und musste sie mit jeder Szene wiederherstellen. Vor dem Abspann steht eine Widmung: für Autumn. Eine Filmrekonstruktion über gebrochene Helden und die Wiederauferstehung eines Toten als Trauerverarbeitung eines persönlichen Verlusts.

Ganz anders dagegen die Tonalität von „The Falcon and The Winter Soldier“: mit hellen, sonnigen Bildern, weiten, satten Landschaften und reichlich Action, von Anfang an. Schon zu Beginn der Filmreihe hat Marvel sein Universum auch auf Serien wie „Agents of S.H.I.E.L.D.“ ausgeweitet. Nachdem Disney das Marvel-Studio aufgekauft hat, wird das in hohem Maße potenziert. Die neuen Serienkonzepte greifen nun auch direkt in die Heldenschar der „Avengers“. Mit WandaVision“ startete kürzlich eine erste solche Serie mit Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) und Vision (Paul Bettany): das Ganze aber im Stil einer typischen Familien-Sitcom wie als Travestie angelegt. Womit Marvel seine Fans wirklich überraschte.

Eher ein Pausenbrot als das Hauptgericht

„The Falcon and the Winter Soldier“ fährt dagegen wider auf klassischem Avengers-Kurs. Die Serie knüpft direkt an das letzte Superheldenklassentreffen „Avengers: Endgame“ an, in dem Captain America seinen ikonischen Schild an seinen Kampfgefährten Falcon (Anthony Mackie) abgab. Der hadert nun damit, in dessen Fußstapfen zu treten. Und stiftet die Utensilien des abgetretenen Helden lieber einem Museum. Aber dann wird einfach ein neuer Captain America ausgerufen und mit dessen Arsenal ausgerüstet. Was Falcons Unmut weckt. Bald muss er sich auch, was sich schon in „Endgame“ andeutete, mit Winter Soldier (Sebastian Stan) verbünden - auch wenn die beiden sich gar nicht grün sind.

Regisseurin Kari Skogland lehnt sich weit aus dem Fenster, wenn sie meint: „Die Filme sind der Snack und das hier ist wie das Hauptgericht.“ Natürlich hat man in sechs Folgen à 48 Minuten mehr Zeit, die Charaktere auszuloten. Aber am Ende ist diese Serie wohl doch eher das Pausenbrot bis zum nächsten Kinoknaller.

Wer kommt besser an?

Immerhin gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Auch Don Cheadle kehrt als War Machine zurück und Daniel Brühl als Bösewicht Zemo (eine Rolle, über die er sich jüngst in seinem Regiedebüt „Nebenan“ lustig machte). Es würde uns auch nicht wundern, wenn am Ende wieder Captain America aus dem Hut gezaubert würde. Ein Superheld ist immer nur so lang weg, bis er effektvoll reanimiert wird. Siehe Superman – in beiden Versionen von „Justice League“.

Ob DC oder Marvel, eigentlich treten alle Superhelden immer nur für das große Ganze an: um die Welt zu retten. In diesem Comic-Doppelschlag in zwei Tagen aber sieht es doch so aus, als ob sie auch gegeneinander antreten. Wer dabei besser wegkommt, hängt jedoch nicht nur von den Filmen ab. Sondern wohl auch davon, welche Plattform die größere Reichweite hat.

„Zack Snyder’s Justice League“: seit 18. März abrufbar auf Sky. „The Falcon and the Winter Soldier“: 6 Folgen, ab 19. März jeden Freitag eine Folge bei Disney+