Buch

„Der Libanese“ - Ein Roman wie aus der Realität

| Lesedauer: 4 Minuten
Dan von Medem
Razzia in einer Neuköllner Shisha-Bar: Der Kampf gegen Drogenhandel und Clankriminalität gehören zum polizeilichen Alltag in der Hauptstadt.

Razzia in einer Neuköllner Shisha-Bar: Der Kampf gegen Drogenhandel und Clankriminalität gehören zum polizeilichen Alltag in der Hauptstadt.

Foto: Thomas Peise

Der Autor Clemens Murath beleuchtet in „Der Libanese“ den Kampf gegen den organisierten Drogenhandel in Berlin.

Berlin. Razzien in Shisha-Bars, beschlagnahmte Immobilien – der Staat hat der Organisierten Kriminalität arabischstämmiger Familien den Kampf angesagt. Mit regelmäßigen Aktionen versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft den Druck hochzuhalten. Kritiker bemängeln eine Kriminalisierung der Betreiber von Shisha-Bars sowie Sippenhaft ganzer Familien, von denen laut Insidern nur etwa 20 Prozent kriminell sind.

Clemens Murath orientiert sich bei seinem Romandebüt „Der Libanese“ sehr nah an der Realität. Die Geschichte der fiktiven Familie Aziz entspricht exakt realen Berliner Familien, die seit Jahren Staat und Berliner Polizei mit ihren kriminellen Aktivitäten in Atem halten. Ursprünglich aus dem Südosten der Türkei stammend wurden sie als Kurden von Staatsgründer Atatürk in den 1920er-Jahren vertrieben und landeten als Staatenlose im Libanon. Von dort flohen sie in den 1980er-Jahren vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland.

Für den Kampf gegen die Clans im Roman zuständig ist Kommissar Frank Bosman, Spitzname „Shooter“. Geboren in Berlin, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, gerät er als Jugendlicher auf die schiefe Bahn. Autos knacken, Einbrüche, mit Drogen dealen – Bosman absolviert die typische Karriere eines Berliner Kleinkriminellen. Bis er vor Gericht landet. Seine Großmutter, bei der Bosman seinerzeit lebt, kann die Verurteilung nur mit großem Engagement abwenden. Und von da an tauscht Frank Bosman die Seiten.

Murath erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven

Während in der Realität der Konflikt zwischen tschetschenischen Gruppen und arabischen Familien in Berlin immer wieder eskaliert, ist es im Buch die albanische Mafia, die das Drogenimperium der Familie Aziz bedroht. Als Tarik Aziz einen der Anführer der Albaner vor einer Diskothek ersticht, beginnt Frank Bosman mit der Jagd auf ihn.

Clemens Murath erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Bosman, Clanchef Arslan Aziz, sein Bruder Tarik sowie Bosmans Schwager Harry schildern ihre Sicht der Dinge. Arslan gibt sich gerne als seriöser Geschäftsmann, der versucht, das Geld des Clans in legale Bahnen zu lenken. Trotz Vermögens, teurem Anwalt und guten Beziehungen scheitert er immer wieder an seinem Ruf und der Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft. Sein stets heißsporniger Bruder Tarik ist ihm auf dem Weg in die Seriosität auch keine große Hilfe.

Die Spannung des Buches ergibt sich weniger durch die Lösung des Falles – wird Tarik geschnappt oder kann er wieder entwischen –, sondern durch die verschiedenen Manöver, Finten und Schachzüge der einzelnen Figuren. Es wird bedroht, erpresst, gelogen und intrigiert von allen Seiten. Mit einer weißen Weste kommt niemand aus der Sache heraus.

Als Autor von Drehbüchern kann Clemens Murath die Geschichte wunderbar filmisch in einzelne Szenen aufteilen. Die verschiedenen Stränge der Handlung sind geschickt miteinander verknüpft, die Spannung bleibt konstant hoch. Sehr authentisch wirkt auch der Sound der Straße, den Murath benutzt. Szenen über Gewalt, Sex und Drogenkonsum beschreibt er teils sehr drastisch.

Das Bild vom modernen Robin Hood entsteht

Kommissar Bosman legt die Einhaltung von Regeln gelegentlich sehr eigenwillig aus. Während er in Jugendzeiten das illegal verdiente Geld für Besuche im Puff verwendete, zweigt er nun zusammen mit seinen Kollegen beschlagnahmtes Rauschgift ab, um damit Informanten zu bezahlen. Sichergestelltes Bargeld wandelt er in Spenden für die Berliner Tafel um, die sozialschwache Menschen mit Essen versorgt. Dieses Bild eines modernen Robin Hood lässt den Polizisten allerdings etwas zu heldenhaft erscheinen.

„Der Libanese“ ist neben einem Gangster-Roman auch ein Buch über verschiedene Berliner Milieus. Dealer im Görlitzer Park, Tennis spielende Staatsanwälte im Grunewald, männliche Prostituierte im Tiergarten – sehr detailliert beschreibt Murath sogar einzelne Straßenecken, Cafés oder Dönerläden. Allerdings unterlaufen ihm dabei manchmal Fehler, wenn er beispielsweise die U-Bahn-Linie 2 statt der berühmten Linie 1 auf der Hochbahn durch Kreuzberg rattern lässt oder Pistazien mit den Zähnen geknackt werden statt Sonnenblumenkerne.

Kommissar Bosman bleibt den Lesern auch nach Ende des Buches erhalten, das gelungene Romandebüt von Clemens Murath soll nicht das letzte Buch sein. In der bereits geplanten Fortsetzung der Reihe muss sich der Polizist weiter mit dem international organisierten Drogenhandel rumschlagen. Diesmal allerdings mit Unterstützung von höchster Ebene.

( dpa )